Luiz Ruffato "Mama, es geht mir gut"

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Luiz Ruffato "Mama, es geht mir gut"

Beitragvon Brazil53 » Fr 27. Sep 2013, 19:43

Schade, dass es das Buch nicht als e-book gibt.
Scheint aber interessant zu sein.

der Buchtipp kommt von hr-online, welche auch ein Interview mit dem Autor führte

Ruffato leistet mit seinem Roman eine fundamentale Kritik an Brasilien. Die soziale Schieflage im aktuellen Brasilien geht nach Ruffato auf eine Art Erbsünde, auf die Eroberung und Kolonisierung Brasiliens zurück. Sie kann auch nicht aktuell durch die Protestwelle behoben werden. Der Rassismus, die Gewalt in der Gesellschaft sitzen zu tief.


http://www.hr-online.de/website/rubriken/kultur/index.jsp?rubrik=42826&key=standard_rezension_49710017

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Re: Luiz Ruffato "Mama, es geht mir gut"

Beitragvon Itacare » Fr 27. Sep 2013, 21:14

Sieht so aus, dass es einige tausend Jahre dauert, bis eine Gesellschaft über Proteste, Bürgerkriege, Revolutionen, Streiks, etc. zu dem heran wächst, was wir Westeuropäer Errungenschaften nennen. Brasilien ist noch jung, wo soll es denn herkommen? Andere Länder „kopieren“ hat noch nirgendwo funktioniert.

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Re: Luiz Ruffato "Mama, es geht mir gut"

Beitragvon amazonasklaus » Fr 27. Sep 2013, 21:23

Das Buch mag gut sein und die Argumentation schlüssig.

Doch kann ich mittlerweile nicht mehr zählen, wie oft ich schon gehört habe, dass die Kolonisation die Ursache für sämtliche Missstände Brasiliens im 21. Jahrhundert sei. Mir erschließt sich beispielsweise nicht unmittelbar, warum die Portugiesen knapp 200 Jahre nach der Unabhängigkeit Brasiliens Schuld daran sein sollen, dass das heutige Schulsystem nichts taugt.

In diesem Zeitraum hätte sich das brasilianische Volk durchaus aufraffen und Verbesserungen implementieren können. Aber letztendlich bekommt das Volk die Regierung, die es verdient, auch wenn es befriedigender ist, die Schuld auf jemand anderen abzuschieben.
"Em Portugal, de onde eu acabei de vir, o desemprego beira 20%, ou seja, um em cada quatro portugueses estão desempregados." -- Dilma Rousseff
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Re: Luiz Ruffato "Mama, es geht mir gut"

Beitragvon Berlincopa » Fr 27. Sep 2013, 23:51

Itacare hat geschrieben:Sieht so aus, dass es einige tausend Jahre dauert, bis eine Gesellschaft über Proteste, Bürgerkriege, Revolutionen, Streiks, etc. zu dem heran wächst, was wir Westeuropäer Errungenschaften nennen. Brasilien ist noch jung, wo soll es denn herkommen? Andere Länder „kopieren“ hat noch nirgendwo funktioniert.

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Was waren denn die Errungenschaften in Europa z.B. zwischen 1933 und 1945? Modernste Gaskammern und Krematorien? Da war ja Westeuropa schon ganz schön alt und hatte auch die Aufklärung schon lange hinter sich.
Auch gab es in Braslien keine so blutigen Bürgerkriege wie in vielen europäischen Staaten, ebenso fanden nicht viele Kriege zwischen den lateinamerikanischen Staaten statt.
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Re: Luiz Ruffato "Mama, es geht mir gut" (trotz Kolonisati

Beitragvon Westig » Sa 28. Sep 2013, 00:03

Und in Peru heißt es allen Ernstes, Machu Picchu sei der Nabel der Welt gewesen, den die Spanier zerstört haben ebenso wie die Hochkulturen von Sipán / Lambayeque, die der Azteken in Mexico auch, und davon haben sich die Völker bis heute nicht erholt und die heutigen Zustände in Peru und überhaupt in Lateinamerika finden ihre Ursache in der Kolonisierung. Das sagt einem fast jeder Taxifahrer in Lima, (und die Populisten um Präsident Humala allemal) der der peruanischen Inkakultur nachweint. Mal abgesehen davon, dass die Inka beim Bau von Machu Picchu um 1450 keine weitergehende Bearbeitung von Steinen kannten, auch keine Schrift, als es in Europa bereits Universitäten, Kathedralen und feudale Schlösser und Hofkonzerte gab. Aber das würde einem der Taxifahrer in Lima nicht glauben. Und man / frau muss es ihm ja auch nicht erzählen..

