Problem Kulturschock

Tipps und Fragen von Auswanderungswilligen und Leuten, die es schon in Brasilien geschafft haben / Wirtschaftliche Unabhängigkeit

Beitragvon Anna82 » Di 17. Apr 2007, 12:11

Vielen Dank für den Willkommensgruß und die tollen Beiträge, so hab ich mir das hier vorgestellt.

Ich versuch mal, mir durchzuarbeiten:

@ Hartl: "Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Man liebt Brasilien oder man hasst es." --> Ja, da stimm ich zu, aber das Problem ist, daß ich ständig zwischen beiden Gefühlen hin und her schwanke, abhängig davon, was mir im Laufe des Tages hier zu passiert. :lol:

Im Unterschied zum Leben im Heimatland hat man ja hier dauernd den Hintergedanken "Ich könnt ja wieder zurück in meine gewohnten Strukturen... dahin, wo ich weiß, wie die Dinge laufen...", aber andererseits hat ja auch jeder seine guten Gründe, hier in Brasilien zu leben.

Thema Mobbing auf Arbeit: Das glaube ich gerne, obwohl ich bis jetzt immernoch in Vorstellungsgesprächen feststecke, aber so einiges von meinem Mann mitbekomme.
Wenn man jemand ist, der mitdenkt, etwas neues vorschlägt oder sich auch nur persönlich fortbilden und im Job voran kommen will, hat man gleich fast alle Kollegen gegen sich.... Denn es scheint zu viele zu geben, die eben einfach mit dem, was sie schon haben (beruflich) zufrieden sind oder eben einfach nicht wissen, wie sie es ändern sollen und jeden, der es aber tut, mit Neid belegen. Mein mann bemüht sich ständig um Weiterbildungskurse in seiner Firma, ist über die Jahre in der Jobposition aufgestiegen, aber erntet nur Seitenblicke von den "Hinterbliebenen / Untergeordneten". Komisch, das kannte ich in Deutschland nur von wenigen; hier dagegen scheint es weit verbreitet. Schade!

Ja, und die leidige Führerscheinstelle: Da hab ich doch gleich mal in ner Auto Escola nachgefragt. Die gucken da nur "Häh?", wenn ich schon mit "Sou estrangeira" anfange, also scheine ich mit weiter mit der Tante von der offiziellen Stelle rumschlagen zu müssen - heute nachmittag darf ich sie zum fünften Mal anrufen ;) Wünscht mir Glück! :P

@ bruzundanga: Ja, ich geb zu, mein Beitrag war etwas konfus, aber wennman so in der richtigen Stimmung ist, dan kommt alles auf einmal hoch :) sorry!

Thema Geld sparen: Wir haben auch gedacht, es gäbe sich mit der Zeit, aber darauf warten wir nun schon 1,5 Jahre. Klar ist das Leben mit nur einem Gehalt, auch wenn es über brasilianischem Durchschnitt ist, nicht leicht, aber in Deutschland hatte ich immer alles unter Kontrolle, sonst hätte ich ja auch gar nicht erst herkommen und mein Erspartes in ein Auto investieren können.
Klar sind einige Ausgaben auch persönliche Schuld, manchmal will man sich eben doch was gönnen oder EINMAL im Leben zum Geburtstag in den "Jardineira Grill" gehen :lol: (Wer das nicht kennt, das ist die beste und berühmteste Churrascaria in Sao Paulo, wir waren mit ca. 300,- R$ zu zweit dabei, aber es ist FANTASTISCH und ich hab drei Stunden lang am Stück gegessen :lol: )
Unabhängig davon sind mir hier über die Monate immer wieder regelmäßig Sachen aufgetaucht, wo ich nur den Kopf geschüttelt hab, die dann aber doch bezahlt werden mußten. Nur ein Beispiel, siehe mein thread bei Telekommunikation über Vertragsabschluß mit TVA. Dann habe ich lernen müssen, daß man in Brasilien unter keinen Umständen ein gebrauchtes Auto kaufen sollte. Unseres war so gut gepflegt und so gut in Schuß und macht trotzdem seit über einem Jahr jeden Monat mit einem anderen, immer teuren Problem rum. Ich denke, in Deutschland sieht ein Auto nach nur 3 Jahren doch noch relativ vernünftig aus, oder? (Ich hatte einen 9 Jahre alten Wagen, der hatte in 2 Jahren nur einmal ein Werkstattproblem)

