Lula weiterhin Präsident

Aktuelle Tendenzen und Prognosen der brasilianischen Regierungspolitik und Wirtschaftsentwicklung / Daten und Fakten aus der mehr als 500-jährigen Geschichte Brasiliens

Beitragvon Takeo » Mi 1. Nov 2006, 23:52

tapir hat geschrieben:ich finde es nämlich ziemlich anmassend wenn ein aussenstehender über die geschichte eines landes daher quatscht, das er nur vom hörensagen kennt und von dem was einem die manipulierte brasilianische presse darüber mitteilt!


Und ich finde es anmassend, wie Du glaubst, dass ich weder Deutschland, noch Brasilien kenne!!!

Manipulierte brasilianische Presse ist übrigens das, was Euch Lula mitteilt, wir, die hier in Brasilien leben sehen selbst und machen uns unserer Bild!
Zuletzt geändert von Takeo am Do 2. Nov 2006, 00:05, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitragvon Takeo » Mi 1. Nov 2006, 23:57

supergringo hat geschrieben:Die Bevölkkerung, schon gar nicht die der Bundesrepublik, sondern die Adelsklicke um von Papen, von Schleicher (auch wenn er letzlich leidtragender war), von Blomberg und selbst (okay, ich weiss) von Hindenburg, wenn auch widerstrebend (aber nur wegen dem "Gefreiten"!), hatten sich für Hitler entschieden (sowie bestimmte Großindustrielle), die Partei lag finanziell und nach dem November-Wahlergebnis (von fast 49% runter auf 33%) eigentlich am Boden!



Sag' mal, und Dich wollte ich mal Fragen, ob Du irgendein Problem mit Adligenstand versus Bürgertum hast... Du reitest mir zu oft auf immer diesem gleichen Thema 'rum... wenn Du unbedingt willst, verkaufe ich Dir meinen virtuellen Namen... danach nenne ich mich dann "Aaron Sternberg" - klingt auch interessant!
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Beitragvon Moranguinho » Do 2. Nov 2006, 07:14

Takeo hat geschrieben:Was [...]
Immer lustig zu sehen, dass man gleich durchdreht, wenn man nur die Nazis in den Mund nimmt... Lula und Hitler, haben viel gemeinsam, wer das nicht checkt, sollte 1.) sich mal ein genaueres geschichtliches Bild über Hitler verschaffen, und sich 2.) mal besser über Lulas Marketingkampagnen und seinen politischen STIL ausseinandersetzten...

[...]



Das mag ja sein, dass es da Gemeinsamkeiten gibt. Allerdings gibt es einen bedeutenden Unterschied, und den hat Supergringo aufgeführt: Hitler wurde bei der Wahl 1932 eben nicht von einer Mehrheit des Volkes gewählt (im Fall von Lula waren es 60%), sondern nur von knapp über 30% und hat sich die Macht "erschlichen" (eben mit Hilfe der von SG genannten Personen), unterstützt durch einen altersschwachen Präsidenten Hindenburg und hat dann 1933 seine Stellung als Reichskanzler pseudodemokratisch legitimiert.

Diese historische Tatsache hat auch dann Bestand, wenn man Bilder von jubelnden Massen sieht, und steht auch nicht der Tatsache entgegen, dass danach sehr viele unschöne und schlimme Dinge geschehen sind.

Insgesamt halte ich es aber für im höchsten Maße unpassend, Hitler und Lula gleichzusetzen, auch wenn es vielleicht in Punkto Medienarbeit etc. einige Übereinstimmungen geben mag: Die wird den Verbrechen und dem Leid zwischen 1933 und 1945 mit Sicherheit nicht gerecht, ich halte das eher für eine gefährliche Verharmlosung.
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Beitragvon tapir » Do 2. Nov 2006, 11:55

Takeo hat geschrieben:
Und ich finde es anmassend, wie Du glaubst, dass ich weder Deutschland, noch Brasilien kenne!!!



lieber takeo, das glaube ich doch gar nicht, mir gehts nur um den etwas provokanten vergleich, lula - hitler!

oder will etwa lula das "demokratische" system in brasilien beiseite fegen, eine diktatur errichten, alle schuld an bestehenden missständen einer minderheit in die schuhe schieben, diese deportieren und dann "sonderbehandeln"? einen angriffkrieg gegen argentien, bolivien, usw. braucht er ja nicht zu starten, die brasilianer sind ja kein "volk ohne raum".

der vergleich ist einfach etwas drastisch! (um nicht zu sagen unerträglich)

naja, du wirst es schon wissen! nach dreizehn jahren deutschem gymnasium!

ps: nie sitzengeblieben? :roll: respekt!
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Beitragvon Brummelbärchen » Do 2. Nov 2006, 15:19

Tapir, ich glaube er hat die Ironie in Deinem vorherigen Post immer noch nicht begriffen, obwohl sie ziemlich offensichtlich ist... köstlich, Danke!

