Lulas Transamazonica

Aktuelle Tendenzen und Prognosen der brasilianischen Regierungspolitik und Wirtschaftsentwicklung / Daten und Fakten aus der mehr als 500-jährigen Geschichte Brasiliens

Lulas Transamazonica

Beitragvon Lemi » Fr 30. Sep 2005, 00:49

Rio São Francisco - Lulas Transamazônica?
Von Bernd Schröder 30.01.2005


2006 finden Präsidentschafts- und Parlamentswahlen in Brasilien statt - Lula
da Silva will sich im Vorfeld als Landschaftsgestalter betätigen und einen
Fluss umleiten

Dem brasilianischen Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva kam bei
Überlegungen hinsichtlich seiner Wiederwahl im nächsten Jahr in den Sinn,
die Umsetzung einer neu aufgelebten Idee aus der Zeit des imperialen
Brasiliens unter dem letzten Kaiser D. Pedro II. zu forcieren, nämlich die
Umleitung des Flusses São Francisco im semiariden Nordosten des Landes. Die
Umsetzung der auf ca. 1850 datierten Vision soll nun die chronische
Trockenheit in der Gegend beenden und bringt schwere politische, ökonomische
und regionale Interessenkonflikte zum Vorschein.

Die Arbeiten sollen im April beginnen und werden voraussichtlich umgerechnet
1.3 Milliarden Euro verschlingen; Kritiker rechnen mit mehr als 5 Milliarden
Euro. Jährlich werden bis zu 30 Millionen Euro Betriebskosten hinzukommen.
Die Weltbank hat das Projekt für wichtig befunden, um den Exodus der
Landbevölkerung in den bisher unbewässerten Gebieten zu stoppen. Zur selben
Zeit fehlen Investitionen für neue Wasserkraftwerke, die eine Bevölkerung
von 13 Millionen Menschen in einer von Stromausfällen gebeutelten Gegend
mit Elektrizität versorgen könnten.

Die Arbeiten stellen einen massiven Eingriff in den Verlauf des mit 2700
Kilometer Länge einer der größten Flüsse Brasiliens dar. Zwei Kanäle sollen
das Wasser in sieben nordöstliche Bundesstaaten (Piauí, Ceará, Rio Grande do
Norte, Paraíba, Sergipe, Alagoas, Pernambuco) weiter leiten. Hier wird
dringend mehr Wasser benötigt. Zur Befriedigung eines minimalen täglichen
Grundbedarfs veranschlagt die UNESCO im World Water Assessment Programme
(1) 20-50 Liter sauberes Wasser pro Kopf. In den vom Projekt ins Auge
gefassten Gebieten sind täglich durchschnittlich 50 Liter Wasser pro Kopf
verfügbar.

Wird die Umleitung bzw. Abzweigung von Teilen des Flusswassers genehmigt,
sollen 70% des herbeitransportierten Wassers zu Bewässerungszwecken dienen.
26% fließen in die Städte (hauptsächlich Fortaleza), und 4% bleiben für die
diffus über den Landstrich verteilt Lebenden - den eigentlich Bedürftigen.
Hauptabnehmer- und Profiteur wird der exportorientierte industrielle
Agrarsektor (Fruchtanbau mit Mango, Abacaxi und neuerdings auch Wein;
Krabbenzucht) sein.

Der "Velho Chico", wie der Fluss von den Einheimischen auch genannt wird,
entspringt im Bundesstaat Minas Gerais, passiert auf seinem Weg nach
Nordosten weitere vier Bundesstaaten (Baía, Sergipe, Alagoas, Pernambuco)
und mündet nördlich von Aracaju in den Atlantischen Ozean.

Wortspiele und andere Diskussionsbeiträge

Als problematisch wird eingeschätzt, dass die brasilianische Regierung nur
wenige Studien (2) zu den Auswirkungen der Baumaßnahmen, zum Beispiel auf
die vom São Francisco abhängigen Wasserkraftwerke, durchführen ließ. Die
Regierung Lula ist unter Zeitdruck, um im Jahre 2006 Ergebnisse präsentieren
zu können. Da bleibt kaum Gelegenheit, über die Auswirkungen des Vorhabens
auf die Umwelt zu philosophieren - oder auch nur über ein effizienteres,
demokratischeres Modell des Zugangs der Bevölkerung zu Wasser nachzudenken.
Deshalb bevorzugt die Regierung mittlerweile einen vermeintlich besser
klingenden Terminus für das Projekt: Anstelle von Umleitung spricht man nun
lieber von "Integração da Bacia do São Francisco às Bacias do Nordeste
Setentrional".