Dann diese Unverfrorenheit, mit der hier die Bildunganstalten einen abzocken. Mein Mann wollte sein Studium fortsetzen, hatte sich eingeschrieben, konnte wegen Umzug aber nicht mehr hingehen, die Uni wollte, daß er das ganze Semester zahlt, es ging zu Gericht (de pequenas causas, das geth wenigstens schnell), aber noch vor dem Termin haben die einfach so mal eben sein Konto gesperrt und das komplette Gehalt zu sich überwiesen - worauf sie nicht mal einen rechtlichen Anspruch haben. Wir warten immernoch auf das Geld zurück, obwohl der Richter schon 2 Tage später entschieden hat, daß es unrechtens wäre....
Nun erzähl mir mal, wie man 3 Wochen mit 50 Reais in der Tasche kurz nach nem Unzug überleben soll? Ich war echt sauer...

Dann wie gesagt, die ganzen Gebühren für meinen Papierkram. In Sao Paulo hat es immer gut 90 min gedauert von mir zu Hause zur PF. Und sie haben uns unzählige Male antanzen lassen, weil sie uns nie die komplette Liste mit Anforderungen gegeben haben. Was wir da bloß an Benzin und Park"gebühr" (an meine "Freunde") verschwendet haben, ist ein Unding.

Naja, um zum Schluß zu kommen: Generell erachte ich die Lebenskosten hier in Brasilien bedeutend höher als ín Deutschland und halte dies aber auch für einen Punkt, den man erst bemerkt, wenn man wirklich hier ist.
Und ich als Organisationsfreak war eben bitter enttäuscht, daß unsere finanziellen Planungen nicht so hinkommen, wie ich mir das vorstelle.

Fehlt das zweite Gehalt und statt Forumsbeiträge sollte ich vielleicht lieber ein paar mehr Bewerbungen aufsetzen :wink:


Zitat: Wenn man mit den Brasilianern richtig umgeht spuren sie schon (zumindest in Ceará). Hab circa 8 Jahre gebraucht. Hast also noch etwas Zeit.

-> Alles klar, da bin ich ja beruhigt :lol:
Aber 8 jahre werde ich gar nicht haben, in spätestens 3 bin ich hier weg... Lohnt sich da der Anpassungsversuch überhaupt? hahahaha....

@ Tudacudaduda:
Super Beitrag! (und gut, daß du die Fremdbegriffe gleich erklärt hast, ich hätt ja nachschlagen müssen :P)

Das ist eben auch so eine Zwickmühle: Anpassen, andere Lebensgewohnheiten respektieren - oder du selbst bleiben und versuchen, etwas zum Besseren zu verändern?

Letztens, bei der crise aero, hat eine Mexikanerin, glaub ich, im Interview am Flughafen geschrien "Wo bleibt er denn, der FORTSCHRITT auf eurer tollen Staatsflagge?!?!?!?!"
Den vermisse ich nämlich total hier... Ich hab mich durchs Forum gewühlt und festgestellt, daß es ja seit Jahren immer wieder diesselben Problem sind, auf die Ausländer und eben auch Einheimische in Brasilien treffen und daß es sehr schwer ist, irgendeine Änderung / Verbesserung zu entdecken.
Somit sitze ich, die ich mich weigere, mich an Dinge anzupassen, die mir total gegen den Strich gehen, in der Klemme, denn auflehnen bringt auch nur Streß und hat keinen Effekt. Ironie oder auch tatsächlich hinweis auf´s Gesetz oder Beschwerde verpufft einfach im brasilianischen Alltag.

Nachdem ich mich die letzten Wochen bis zur Erschöpfung aufgeregt hab, übernimmt am Ende immer wieder mein Mann und "Guten Tag, jeitinho!" - es scheint einfach nicht anders zu funktionieren....

