Papst Benedikt XVI. hat bei seinem Besuch in Brasilien die Abwanderung von immer mehr Gläubigen aus der katholischen Kirche in Lateinamerika beklagt
Das Problem war Hauptthema an einem Treffen mit brasilianischen Bischöfen in São Paulo.
Das Kirchenoberhaupt warf protestantischen Freikirchen und Sekten vor, «aggressive» Abwerbung von Katholiken zu betreiben. Die Abkehr von der katholischen Kirche ist in vielen lateinamerikanischen Ländern seit Jahrzehnten ein Problem.
Davor hatte der Brasilien-Besuch von Papst Benedikt XVI. am Freitag mit einer festlichen Messe mit bis zu einer Million Gläubigen einen ersten Höhepunkt erreicht. Dabei plädierte der Kirchenführer für sexuelle Enthaltsamkeit vor der Ehe.
Massenmedien kritisiert
Benedikt XVI. rief die Gläubigen zur Besinnung auf moralische Werte und Keuschheit auf. Gleichzeitig übte er scharfe Kritik an den Massenmedien. Diese würden das Keuschheitsgebot der katholischen Kirche «ins Lächerliche ziehen».
Der Papst forderte mehr Engagement für die Armen und Kranken. Gleichzeitig erteilte er aber der Befreiungstheologie in Lateinamerika erneut eine Absage: «Die wahre Revolution, die entscheidende Veränderung der Welt kommt von Gott.»
Die Basisgemeinden der Befreiungstheologie hatten sich vor allem in armen Bevölkerungsschichten gebildet. Als Kardinal Ratzinger hatte der heutige Papst 1985 entscheidenden Anteil bei der Verurteilung des bekannten brasilianischen Befreiungstheologen Leonardo Boff zu einem Jahr Schweigen.
Heiligsprechung
Der Papst sprach während des Gottesdienstes im Park Campo de Marte unter freiem Himmel erstmals einen Brasilianer heilig: den als «Bruder Galvão» bekannten Franziskanermönch Antonio de Sant'Ana Galvão, der von 1739 bis 1822 lebte.
Der Gründer mehrerer Klöster ist in Brasilien vor allem wegen der ihm zugeschriebenen Heilungen durch wundersame Gebetskapseln ein Begriff - winzige Gebetstexte, die zu Röllchen geformt von Kranken geschluckt werden und Genesung von zahlreichen Gebrechen bringen sollen.
Von der Heiligsprechung in Brasilien erhofft sich die katholische Kirche auch neuen Schwung für ihre Gläubigen. Derzeit laufen der Kirche in Brasilien ihre Mitglieder scharenweise davon - entweder schliessen sie sich den evangelikalen Gruppen an, die sehr aktiv missionieren, oder sie treten ganz aus der Kirche aus.
Keuschheit bei Jugendlichen
Bereits am Vorabend hatte der Papst bei einem Treffen mit Jugendlichen im Fussballstadion Pacaembu in São Paulo Keuschheit und eheliche Treue zum Hauptthema gemacht. Er machte unmissverständlich klar, dass das Gebot der Enthaltsamkeit auch für «für die Zeit der Verliebtheit und der Verlobung» gelte.
Er löste bei den 40 000 anwesenden Jugendlichen jedoch gemischte Gefühle aus. «Die Kirche sollte für den Gebrauch von Kondomen eintreten. Sie sollte realistisch sein», sagte der 21-jährige Student Felipe Silveira. Auch der 20-jährige Robson de Compos sagte: «Die Kirche muss flexibler werden
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