Paulo Brito, Chef-Projekt-Koordinator der Regierung, repetiert gern die
Phrase vom Ende der "Dürre-Industrie". Und meint damit die Machenschaften
der Eliten, die bislang über die Verteilung der Wasservorräte bestimmten -
außerdem eine Rechtfertigung für das vorgelegte Tempo. Bedenken wegen
eventueller Nebenwirkungen der Baumassnahmen auf die Umwelt hat er nicht.

Die Regierung behandelt die ganze Angelegenheit vorsichtig, ist aber nicht
gewillt, den Zeitplan von Lulas größtem Infrastruktur-Projekt der zweiten
Hälfte seiner Amtszeit durcheinander bringen zu lassen. Die erste Phase des
Unternehmens soll Ende 2006 abgeschlossen sein.

Die geplante Verlaufsänderung des Flusses wird auch "Lulas Transamazônica"
genannt - eine Reminiszenz an ein Megaprojekt (3) während der
Militärdiktatur in den 1970er Jahren, als man sich an ein gigantisches
Straßenbau- und Besiedlungsvorhaben im Amazonas-Gebiet wagte.

Kritische Stimmen

Das Fórum Social Nordestino (4) und die "Conferencia Nacional da Terra e
Agua", die beide große Teile an Nichtregierungs-Organisationen vereinen,
mobilisieren gegen das geplante Projekt. Die größte Herausforderung für Lula
wird dabei juristischer Natur sein. Die Komplexität des Projekts äußert sich
unter anderem auch in der vehementen Vielfalt kritischer Meinungen und im
Chaos behördlichen Waltens.

Der Chef-Koordinator des "Comite da Bacia Hidrografico do São Francisco",
Luiz Carlos da Silveira Fontes, wies (5) darauf hin, dass es neben
Wahlinteressen auf den verschiedenen Politebenen vor allem um die
ökonomischen Interessen der beteiligten Firmen und Agrarunternehmen geht,
die schon jetzt als die eigentlichen Nutznießer feststehen. Diese nutzen die
Trockenheit und die daraus resultierende Misere, um ihre eigene Macht mit
Hilfe des Projekts noch stärker zu zementieren.

In Brasilien sind 46% des Landes in der Hand von einem Prozent aller
Eigentümer. Das wird den freien Zugang zum Wasser nicht erleichtern.
Momentan sind im Nordosten des Landes 70% der für die Öffentlichkeit
gedachten Wehre nicht für die Bevölkerung verfügbar. Es besteht die Annahme,
dass nach Projektabschluss das Wasser die Ländereien verschiedener Besitzer
passieren wird, die dafür eine Gegenleistung verlangen werden. Das
Einzugsgebiet des Flusses besteht aus einem Flickenteppich
unterschiedlichster Besitztümer - die Mehrheit davon sind kleine Parzellen,
aber auch große Flächen mit unklarem juristischem Status sind anzutreffen.
Bisher läuft der Staat einer Agrarreform hinterher.

Dass letztendlich Wasser vorhanden ist, löst nicht von allein das Problem
von Trockenheit und Armut. Noch heute gibt es Gemeinden in nur 10 Kilometern
Entfernung vom São Francisco, die mit Gespannen versorgt werden müssen.

--Das Haupthindernis der Entwicklung ist nicht die Knappheit an Wasser oder
an Investitionsmitteln, sondern das Fehlen von Gerechtigkeit.-- Lula da
Silva, Anfang 2004

Zur Erleichterung des Lebens der Menschen in der Region wurde das
"Eine-Millionen-Zisternen"-Programm aufgelegt. Bei Kosten zwischen 200 und
400 Euro pro Zisterne helfen diese, regenlose Monate zu überstehen. Bei
gleich bleibendem Tempo seiner Umsetzung ist das Projekt in 30 Jahren fertig
gestellt.