@bruzundanga: Ja, jogo de cintura eben.... Aber das widerstrebt mir eben so, wenn ich doch auf der Basis von Gesetzen, Regeln und vernüftigem Menschenverstand eigentlich Recht haben müßte - wozu dann jedem Honig um´s Maul schmieren und rausfinden, ob ich nen Freund hab, der nen Freund kennt, der jemanden kennt, usw....

Übrigens habe ich sogar Stellenanzeigen gelesen, bei denen eine Eigenschaft der Kandidaten "jogo de cintura" sein sollte.... und es ging nicht um eine Stelle als Hula-Tänzerin!
Ich war entsetzt.... :P


Gruß,

Anna
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Sprachkurs Portugiesisch (Brasilianisch)

Beitragvon Boli » Di 17. Apr 2007, 16:58

Es ist alles gut, schön und richtig gesagt - es stimmt alles! - ABER als Brasilianerin (7 Jahre in Goiania, 28 Jahre in Rio und 20 Jahre in D) kann ich - wie oft noch? - nur wiederholen: wenn man nach BR auswandern, muss seine deutsche Lebenserfahrung am Flughafen in D lassen und am Flughafen in BR von Null anfangen. Das wichtigste überhaupt, dass man in D lassen muss: die deutsche Arroganz. Ihr weißt ganz genau (ich darf das sagen, mein Mann ist Deutscher!), dass Ihr nicht wegen Eure Bescheidenheit weltweit beliebt seid. Wie hat der italienisch Botschafter schön gesagt? Die Deutschen lieben die Italiener, aber schätzen sie nicht, und die Italiener schätzen die Deutschen, aber lieben sie nicht.

"Ich habe mich vorbereitet, ich habe mich angepasst, ich, ich, ich..."
Ganz schön arrogant zu glauben, dass in 1, 2 Jahre man kann alles, wirklich alles, über ein Land und ein Volk lernen. Was Brasilien heute ist, ist das Resultat von über 500 Jahre Geschichte. Und die muss man von Anfang an lernen. Dafür muss man in BR mindestens 20 Jahre leben.
Es ist ein bisschen schwierig für ein/e Ausländer/in die Portugiesisch nicht mächtig ist, aber hier ein Buch Tipp wo man lernt warum die Brasilianer so sind wie sie sind:
O POVO BRASILEIRO – A formação e o sentido do Brasil
Prof. Darcy Ribeiro
Ed. Companhia das Letras
Wer schafft das Buch ganz zu lesen und zu verstehen, er/sie wird seine (negative) Meinung über die Brasilianer ändern, das ist mir selbst passiert. Nicht das ich alles akzeptiere, aber jetzt verstehe ich besser WARUM so ist.

Wenn meine Mutter sich beschwert hat, dass ihre empregada nicht richtig putzen konnte, dass sie viel übersah und schlampig gearbeitet hat, sagte ich: Mutti, bist Du schon bei ihr zu Haus gewesen? Hast Du eine Ahnung wie die Frau mit 5 Kinder lebt?
Nein!
Vor einig Zeit hat Mutti dann die Frau besucht… nicht mal ein Herd hat sie! Sie kocht mit Holz auf 4 Steine in Hof. Wo hat sie gelernt wie man ein Haus von Leute der Mittelklasse putz?

Aber wenn ich es in mehr als 18 Monaten z.B. trotz gutem Gehalt und simplem Lebensstandard nicht schaffe, auch nur einen Centavo für die Zukunft zu sparen, weil immer wieder unvorhersehbare Sachen auftauchen wie hirnrissige Steuern, Vertragskündigungsgebühren, die vorher niemand erwähnt hat, all die Gebühren für tausende Kopien und Übersetzungen, die man braucht, um seinen ganzen Papierkram zwecks Aufenthalt, Führerschein, Arbeitserlaubnis, usw zu regeln, Autoreparaturen und dann auch noch verklagt wird von ner geldgeilen Uni, bei der man sich eingeschrieben hat, aber wegen Umzug leider nicht mehr hingehen kann, aber das gesamte Semester bezahlen soll..... dann frag ich mich manchmal, was ich hier mache.
Irgendwie Ihr könne mit Geld nicht umgehen! Meine Mutter, Mittelschicht, Rentnerin von Bund, nachdem die Kindern aus dem Haus waren – vorher ging es nicht, klar! - hat 1 sítio, 2 Häuser, 3 Wohnungen – alle vermietet! - und ihr Grab (die will sie selbst irgendwann beziehen) schon gekauft. Aber sie hat einen simplen Lebensstandard à la brasilianisch, nicht à la deutsch!