Popcorn, Popcorn!

BB'
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Beitragvon Takeo » Do 2. Nov 2006, 16:18

tapir hat geschrieben:oder will etwa lula das "demokratische" system in brasilien beiseite fegen, eine diktatur errichten, alle schuld an bestehenden missständen einer minderheit in die schuhe schieben, diese deportieren und dann "sonderbehandeln"? einen angriffkrieg gegen argentien, bolivien, usw. braucht er ja nicht zu starten, die brasilianer sind ja kein "volk ohne raum".


Genau DAS ist es ja, was ich Lula zutrauen würde, er bekommt mächtig Rückendeckung aus Caracas und eventuell auch aus La Paz... Lula redet von Demokratie, aber er zeigt sie nicht in seiner Politik. Es sieht nicht so aus, als ob die PT die Macht demokratisch an Andere abgeben würde - kommt man Lula in dieser Frage zu nah, wird er sehr frech und zeigt seine Zähne: Beispiel Korruptionsskandale und Festhalten und Entlassen von Ministern..., es zeigt sich weiterhin, dass der armen Bevölkerung eingebläut wird, dass die 'reichen' Investoren an ALLEN Missständen in Brasilien schuld sind - dabei werden Leute wie FHC oder Alckmin als Representatnten der reichen Elite hingestellt, der Mittelschicht werden immer mehr Steuern aufgebürgt, die Armen bekommen immer mehr ungerechtfertigte Rechte zugesprochen, die sie eigentlich erst mal nicht verdienen (Beispiel Arbeitsrecht: die Armen kriegen IMMER recht, egal wie wirr ihre Anschuldigungen sind -> Fazit: es werden immer weniger Leute eingestellt, zu riskant! Beispiel MST: jegliches Land wird invadiert, und die Opfer der Invasion müssen hinterher sogar noch Multas bezahlen und ihr legitimes Land vor der Justiz wieder einfechten und verlieren sogar oft noch den Prozess und ihr Land!)...

Natürlich wird Brasilien keinen Holocaust oder Weltkrieg starten, aber dennoch kann man sehr viele Paralellen zu Adolf Hitler ziehen: er hat vieles sehr ähnlich gemacht!

In Brasilien schleicht sich eine gefährliche Diktatur (incl. Hirnwäsche) ein!
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Beitragvon tinto » Do 2. Nov 2006, 21:05

Also, ich find es suuper, das Lola die Wahl gewonnen hat. Schon allein wegen der skurilen Diskussion hier. Von abenteuerlich bis albern ist ja alles dabei.

Und im übrigen haben sie den Präasidenten den sie verdient haben - wofür also die ganze Aufregung hier? Es waren doch nun wirklich sehr freie Wahlen hier und von daher verbietet sich sicher jeder dummdreister Vergleich zu 1933. Mir scheint eher einige hier wollen nicht wahrhaben, dass Brasilien so ist wie es ist...eben ganz anders.

 :-)br
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Beitragvon tinto » Sa 4. Nov 2006, 17:33

Hier mal eine Analyse, natürlich nicht von mir.

ZEIT online 31.10.2006 - 14:28 Uhr

Ein Sieg der Armen

Die Wiederwahl von Brasiliens Präsident Lula zeigt, dass das größte Land Lateinamerikas eine stabile Demokratie ist – trotz der krassen sozialen Unterschiede Von Petra Schaeber


Anhänger von Präsident Luiz Inacio Lula da Silva feiern in Sao Paulo seine klare Wiederwahl

© dpa

Lula verdankt seinen hohen Sieg bei der Stichwahl am Sonntag den 42 Millionen Armen Brasiliens. Die überwältigende Mehrheit von ihnen stimmte für den amtierenden Präsidenten. Kein Zufall, hatte er sich doch mit seinem Sozialprogramm Bolsa Familia für sie eingesetzt. „Die Mehrheit der Armen fühlte sich in den vergangenen vier Jahren unterstützt. Der Rest ist unwichtig“, schrieb der Kommentator Gilberto Dimenstein.


