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Tipps und Fragen von Auswanderungswilligen und Leuten, die es schon in Brasilien geschafft haben / Wirtschaftliche Unabhängigkeit

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Beitragvon isis » Mo 18. Mär 2013, 12:59

Den kennen wir doch alle aus unserem Forum. ;)

"In Deutschland drohte die Arbeitslosigkeit, in Brasilien lockte ein neues Leben: Matthias Bergmann fiel das Auswandern trotzdem schwer. Zunächst. Nun tanzt er Samba in den Favelas, ist mit einer Brasilianerin verheiratet hat und will gar nicht mehr weg. Trotz der Gewalt."

http://www.spiegel.de/karriere/ausland/auswandern-nach-brasilien-ingenieur-arbeitet-in-belo-horizonte-a-888447.html
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Re: Lemi Online

Beitragvon Lemi » Di 19. Mär 2013, 16:00

Der hat sogar dieses Forum hier gegründet! Hatte ich ganz vergessen, in dem Interview zu erwähnen. :D
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Re: Lemi Online

Beitragvon zagaroma » Di 19. Mär 2013, 16:31

Und immer tut die Berichterstattung so, als gäbe es in Brasilien nur Favelas, Drogen und Gewalt. :^o

Aber die gutsituierten Bürger in ihren schönen Häusern, Schulen und Klubs vermitteln ja auch keine Gruselschauer, gell?
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Re: Lemi Online

Beitragvon Berlincopa » Di 19. Mär 2013, 17:22

zagaroma hat geschrieben:Und immer tut die Berichterstattung so, als gäbe es in Brasilien nur Favelas, Drogen und Gewalt. :^o

Aber die gutsituierten Bürger in ihren schönen Häusern, Schulen und Klubs vermitteln ja auch keine Gruselschauer, gell?


Man kann den Artikel als durchaus ausgewogen, informativ und interessant bezeichnen, den üblichen Klischees wir schon teilweise begegnet.
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Re: Lemi Online

Beitragvon BrasilJaneiro » Di 19. Mär 2013, 19:53

zagaroma hat geschrieben:Und immer tut die Berichterstattung so, als gäbe es in Brasilien nur Favelas, Drogen und Gewalt. :^o

Aber die gutsituierten Bürger in ihren schönen Häusern, Schulen und Klubs vermitteln ja auch keine Gruselschauer, gell?



Das habe ich auch so gefühlt. Es ist aber nicht wichtig, ob es in Brasilien reiche, schöne und gut situierte Bürger und Immobilien gibt. Importante ist, dass die Menschen auch in den favelas liebenswürdige Brasilianer sind. 1992 hätte ich eine tolle Carioca heiraten können, die als Lehrerin in den favelas lebte und unterrichtete. Außerdem war sie in einer Samba-Schule und ich sollte Carnaval 1993 mit auf einem Wagen fahren. Auf das alles zu verzichten war mein größter Fehler.
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Re: Lemi Online

Beitragvon zagaroma » Di 19. Mär 2013, 21:24

BrasilJaneiro hat geschrieben:Importante ist, dass die Menschen auch in den favelas liebenswürdige Brasilianer sind. 1992 hätte ich eine tolle Carioca heiraten können, die als Lehrerin in den favelas lebte und unterrichtete. Außerdem war sie in einer Samba-Schule und ich sollte Carnaval 1993 mit auf einem Wagen fahren. Auf das alles zu verzichten war mein größter Fehler.


Es besteht eine gute Chance, dass Du es heute für Deinen grössten Fehler halten würdest, die tolle Carioca geheiratet zu haben. Wenn Dein Instinkt Dich damals davon abgehalten hat, gab es sicher gute Gründe. Natürlich gibt es in den Favelas wunderbare Menschen, aber man sollte es auch nicht romantisieren, dieses Leben ist kein Zuckerschlecken und der Alltag holt einen immer ein. Als Europäer ist man einfach längst herausgewachsen aus diesem Mangel an Platz, Hygiene, grundlegender Bildung. Tut mir leid, wenn sich das jetzt überheblich anhört, aber es ist nun mal Tatsache.
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Re: Lemi Online