Hast Du schon versucht Geld von Goethe Institut München (wegen Ortswechseln) zurück zu bekommen? Ich habe mit denen monatlang gekämpft, am Ende, um mich los zu werden, die haben mir ein Teil zurück gegeben. Aber nur ein Teil! Die Brasilianer passen sich an den Weltmarkt an!

Und es gibt so einige brasilianische Eigenschaften und Eigenarten, an die ich mich nun einfach nicht anpassen WILL.... siehe oft Einstellung zur Arbeit - "Ach, das weiß ich nicht, also mach ich´s nicht" oder "kann ich nicht" oder "Müssen Sie den Kollegen fragen" usw. Oder die Angewohnheit, nie die Verantortung zu übernehmen und immer die Schuld jemand anderem zuweisen
Das kenne ich nur zu gut. Es ist so die bras. Mentalität! Lies das Buch von Darcy Ribeiro und Du wirst, vielleicht, verstehen.

Auch ganz banale Sachen regen mich - und komischerweise auch meinen brasilianischen Ehemann - oft auf: So sind wir von Sao Paulo nach Piracicaba, Interior umgezogen und mußten feststellen, daß hier die Leute im Schneckentempo und an den unmöglichsten Orten zu Fuß die Straße überqueren.... ES GIBT AMPELN UND FUSSGÄNGERÜBERWEGE!!!!
Der nächste Unfall ist schon abzusehen........

Hast Du schon ein Autofahrer gesehen, der vor der Zebrastreife für ein Fußgänger hält ohne dass ein Polizist in der nähe ist?
Ich wohne in D - nicht in Piracicaba! – und erlebe dasselbe tagtäglich. Meistens es sind 80jährigen mit Ihren Einkaufswägelchen, die nicht mal wissen wo sie sind. Oder Fahrradfahrer die nicht aussteigen wenn sie die Zebrastreifen kreuzen obwohl das zu den Verkehrsregeln gehört. Nicht einmal dasTempo reduzieren!

Da kann ich mich den ganzen Tag drüber auslassen und ich werde auf keine Fall und niemals akzeptieren, daß jemand, der mit Geld oder mit Despachante kommt, alles schneller und besser bekommt als ich, wo wir aber die gleiche Sache wollen.
Wieso nicht? Despachante ist ein Beruf. Außerdem die haben was Du nicht hast: Vitamine B ($$$). Das ist eine Realität die man nicht vergessen darf. Leider!
In Goiania gibt’s den VAPT VUPT wo man alles erledigen kann, ohne despachante, ohne woanders geschickt zu werden. Es kann sein, dass man den ganzen Tag dort verbringt, aber es lohnt sich, man bekommt alle Papiere die man braucht. Ausnahme, (Pech für Dich): Papiere für Ausländer!

Und könnte jemand bitte bitte diese blöden multas und juros auf Rechnungen abschaffen, damit ich nicht immer auch nur einen Tag nach vencimento persönlich zu einer überfüllten Bank rennen muß?
Vor über 20 Jahre, in Rio, habe ich per Dauerauftrag, alle meine Rechnungen an meiner Bank gegeben. Wo lebt Ihr dann? Dass Meine Mutter (73 J.) das nicht machen will, verstehe ich noch, aber dass jemand der aus Deutschland kommt das macht… Piracicaba ist SP, nicht Nordeste.