Dennoch sollte man den Sieg Lulas nicht einfach als einen Sieg des Populismus' abwerten. Denn gleichzeitig fang bei der Wahl in einer Reihe von Bundesstaaten ein Elitenwechsel statt. Politiker der alten, häufig korrupten Garde, wurden abgewählt. Dieser Wechsel an Schlüsselstellen in der Provinz zeigt: Es reicht nicht mehr, die Wähler mit einem Sack Zement oder einem Pöstchen zu bestechen. Eine Untersuchung unter jungen Brasilianern kommt zu dem Ergebnis, dass die meisten von ihnen sehr genau wissen, dass die Politik direkten Einfluss auf ihre Lebensbedingungen hat. Sie wissen, welche Veränderungen zu einer besseren Integration nötig sind und beurteilen Politiker überwiegend nach ihrer Kompetenz und Seriosität. So gesehen, hat sich die brasilianische Demokratie als dynamisch erwiesen.




Verloren hat die brasilianische Demokratie allerdings beim Thema Korruption: Trotz der vielen Bestechungsskandale, in welche die Lula-Regierung in der ersten Amtszeit verwickelt war, wurde Lula mit 61 Prozent der gültigen Stimmen wiedergewählt. Das zeigt deutlich: Die Wähler interessieren sich nicht dafür, ob ihre Volksvertreter korrupt sind. Dahinter mag noch das alte „Rouba, mas faz“ („Zwar klaut er, aber wenigstens tut er was dafür“) stecken, das sich vorwiegend auf die alten Eliten bezogen hat. Die verbreitete Ansicht, dass Politiker stets und immer korrupt seien, ist wohl ein weiterer Grund, warum Lula nicht bestraft wurde.


Gefährlich bleibt jedoch der Umkehrschluss: Wenn ethisches Verhalten nicht vom Wähler belohnt wird, dann ist der Korruption Tor und Tür geöffnet. Denn warum soll ein Politiker sauber bleiben, wenn es ihm die Wähler an den Urnen nicht danken? Dringende Hilfe braucht Brasilien hier von internationalen Anti-Korruptions-Organisationen, die auf Brasiliens Institutionen und Politik Druck ausüben können.

Lula verkündete nach dem Wahlsieg, dass er sich nun nicht mehr an seinen Vorgängern messen lasse, sondern an den eigenen Maßstäben der ersten Amtsperiode. Aber das dürfte schwierig sein, denn es bleibt wenig Spielraum für Erhöhungen der Sozialausgaben und Sozialinvestitionen in Bildung und Gesundheit, wenn Brasiliens Wirtschaft weiterhin so wenig wächst. Mit drei Prozent Wachstum dieses Jahr bildet das Land das Schlusslicht in Lateinamerika. Doch Lula wird seine konservative Wirtschaftspolitik und den Sparkurs der Regierung beibehalten. Der niedrigen Inflation verdankt Lula ja ebenfalls seinen Wahlsieg. Denn eine sinkende Geldentwertung spüren die Armen sofort in ihrem Etat.


Entscheidend wird sein, wie Lula den Anfang seiner zweiten Amtszeit gestaltet. Denn spätestens in zwei Jahren wird ohnehin die Luft raus sein. Nutzt er seine hohe Popularität aus, um Allianzen zu schmieden, ohne dafür zu viel Macht aus der Hand geben zu müssen? Lula kann mit einer größeren Basis im Kongress rechnen, aber sie ist immer noch zu klein für einschneidende Reformen, die bis heute auf sich warten lassen. Es sind die alten Themen: Die Rentenversicherung ist hoch defizitär. Die erdrückende Steuerlast drängt die Wirtschaft in den informellen Sektor. Es fehlt hinten und vorne an Investitionen in Straßen, Kraftwerke, Häfen und Schienennetz. Nachdem fast alle brasilianischen Kinder jetzt in die Grundschule gehen, braucht das Bildungssystem dringend eine zweite Reformwelle, um die Qualität der Universitäten und höheren Schulen zu erhöhen.


Lula, der frühere Gewerkschaftsführer, ist anders als die Präsidenten einiger seiner Nachbarländer kein linker Populist, sondern ein realistischer Politiker. Er setzt auf Verhandlungen und Kompromisse. Die Brasilianer haben ihn jetzt mit dem Mandat ausgestattet, sich erneut für sie einzusetzen. Es ist zu hoffen, dass Lula die soziale Integration fortsetzen kann und Brasilien tatsächlich zu einem demokratischen Vorbild in Lateinamerika wird.
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