Hi, ich find das Thema Kulturschock so hochinteressant, daß ich hoffe, diesen Thread wiederbeleben zu können.
Wo sind denn die ganzen Erfahrungen? Her damit, ich will sie alle lesen!
Denn ich steck grad mittendrin in dem Zirkel, der im ersten Artikel beschrieben wurde und die Sehnsucht nach dem Heimatland befriedige ich gerade mit Beiträgen zu diesem Forum.
Schon 1,5 Jahre hier bin ich immernoch irgendwie in der vorletzten Phase mit Wut und Depression usw und weigere mich standhaft, in die Anpassung überzugehen
Aber laßt mich erklären, bevor ihr mich mit aufrufen wie "Genieß dein Leben!", "Mach was aus der Zeit, die du hier bist!" zuschüttet.
Ich hab mich doch schon gut informiert, bevor ich hergekommen bin und kannte einiges aus mehreren längeren Aufenthalten.
Hab mich auch immer für einen toleranten, geduldigen und aufgeschlossenen Menschen gehalten, der gerne andere Kulturen bereist, kennenlernt und respektiert und sich in gewisser Weise auch anpassen kann.
Aber von Anfang an hatte ich das Gefühl, daß einem in Brasilien mehr als in Deutschland immer wieder Steine in den Weg geworfen werden, die einen so nach und nach richtig mürbe machen.
Kein Land ist perfekt, ich weiß, ich weiß...... und ein paar Steinchen machen mich noch nicht alle.
Aber wenn ich es in mehr als 18 Monaten z.B. trotz gutem Gehalt und simplem Lebensstandard nicht schaffe, auch nur einen Centavo für die Zukunft zu sparen, weil immer wieder unvorhersehbare Sachen auftauchen wie hirnrissige Steuern, Vertragskündigungsgebühren, die vorher niemand erwähnt hat, all die Gebühren für tausende Kopien und Übersetzungen, die man braucht, um seinen ganzen Papierkram zwecks Aufenthalt, Führerschein, Arbeitserlaubnis, usw zu regeln, Autoreparaturen und dann auch noch verklagt wird von ner geldgeilen Uni, bei der man sich eingeschrieben hat, aber wegen Umzug leider nicht mehr hingehen kann, aber das gesamte Semester bezahlen soll..... dann frag ich mich manchmal, was ich hier mache.
Und es gibt so einige brasilianische Eigenschaften und Eigenarten, an die ich mich nun einfach nicht anpassen WILL.... siehe oft Einstellung zur Arbeit - "Ach, das weiß ich nicht, also mach ich´s nicht" oder "kann ich nicht" oder "Müssen Sie den Kollegen fragen" usw.
Oder die Angewohnheit, nie die Verantortung zu übernehmen und immer die Schuld jemand anderem zuweisen.
Oder einfach die Gelassenheit, die andere Leute vielleicht grad so toll hier finden. Aber mich kotzt es einfach an, wenn ich an der Kasse am Supermarkt eh schon 20 minuten in der Schlange stehe und dann die Tante beim Einscannen meiner Produkte ihre Bewegungen verlangsamt, weil sie mit der Kollegin oder ihren anwesenden Kindern spricht und dann nach einer Ewigkeit auch noch die Frechheit hat, mich zu fragen, ob ich mein Handykonto noch aufladen will. NEIN, ich will nur bezahlen und hier raus, ehe die Hamburger auftauen und der Joghurt schlecht wird! Mensch!
Auch ganz banale Sachen regen mich - und komischerweise auch meinen brasilianischen Ehemann - oft auf: So sind wir von Sao Paulo nach Piracicaba, Interior umgezogen und mußten feststellen, daß hier die Leute im Schneckentempo und an den unmöglichsten Orten zu Fuß die Straße überqueren.... ES GIBT AMPELN UND FUSSGÄNGERÜBERWEGE!!!!
Der nächste Unfall ist schon abzusehen........
Naja, und mein Lieblingsthema: Bürokratie....
Da kann ich mich den ganzen Tag drüber auslassen und ich werde auf keine Fall und niemals akzeptieren, daß jemand, der mit Geld oder mit Despachante kommt, alles schneller und besser bekommt als ich, wo wir aber die gleiche Sache wollen.
Und, liebe Führerscheinstellenangestellte, wenn du nicht weißt, wie man den Führerschein von Ausländern verlängert, dann warte nicht wochenlang auf den einen Kollegen, um ihn danach zu fragen, sondern ziehe deine offiziellen Handbücher und Richtlinien zu Rate - sowas muß es doch hier geben, oder nicht?
Und könnte jemand bitte bitte diese blöden multas und juros auf Rechnungen abschaffen, damit ich nicht immer auch nur einen Tag nach vencimento persönlich zu einer überfüllten Bank rennen muß?
Und warum kann ich nicht öffentlich am Straßenrand parken, ohne von einem gammeligen Kerl um Geld angebettelt zu werden, das ich natürlich bezahlen muß, wenn ich mein Auto nicht geklaut oder zerkratzt wieder vorfinden möchte?
So, Schluß für heute, ich bin ja schon wieder ganz wütend...
Außerdem war das Thema ja Kulturschock - gut, ich bin geschockt und frage mich, was denn nötig ist, um sich hier an die Kultur anzupassen? Völlige Gleichgültigkeit, absolute Gelassenheit und mit weniger als nichts zufrieden sein?
Bin gespannt auf Kommentare!
Gute Nacht und Grpße aus Pira,
Anna