Und warum kann ich nicht öffentlich am Straßenrand parken, ohne von einem gammeligen Kerl um Geld angebettelt zu werden, das ich natürlich bezahlen muß, wenn ich mein Auto nicht geklaut oder zerkratzt wieder vorfinden möchte
Vielleicht weil es noch unverschämt Leute gibt die unbedingt essen wollen! Unverständlich. Oder? Aber man kann von denen auch was lernen: in Rio, wo das Parken wegen mangelnde Parkplätze sehr schwierig ist, man lernt von „dem gammeligen Kerl“ richtig zu parken (obwohl sie kein Auto besitzen!) was die meistens Deutschen nicht können. Dick und schnelle Autos aber von Parken gar keine Ahnung!!!
Wie wäre es, „dem gammeligen Kerl“ zu fragen wie er heißt, ob er Familie hat, wo er wohnt. Du wirst Dich wunder, dass hinter „dem gammeligen Kerl“ ein Mensch mit einer traurige Geschichte ist. So, mit ein bisschen Annährung, habe ich in Rio ein guter Freund gewonnen, der mir immer ein guter Parkplatz „reserviert“ hat (ohne dass ich extra dafür bezahlen muss) und die beste lavadeira e passadeira (seine Mutter) die ich schon gehabt habe (damals habe ich noch keine Waschmaschine).
Es sieht so aus, dass Du, in diese Hinsicht, Dich ganz schön an die Mittelschicht- Mentalität der Paulistas angepasst hast. Ich weiß wovon ich spreche, ich habe viele Bekannte, Verwandte und Freunde in reiche Bundesland SP, die genau wie Du sich äußern. Aber, warum sie reiche sind oder mindestens „guter Gehalt“ haben, dass fragen sie sich lieber nicht.

Schon 1,5 Jahre hier bin ich immer noch irgendwie in der vorletzten Phase mit Wut und Depression usw und weigere mich standhaft, in die Anpassung überzugehen
Was sind schon 1,5 Jahre um ein Land zu verstehen? Ich bin hier seit 20 Jahre, ich habe in BR studiert (ich bin keinen Wirtschaftsflüchtling!), ich habe hier lang gearbeitet und verstehe die Deutschen, in manche Sache, immer noch nicht.

Denn ich steck grad mittendrin in dem Zirkel, der im ersten Artikel beschrieben wurde und die Sehnsucht nach dem Heimatland befriedige ich gerade mit Beiträgen zu diesem Forum.
Sieh positive: billiger als hierher zu fliegen. Oder?

Ich hab mich doch schon gut informiert, bevor ich hergekommen bin und kannte einiges aus mehreren längeren Aufenthalten.
Hab mich auch immer für einen toleranten, geduldigen und aufgeschlossenen Menschen gehalten, der gerne andere Kulturen bereist, kennenlernt und respektiert und sich in gewisser Weise auch anpassen kann.

Das ist auch positive, dass Du Dich besser kennengelernt hast.

Aber von Anfang an hatte ich das Gefühl, daß einem in Brasilien mehr als in Deutschland immer wieder Steine in den Weg geworfen werden, die einen so nach und nach richtig mürbe machen.
Nicht traurig sein: es nicht nur gegen Ausländer, auch die Brasilianer leiden darunter. Du bist nicht allein.

Und es gibt so einige brasilianische Eigenschaften und Eigenarten, an die ich mich nun einfach nicht anpassen WILL.... siehe oft Einstellung zur Arbeit - "Ach, das weiß ich nicht, also mach ich´s nicht" oder "kann ich nicht" oder "Müssen Sie den Kollegen fragen" usw.
Ein Tipp (es funktioniert 95%): „ICH WILL NUR DEM CHEF SPRECHEN“. Aber so laut, dass der Chef selbst hört. Meistens kommt er sehr schnell. Glaub mir!

Oder einfach die Gelassenheit, die andere Leute vielleicht grad so toll hier finden. Aber mich kotzt es einfach an, wenn ich an der Kasse am Supermarkt eh schon 20 minuten in der Schlange stehe und dann die Tante beim Einscannen meiner Produkte ihre Bewegungen verlangsamt, weil sie mit der Kollegin oder ihren anwesenden Kindern spricht und dann nach einer Ewigkeit auch noch die Frechheit hat, mich zu fragen, ob ich mein Handykonto noch aufladen will. NEIN, ich will nur bezahlen und hier raus, ehe die Hamburger auftauen und der Joghurt schlecht wird! Mensch!
Jetzt frage ich Dich: wie reagieren die andere Frauen? Schon gehört? In Rom wie die Römer oder dance conforme a música.