Vielleicht ist es sinnvoller, über den Kolonialismus unserer Zeit zu sprechen. Es gab in Zentralasien keinen islamistischen Terrorismus, bevor ihn nicht die USA als Guerrilla gegen die linken Kräfte in Afghanistan gefördert und mitgeschaffen haben. Es gab in Lateinamerika keine blutrünstigen Schurken im Sinnne von Trujillo / Dominikanische Republik, Somoza / Nicaragua, Batista / Cuba, Strössner / Paraguay, und wie sie alle heißen diese Diktatoren, von denen Reagan sagte: es sind Schurken, aber sie sind unsere Schurken.

Denn so manche Eliten in der Dritten Welt wären in der Regel gar nicht an der Macht, hätten sie die USA und ihre Partner nicht dorthin gebracht und dort gehalten. Die wirtschaftliche Ausbeutung und Entfremdung ganzer Nationen hat mit der Globalisierung, der internationalen Wirtschafts- und Handelspolitik zu tun, in der Tat. Zunächst jedoch mit der gnadenlosen persönlichen Haltung der Eliten, die sich aus einzelnen Personen zusammensetzen, denen Ethik und soziale Moral abhanden gekommen ist. 145 Personen verfügen in El Salvador über mehr als 25 Mrd.USD Auslandsvermögen. Und ihren sozialkritischen Erzbischof und etliche Jesuiten haben sie brutal ermorden lassen. Nicht in der Kolonialzeit, sondern in den achtziger Jahren. Der neue World Ultra Wealth Report spricht von 985 Personen in Zentralamerika, deren Privatvermögen auf 128 Mrd. USD beziffert wird. Folgen der spanischen Kolonialisierung?

Die Durchsetzung von Werten und von Führungskulturen verlangt erst einmal Liebe zum eigenen Land und soziale und ethische Mitverantwortung, statt hemmungslos kalten Egoismus. Brasilien kann sich also nicht zu einer prospierienden, humanen Gesellschaft entwickeln, weil seine Schätze vor hunderten Jahren ausgeraubt und weil die Lebensprinzipien der portugiesischen Raubritter (Kolonial-„Herren“ waren die ja nicht) bis heute sozialethische Alternativen sozusagen nicht zulassen?

Das Gleiche wollen einem Angehörige von wirtschaftlichen und politischen Eliten überall in Lateinamerika weismachen, und so hört man es auch insbesondere von konservativen Kirchenführern, mit gutem Grund.

Wie sagte ein bekannter Usineiro in Pernambuco, der noch vor gar nicht lange zurückliegender Zeit Arbeiter wie Sklaven auf seinem Hinterhof in den senzalas einpferchte: „Ich hätte mir ja so gern moderne Ansiedlungen mit modernen Menschen auf meinem Besitz gewünscht. Aber die verhalten sich seit Zeiten der Portugiesischen Zuckerrohrarbeiter so wie heute. Sie wollen nicht anders. Sie können nicht anders“.
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Re: Luiz Ruffato "Mama, es geht mir gut"

Beitragvon Itacare » Sa 28. Sep 2013, 10:42

Berlincopa hat geschrieben:
Itacare hat geschrieben:Sieht so aus, dass es einige tausend Jahre dauert, bis eine Gesellschaft über Proteste, Bürgerkriege, Revolutionen, Streiks, etc. zu dem heran wächst, was wir Westeuropäer Errungenschaften nennen. Brasilien ist noch jung, wo soll es denn herkommen? Andere Länder „kopieren“ hat noch nirgendwo funktioniert.