Beitragvon Lemi » Mi 20. Mär 2013, 09:09

Klar, ich hätte auch von der "Mina do nosso condominio" berichten können oder den Ärgernissen der gutsitierten Brasilianer bei der Visumsbeschaffung für ihre USA-Reise, aber die Redaktuerin vom Spiegel wollte nun mal Hintergrundwissen zu meiner inside-favela.com HP und das habe ich ihr versucht zu geben und auf eine solche Art und Weise zu vermitteln, dass möglichst wenig Klischees bedient werden. Ich habe ihr z.B. lang erklärt, wie eine Favela zusammengesetzt ist, wie die Drogenkommandos dort reingekommen sind und was ihre Funktionen dort drin sind. Sie hat das unter einem der Fotos kurz erwähnt. Das ist völlig klischeefrei. Gleiches gilt für die UPPs. Sie hat mich darüber gefragt. Ich habe ihr geantwortet, dass ich die Berichterstattung in der Presse als oberflächlich und zu staatsfreundlich empfinde. Ich habe ihr erzählt, dass bisher nur 30 von knapp 1000 Favelas befriedet worden sind und die Drogenkommandos vor den Aufräumungsaktionen auch noch durch die Presse benachrichtigt werden und so Zeit haben, in Ruhe umzuziehen. Es kommt also nur zu einer Verschiebung der Gewalt, nicht zur Beseitigung. Auch das hat sie geschrieben, und es ist keinesfalls Klische.

Klischee ist Karneval, aber er ist nun mal realexistierend. Und wer Rios Sambaschulen so gut wie ich kennt, weiss, dass die Gefahr gross ist, sich in diesen ganzen Zirkus zu verlieben. Das gilt auch für Journalisten.

Über Fussball und Frauen haben wir übrigens nicht gesprochen, auch nicht über die Abholzung des Amazonas.
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Re: Lemi Online

Beitragvon Berlincopa » Do 21. Mär 2013, 01:02

Lemi hat geschrieben:Gleiches gilt für die UPPs. Sie hat mich darüber gefragt. Ich habe ihr geantwortet, dass ich die Berichterstattung in der Presse als oberflächlich und zu staatsfreundlich empfinde. Ich habe ihr erzählt, dass bisher nur 30 von knapp 1000 Favelas befriedet worden sind und die Drogenkommandos vor den Aufräumungsaktionen auch noch durch die Presse benachrichtigt werden und so Zeit haben, in Ruhe umzuziehen. Es kommt also nur zu einer Verschiebung der Gewalt, nicht zur Beseitigung. Auch das hat sie geschrieben, und es ist keinesfalls Klische.



Immerhin sind doch mittlerweile die größten Favelas in Rio befriedet und somit von der Bevölkerungsanzahl ein recht hoher Anteil. Die Informationen über bevorstehende Befriedungsaktionen kommen meistens offiziell von den Behörden, schließlich will man keine Blutbad anrichten, sondern eine möglichst friedliche Einnahme des Viertels. Es ist doch auch so, daß sich meist nur die Schwerverbrecher absetzen, die Kleinkriminellen und Helfer bleiben eher und müssen sich in der neuen Situation nach neuen (legalen) Einnahmequellen umsehen.
Und die Bosse können sich ja auch nicht immer so einfach woanders hin absetzen, um dort nahtlos weiterzumachen, da es dort ja auch bereits Bosse gibt, die sich nicht so einfach ihr Revier streitig machen lassen.
Insofern finde ich es nicht ganz korrekt, nur von einer Verschiebung der Gewalt zu sprechen; es handelt sich schon um eine Eindämmung.
Der Spiegel-Artikel ist aber dennoch informativ, authentisch und nicht klischeebehaftet.
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Beitragvon Lemi » Do 21. Mär 2013, 10:25

Berlincopa hat geschrieben:Immerhin sind doch mittlerweile die größten Favelas in Rio befriedet und somit von der Bevölkerungsanzahl ein recht hoher Anteil. Die Informationen über bevorstehende Befriedungsaktionen kommen meistens offiziell von den Behörden, schließlich will man keine Blutbad anrichten, sondern eine möglichst friedliche Einnahme des Viertels. Es ist doch auch so, daß sich meist nur die Schwerverbrecher absetzen, die Kleinkriminellen und Helfer bleiben eher und müssen sich in der neuen Situation nach neuen (legalen) Einnahmequellen umsehen.
Und die Bosse können sich ja auch nicht immer so einfach woanders hin absetzen, um dort nahtlos weiterzumachen, da es dort ja auch bereits Bosse gibt, die sich nicht so einfach ihr Revier streitig machen lassen.
Insofern finde ich es nicht ganz korrekt, nur von einer Verschiebung der Gewalt zu sprechen; es handelt sich schon um eine Eindämmung.
Der Spiegel-Artikel ist aber dennoch informativ, authentisch und nicht klischeebehaftet.


Oi Berlincopa,

Danke für die ausführlcihe Besschreibung deiner Meinung über die Verhältnisse in den befriedeten Favelas. Grösstenteils stimme ich deinen Ausführungen zu. Es gibt aber eine Aber (wie immer): Ich spreche oft mit Leute vom "Alemão" und die berichten schon von einer Rückkehr des Kommandos auf leisen Sohlen. Ich erinner mich noch sehr gut, dass nach der Einnahme des Alemão die Gewalt in drei anderen grossen Favelas sprungheit angestiegen ist. Das war in Santa Cruz, Ilha do Gov und in Niteroi, was vom "Umzug" der Bosse zeugte, da es ebenfalls CV-Favelas waren. Nichts desto Trotz bin ich ein grosser Befürworter der UPPs. Es muss halt nur durchgezogen werden und ein keine Scheinaktion für Olympia sein.