Und, liebe Führerscheinstellenangestellte, wenn du nicht weißt, wie man den Führerschein von Ausländern verlängert, dann warte nicht wochenlang auf den einen Kollegen, um ihn danach zu fragen, sondern ziehe deine offiziellen Handbücher und Richtlinien zu Rate - sowas muß es doch hier geben, oder nicht?
Nein, die brasilianische Mentalität sei Dank. Wir haben nicht für jeden Furz eine Regel, aber wir haben den „jeitinho“, der nicht immer mit Bestechung verbunden ist. Vielleicht mit ein Lächeln, ein Schwätzchen. Vielleicht es gibt sogar offiziellen Handbücher und Richtlinien, aber wenn interessiert das? Wenn man nur nach Regeln leben mag und will, bleib doch in D, das Land der „Caga-Regras“. Ich muss zugestehen: ich komme sehr gut mit dem Regel- u. Schilderwälder hier zu Recht, aber ich merke, dass nach 20 Jahre, ich verlerne meine natürlich Kreativität und Spontaneität um das alltäglich Problem zu bewältigen, meinen vernünftigem Menschenverstand zu benutzen, ich erwarte, mehr und mehr, dass der Vaterstaat alles für mich regeln. Deswegen will ich, bevor zu spät ist, zurück nach Brasilien.

Außerdem war das Thema ja Kulturschock - gut, ich bin geschockt und frage mich, was denn nötig ist, um sich hier an die Kultur anzupassen? Völlige Gleichgültigkeit, absolute Gelassenheit und mit weniger als nichts zufrieden sein?
Nein. Ich würde empfehlen sich die Brasilianer ein bisschen annähern, vielleicht in ein Projekt ehrenamtlich zu arbeiten, Deine viel Erfahrungen und Erlebnis weiterzugeben, die Basis besser kennenlernen. Du kannst die Brasilianer nicht ändern, dann:

"Se você tem razão, dê-se o direito de manter-se calmo; e se você não tem razao, você não tem o direito de perder a calma" Mahatma Ghandi

"Embora ninguém possa voltar atrás e fazer um novo começo, qualquer um pode começar agora e fazer um novo fim" Chico Xavier


Thema Mobbing auf Arbeit: Das glaube ich gerne, obwohl ich bis jetzt immernoch in Vorstellungsgesprächen feststecke, aber so einiges von meinem Mann mitbekomme. Wenn man jemand ist, der mitdenkt, etwas neues vorschlägt oder sich auch nur persönlich fortbilden und im Job voran kommen will, hat man gleich fast alle Kollegen gegen sich.... Denn es scheint zu viele zu geben, die eben einfach mit dem, was sie schon haben (beruflich) zufrieden sind oder eben einfach nicht wissen, wie sie es ändern sollen und jeden, der es aber tut, mit Neid belegen. Mein mann bemüht sich ständig um Weiterbildungskurse in seiner Firma, ist über die Jahre in der Jobposition aufgestiegen, aber erntet nur Seitenblicke von den "Hinterbliebenen / Untergeordneten". Komisch, das kannte ich in Deutschland nur von wenigen; hier dagegen scheint es weit verbreitet. Schade!
Wenn ich nicht wusste, dass Du in Brasilien bist, ich würde sagen, dass Du von Deutschland sprichst. Genau das passiert jetzt ein Bekannt von uns, ein Deutscher in Deutschland!

Ja, und die leidige Führerscheinstelle: Da hab ich doch gleich mal in ner Auto Escola nachgefragt. Die gucken da nur "Häh?", wenn ich schon mit "Sou estrangeira" anfange, also scheine ich mit weiter mit der Tante von der offiziellen Stelle rumschlagen zu müssen - heute nachmittag darf ich sie zum fünften Mal anrufen Wünscht mir Glück!
Nicht anrufen, geh dahin und nervt die Tante (Ich will den Chef sprechen) bis Du bekommst was Du willst.