Für Vertreter der Nichtregierungs-Organisationen ist das Projekt der
Umleitung des São Francisco eingepasst in ein Modell neoliberaler
Entwicklung: Wasser wird lediglich als Markt verstanden und als Objekt des
transnationalen Handels betrachtet - Export von Wasser in Form von Früchten.
Das Vorhaben soll als Signal an die Weltwirtschaft für Brasiliens
Wettbewerbsfähigkeit dienen. Befürchtet wird, dass das Wasser nach
Projektabschluss nur dem zur Verfügung stehen wird, der es auch bezahlen
kann. Für soziale Gerechtigkeit gibt es auch hier keine Garantie.

Stand der Dinge

Das Projekt erhielt Mitte Januar 2005 seine Zustimmung vom Nationalrat für
Wasserreserven CNRH (Conselho Nacional dos Recursos Hídricos) und wartet nun
auf die Genehmigung des brasilianischen Umweltamtes IBAMA (6) (Instituto
Brasileiro do Meio Ambiente e dos Recursos Naturais Renováveis). Die IBAMA
organisierte in den betroffenen Bundesstaaten Anhörungen der Bevölkerung, um
so zu einer positiven oder negativen Entscheidung über das Bauvorhaben zu
kommen - bei positivem Bescheid in Form einer vorläufigen Umweltlizenz. Bei
einem positiven Bescheid muss das Ministério da Integração einen Generalplan
zur Ausführung vorlegen, der die Baumassnahmen und ein grundlegendes
Umweltprogramm enthält. Daraufhin wiederum erteilt die IBAMA die
Baugenehmigung, die den Beginn der Arbeiten erlaubt. In Aracaju kam es 2001
bei den letzten Diskussionen dieser Art mit Regierungsvertretern zu
Tumulten. Die Abgesandten der Regierung wurden nach Androhung physischer
Gewalt mit Stühlen beworfen und mussten unter Polizeischutz aus dem Saal
eskortiert werden.

Umweltschützer geben zu bedenken, dass es billigere Lösungen wie den
Zisternen-Bau gibt, die weniger tief in die Natur eingriffen. Außerdem
sollten erst die Hausaufgaben in Form einer breit gefächerten Wiederbelebung
des Flusses gemacht werden, bevor an weiter gehende Projekte überhaupt nur
zu denken ist. Die Verschmutzung des Wassers ist ein Hauptproblem. Der
Großraum Belo Horizonte beherbergt auf 1% der Gesamtfläche 30% der
Bevölkerung des Einzugsgebietes des São Francisco - und ist verantwortlich
für 26% der Verschmutzung, hauptsächlich durch die direkte Einleitung
ungeklärter urbaner und industrieller Abwässer in die Zuflüsse des São
Francisco.

Die von der Regierung angepriesenen Vorteile der Umleitung (Verringerung der
Verdunstung, Vermeidung von Wasserverschwendung etc.) wurden in
verschiedenen Revitalisierungsprogrammen bereits berücksichtigt. Die
Revitalisierung würde nach Schätzungen (7) von
Nichtregierungs-Organisationen 80.000 Arbeitsplätze in 450 Städten entlang
des Flusses schaffen - mehr als das Umleitungsprojekt selbst. Zahlreiche
Projekte wurden begonnen und nie zu Ende geführt, andere sind aufgrund
schlechter Planung bereits wieder Geschichte.

Weitere Aspekte

Durch die mit der Restrukturierung der Landwirtschaft in den 1980er Jahren
einsetzende Nutzung des Bodens durch intensive Landwirtschaft (vor allem im
Osten Baías) und durch die vorhergehenden großflächigen Waldrodungen
verschwand auch vielerorts der Bewuchs im Uferbereich und damit der Schutz
vor Erosion der Flussränder; Versandungen und Absenkungen des
Grundwasserspiegels waren die Folge.

Ein anderes Problem stellt der Kohlebedarf der vor Ort ansässigen
Eisenmetallurgie dar: zur Bereitstellung der jährlich benötigten sechs
Millionen Tonnen Holzkohle müssen 300.000 Hektar Wald verkohlt werden. Zur
Steigerung der Eisenproduktion wird eine Verdopplung der Menge angestrebt.