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Was waren denn die Errungenschaften in Europa z.B. zwischen 1933 und 1945? Modernste Gaskammern und Krematorien? Da war ja Westeuropa schon ganz schön alt und hatte auch die Aufklärung schon lange hinter sich.
Auch gab es in Braslien keine so blutigen Bürgerkriege wie in vielen europäischen Staaten, ebenso fanden nicht viele Kriege zwischen den lateinamerikanischen Staaten statt.


Du schwadronierst am Thema vorbei, weil Du die Ursachen nicht kennst, was das eigentliche Thema wäre.
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Re: Luiz Ruffato "Mama, es geht mir gut"

Beitragvon Berlincopa » Sa 28. Sep 2013, 11:26

Itacare hat geschrieben:
Berlincopa hat geschrieben:
Itacare hat geschrieben:Sieht so aus, dass es einige tausend Jahre dauert, bis eine Gesellschaft über Proteste, Bürgerkriege, Revolutionen, Streiks, etc. zu dem heran wächst, was wir Westeuropäer Errungenschaften nennen. Brasilien ist noch jung, wo soll es denn herkommen? Andere Länder „kopieren“ hat noch nirgendwo funktioniert.

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Was waren denn die Errungenschaften in Europa z.B. zwischen 1933 und 1945? Modernste Gaskammern und Krematorien? Da war ja Westeuropa schon ganz schön alt und hatte auch die Aufklärung schon lange hinter sich.
Auch gab es in Braslien keine so blutigen Bürgerkriege wie in vielen europäischen Staaten, ebenso fanden nicht viele Kriege zwischen den lateinamerikanischen Staaten statt.


Du schwadronierst am Thema vorbei, weil Du die Ursachen nicht kennst, was das eigentliche Thema wäre.



Na ja, ich habe lediglich etwas polemisch Deine These, der sozusagen zwangsläufigen Weiterentwicklung von Gesellschaften in Frage gestellt: Gerade das 20. Jahrhundert hat doch gezeigt, daß auch Gesellschaften, die kulturell, wirtschaftlich und technisch hochentwickelt sind, in kürzester Zeit in die Barbarei zurückfallen können. Und das junge Land Amerika (USA) wurde trotz seiner Kolonial- und Sklavenhaltergeschichte viel früher Demokratie als alle europäischen Länder.
Ich schwadroniere also nicht, sondern versuche zu analysieren. Und welche Ursachen für was meinst Du eigentlich? Glaubst Du tatsächlich, daß man eine lückenlose Kausalkette konstruieren kann?
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Re: Luiz Ruffato "Mama, es geht mir gut"

Beitragvon Itacare » Sa 28. Sep 2013, 11:56

Man kann zumindest versuchen, die Kausalkette anhand der geschichtlichen Tatsachen zu rekonstruieren. Die Betrachtung einzelner, wenn auch folgenschwerer Ereignisse erschwert den Blick aufs Ganze.
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Re: Luiz Ruffato "Mama, es geht mir gut"

Beitragvon Westig » Sa 28. Sep 2013, 17:33

Itacare hat geschrieben:Man kann zumindest versuchen, die Kausalkette anhand der geschichtlichen Tatsachen zu rekonstruieren. Die Betrachtung einzelner, wenn auch folgenschwerer Ereignisse erschwert den Blick aufs Ganze.


Itacare hat Recht. Und was die geschichtlichen Tatsachen angeht: da habe ich mich verschrieben in meinem Beitrag: es waren selbstverständlich keine portugiesischen Zuckerrohrarbeiter, sondern afrikanische Sklaven dort auf den portugiesischen und in Folge portugiesisch-brasilianischen Grossgrundbesitzen dort in Pernambuco, von denen der Usineiro wehmütig erzählte. Und auch der angesehene, und stets zum brasilianischen Establishment gehörende Soziologe Gilberto Freyre beschrieb recht sozialromantisch, wie gut im Prinzip und insgesamt und seiner Meinung nach es die Sklaven in den "engenhos" hatten.....
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Re: Luiz Ruffato "Mama, es geht mir gut"

Beitragvon Cheesytom » Sa 28. Sep 2013, 18:17

Von Gilberto Freyre kenn ich nur "Herrenhaus und Sklavenhütte" und ich fand es nicht ´sozialromantisch` sondern es hat mir geholfen, meine neue Heimat besser zu verstehen.
Gruss aus Maceió, Alagoas
Thomas
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