„…das ist die beste und berühmteste Churrascaria in Sao Paulo, wir waren mit ca. 300,- R$ zu zweit dabei…“
Du nennst das ein simplem Lebensstandard? Weist Du wieviel ein salário mínimo ist? Weisß Du überhaupt was ein SM ist? Nicht Sado-Maso, dass ist der Einkomm von viele Familien, dass ab 01.04.2007 auf R$ 380,00 erhöht wird. Warscheinlich mit weniger als das, lebt "der gammeligen Kerl", der Dich um Geld anbettelt, den ganzen Monat lang.

Nun erzähl mir mal, wie man 3 Wochen mit 50 Reais in der Tasche kurz nach nem Unzug überleben soll?
In dem man keine teure churrascarias besucht. Oder frag lieber den "gammeligen Kerl", mit Sicherheit kann er Dir beibringen wie man mit so wenig leben kann und vielleicht ein paar wertvoller Tipps geben.

"jogo de cintura" – in D heißt es Flexibilität. In jede Firma hier wird das von den Mitarbeitern verlangt. Wo ist dann der Unterschied?

So, Schluß für heute, ich bin ja schon wieder ganz wütend...
Ich auch…

Jetzt verstehe ich warum gibt’s jetzt in Forum ein Brasilien-Residents unter sich. Solche Beiträge dort zu schreiben und keine Rückmeldung zu bekommen ist schön. Oder? Leider für Dich, Anna, Du hast hier geschrieben und ich habe ihn gelesen. Ich habe nichts dagegen, dass die Brasilianer kritisiert werden, aber nicht von Leute die davon Null Ahnung haben und am liebst woanders wären. Ich weiss nicht wie gut Dein Portugiesisch ist, aber wir haben ein Ausdruck "os incomodados que se retirem". Geh doch! Vielleicht werden andere Leute in Deine Nähe auch sich darüber freuen.
Boa viagem!
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Beitragvon amarelina » Di 17. Apr 2007, 17:21

besser als boli hätte es niemand sagen können...

brasilien ist ein land der starken kontraste und hat mich vom ersten augenblick an fasziniert, wie mich alles gegensätzliche fasziniert. (das kommt meinem charakter und meiner art zu leben sehr nahe) die schatten- und die sonnenseiten. farbig, lärmig, grell, leise, poetisch, sehnsüchtig, alles hat seinen platz und seine berechtigung.
ich habe in den vielen jahren da ich in salvador lebte und vielleicht noch leben werde, die schönsten augenblicke meines lebens erlebt und auch die dunkelsten meines lebens...

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Beitragvon Hartl » Di 17. Apr 2007, 17:26

Hi Boli

Bei deinem Text geht mir gleich der Hut hoch.

die deutsche Arroganz. Da brauche ich woll nichts mehr zu sagen über so eine tolle Bemerkung.
Über dein tollen Buch Tipp kann ich auch nur lachen.Soll ich jetzt glauben das ich 500 Jahre Brasilien in einem Buch nachlesen kann. :D

und das sich Anna82 nur mal ausreden will ist dir nicht in den Kopf gekommen.Sie will ja wissen warum es bei ihr nicht so funktioniert und darum fragt sie hier in diesem Forum nach.

Hartl
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Beitragvon Boli » Di 17. Apr 2007, 17:49

Hartl hat geschrieben:Hi Boli

Bei deinem Text geht mir gleich der Hut hoch.

die deutsche Arroganz. Da brauche ich woll nichts mehr zu sagen über so eine tolle Bemerkung.

Über dein tollen Buch Tipp kann ich auch nur lachen.Soll ich jetzt glauben das ich 500 Jahre Brasilien in einem Buch nachlesen kann. :D
und das sich Anna82 nur mal ausreden will ist dir nicht in den Kopf gekommen.Sie will ja wissen warum es bei ihr nicht so funktioniert und darum fragt sie hier in diesem Forum nach.


1 -Ich habe nicht über Vergangenheit gesprochen, ich habe von aqui e agora gesprochen.

2- Zuerst lesen, dann darüber sprechen.

3- Dann lies ihr Text nochmal, vielleicht bei den 2. Mal, wirds klarer.