Die Ergiebigkeit der Fischerei im Mittel- und Unterlauf des Flusses sank auf
10% der Fänge vor dem Bau der Staudämme in den 1960er Jahren. Fischer vom
indigenen Volk der Truká bedauern den Verlust von mehr als 30 Fischarten als
Folge der Dammbauten von Itaparica und Sobradinho. Nun wird mit der
Umleitung auch noch ein die Insel Assunção bildender Nebenarm des Flusses
verschwinden - zusammen mit dem Stammessitz. Weitere Eingeborenen-Völker
sind vom Projekt betroffen: die Pipipã, Pankararu, Kambiwá und Tumbalalá.

Der Hydrologie-Professor João Abner Guimaraes Filho, Universidade Federal do
Rio Grande do Norte, warnt (8) vor überzogenen Hoffnungen - das Wasser
würde für die Landwirte bis zu fünfmal teurer. Es ist zu erwarten, dass die
Regierung diese Kosten auf die Bevölkerung der Großstädte umschlagen und so
versteckten Subventionen für die Landwirtschaft Vorschub leisten wird.
Außerdem sieht João Abner Guimaraes Filho durch die Ungleichverteilung des
Wassers nach Abschluss der Arbeiten reichlich Konfliktpotential für die
Bundesstaaten des Nordostens.

Dabei ist der Nordosten nicht unbedingt wasserarm. Jährlich gehen 58
Milliarden Kubikmeter Regen über dem Gebiet nieder. Ließe sich ein Drittel
dieser Menge auffangen, könnte damit nach Schätzungen die gesamte
Bevölkerung der Region versorgt und zusätzlich zwei Millionen Hektar
landwirtschaftlicher Nutzfläche beregnet werden. Im Gegensatz zu diesen
Gedankenspielen gibt es im semiariden Nordosten heute 700.000 Hektar
bewässerte landwirtschaftliche Nutzfläche, und in Städten wie Recife stehen
Versorgungsprobleme mit Wasser auf der Tagesordnung. Des Weiteren sind viele
der existierenden 60.000 Brunnen des Nordostens in desolatem Zustand.

Die durchschnittliche Verschwendung in der Wasserversorgung in Brasilien
wird mit 45% beziffert. Neue Technologien sollen die Wasserversorgung für
die Landwirtschaft effizienter gestalten. Ebenso soll die Wiederverwendung
von Brauchwasser in der Industrie deren Wasserdurchsatz optimieren.

Der Geograph und emeritierte Professor Aziz Ab'Sáber von der Universität São
Paulo gilt als einer der besten Kenner des Nordostens. Er berichtet von
Bauern, die ihre Kulturen entlang des Flusses Jaguaribe im Bundesstaat Ceará
anbauen - die Bewässerung übernehmen hier die jährlichen Hochwasser; die
temporäre Nutzung des Bodens erfolgt mit dem Zurückweichen des Wassers in
der Trockenzeit ("culturas de vazante"). Viele Bauern produzieren
hauptsächlich Maniok, Bohnen und Mais und garantieren so die Versorgung der
Märkte des Inlandes.

Soll von den großen Wehren wie dem von Castanhão (9) künftig mehr Wasser
abgegeben werden, kann diese Art der Landwirtschaft nicht mehr
aufrechterhalten werden. Ab'Sáber bestätigt, dass die "Techniker der
Umleitung" das genauso sehen. Aber das ist nur eine weitere Facette der
Probleme am São Francisco.

LINKS

(1) http://www.unesco.org/water/wwap/facts_ ... eeds.shtml
(2) http://www.ana.gov.br/gefsf/
(3) http://www.uni-muenster.de/CeLA/publik/Ah/ArbHeft70.pdf
(4) http://www.forumsocialnordestino.org.br/
(5) http://www.reporterbrasil.com.br/report ... iframe.php
(6) http://www.ibama.gov.br/
(7)
http://www.forumsocialnordestino.org.br ... ent&id=109
(8) http://risf.ana.gov.br/detalhenoticias. ... 0&codman=1
(9) http://atlas.secrel.com.br/atlasasp/fot ... codigo=334
Man sieht sich,
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