Aus der Mangueira hört man auch nur Schlimmes. Selbst nach der Befriedung geht der Mord und Totschlag lustig weiter. Das hat aber andere Gründe. Ich habe die Situation dort in der Neuauflage meines Eintrittskarten-Buchs ( http://www.amazon.de/Eintrittskarten-Rios-Unterschicht-Rio-Trilogie-ebook/dp/B00BXEOIAK/ref=sr_1_1?s=digital-text&ie=UTF8&qid=1363857486&sr=1-1 ) etwas genauer beschrieben. Eigentlich geht es um die Verflechtung des Kommandos mit der Sambaschule. Der Bericht stammt von einem der Tänzer.

Zitat:

»Lemi, die Mangueira ist eine besondere Favela in Rio. Sie ist eine historisch gewachsene Favela und gehört zu den ältesten und traditionellsten der Stadt. Mit ihr wuchs in den zwanziger Jahren die Tradition des Sambas aus ihren Kinderschuhen heraus. Jamelão, Brasiliens berühmtester Samba-Interpret, war knapp sechzig Jahre lang Sänger der Mangueira-Sambaschule. Cartola, ebenfalls Sänger, ist als wichtigster Samba-Komponist in die Geschichte des Sambas eingegangen. Die Mangueira ist mir ihren siebzehn Titeln die erfolgreichste aller Sambaschulen überhaupt.
Parallel zur Sambatradition bildete sich der Drogenhandel als eines der Hauptgeschäfte auf dem Mangueira-Hügel heraus. Anders als in anderen Favelas war der Drogenhandel hier immer ein Familiengeschäft und wurde von Generation zu Generation weiter vererbt. Natürlich vermischte sie die Tradition des Sambas mit der des Drogenhandels bereits innerhalb der Familien. Es war vollkommen normal, dass sich Drogenhändler in die Sambaschule vergnügen gingen und in den Familien der Mitglieder der Sambaschule Drogenhändler zu finden waren. Der Drogenhandel und Samba sind hier auf traditionelle Art und Weise miteinander verschweißt. Was du heute hier siehst, ist allerdings eine ganz andere Qualität der Zusammenarbeit. Heutzutage kontrolliert das »Comando Vermelho« den Drogenhandel in der Mangueira. Dieses Drogenkommando ist so reich und mächtig, dass es nicht nur das Leben in der Favela komplett kontrolliert, sondern auch sämtliche Aktivitäten in der Sambaschule. Die Direktoren müssen nach ihrer Pfeife tanzen. Falls es zu Widerspruch kommt, wird einfach kurzer Prozess gemacht. Es gibt genug Beispiele dafür. Momentan weiß ich noch nicht genau, ob Mestre Gato das neueste Opfer ist. Der Buschfunk in der Favela meint ja. Aber es gibt noch keine Leiche.
Fakt ist, dass das Drogenkommando in der Sambaschule schaltet und waltet, wie es will. In schlechten Zeiten, und die gab es hier in der Mangueira schon oft genug, spritzt das Kommando Geld aus dem Drogenhandel in die Sambaschule, um ihr Überleben und den nächsten Karnevalsumzug sicherzustellen. Mit den Geldern werden Veranstaltungen, wie zum Beispiel die heutige und öffentliche Auftritte der Sambaschule vorfinanziert. Du kannst dir nach deinen drei Besuchen hier vorstellen, dass so reichlich Geld in die Kassen der Sambaschule zurückfließt. Hinzu kommt, dass die Sambaschulen seit einigen Jahren durch die Übertragungsrechte des Karnevalsumzugs im Fernsehen und die Vermarktung des Karnevals durch die Sambaschulen-Liga LIESA regelrecht mit Geld zugeschüttet werden. Das Kommando sieht natürlich nicht tatenlos zu, sondern zwingt die Sambaschule, eine Art Schutzgeld an das Kommando abzudrücken. Hinter vorgehaltener Hand spricht man von hundertfünfzigtausend Reais pro Monat, die die Sambaschule zu zahlen hat. Lass dich aber bitte davon nicht verrückt machen, Lemi. Alle Sambaschulen werden auf diese Art finanziert und ausgebeutet. Hier in der Favela ist es das »Comando Vermelho«, in der Portela, Beija Flor und sogar in unserer Vila Isabel sind es die Bicheiros, die das gleiche Spiel treiben. Uns Cariocas ist das egal. Wir sind vergnügungssüchtig und lieben den Karneval über alles in der Welt!«
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