4- Meinst Du, dass sie sich nicht wehren kann und Du musst für sie sprechen?
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Beitragvon Hartl » Di 17. Apr 2007, 18:07

1. und 2. Ich glaube ich habe deien Text gelesen
Ganz schön arrogant zu glauben, dass in 1, 2 Jahre man kann alles, wirklich alles, über ein Land und ein Volk lernen. Was Brasilien heute ist, ist das Resultat von über 500 Jahre Geschichte. Und die muss man von Anfang an lernen. Dafür muss man in BR mindestens 20 Jahre leben.
Es ist ein bisschen schwierig für ein/e Ausländer/in die Portugiesisch nicht mächtig ist, aber hier ein Buch Tipp wo man lernt warum die Brasilianer so sind wie sie sind:


3.Ich habe den Text von Anna82 gelesen

4.Dieses Problem würde schon einmal in einem andren Post besprochen , daß es unheimlich nett von euch allen ist wenn ein neues Forummitglied hier auftaucht.
Oder meinst du die wird hier länger ihre Erfahrungswerte Posten wenn du sie gleich sooooo nett empfängst.

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Ein weiterer Buchtipp und ein elegantes Verfahren

Beitragvon bruzundanga » Di 17. Apr 2007, 18:13

um in Brasilien Kritik zu üben.

Zuerst der Buchtipp: Raízes do Brasil, Sérgio Buarque de Holanda, Companhia das Letras.

Und nun zum elegantem Verfahren: Einfach nur Brasilianer zitieren. Es gibt genügend Brasilianer die (zu recht) Ihr eigenes Land kritisieren, in der Absicht dass sich einige Misstände abbauen lassen. Das "Geh doch rüber in die DDR, wenns Dir hier nicht gefällt" hab ich in der BRD schon in den frühen 70zigern nicht akzeptiert und werde auch heute nicht das brasilianische "os incomodados que se retirem" akzeptieren.

Um Missvertändnissen vorzugreifen: Ich fühle mich Pudelwohl hier in Brasilien und obwohl mir in den letzten 15 Jahren desöfters die Galle hochgekommen ist (mit stark abnehmender Tendenz im Verlauf der Zeit), lebe ich hier gerne, habe Freunde, Bekannte aus allen Gesellschaftsschichten und unterm Strich geht sich die Rechnung positiv aus.

Übrigens auch im Nordosten kann man mit Erfolg Daueraufträge machen.
In einen hohlen Kopf geht viel Wissen (Karl Kraus)
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Beitragvon Tudacudaduda » Di 17. Apr 2007, 19:07

Boli hat geschrieben:os incomodados que se retirem


Os anos de chumbo da ditadura ainda não acabaram??? Essa frase me faz lembrar do slogan "Brasil, ame-o ou deixe-o". :roll:
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ach, es haben doch beide Seiten recht....

Beitragvon Anna82 » Di 17. Apr 2007, 19:12

@ Hartl:

Ja, du hast es richtig verstanden, ich wollte mich eigentlich nur mal ausquatschen, das brauch ich ab und zu und geht weder mit dem eigenen Ehemann (weil nicht Deutscher) noch mit Familie und Freunden in Deutschland (weil sie nicht hier wohnen und die Situation nicht kennen).

ABER:

@ Boli:

Klar, hätte ich auch zweimal überlegen können, bevor ich mich hier so auslasse, denn daß du meinen Beitrag als Brasilianerin wohl sehr anders siehst als ich, ist mir bewußt.
Möchte mich auch wirklich insofern entschuldigen, als daß ich nicht gesamt Brasilien, Land, Kultur, Leute und alles heruntermachen will.

Als Deutsche würde ich mir deine Kommentare über Deutschland ja auch durch den Kopf gehen lassen und evtl. sagen "Naja, nun so aber nicht und wenn´s dir nicht gefällt, dann geh doch wieder nach Hause."

Aber zu einigen Sachen möcht ich doch was sagen:


Zitat: "wenn man nach BR auswandern, muss seine deutsche Lebenserfahrung am Flughafen in D lassen und am Flughafen in BR von Null anfangen. Das wichtigste überhaupt, dass man in D lassen muss: die deutsche Arroganz."

Hm, das gibt mir aber schon zu denken: Soll das heißen, wenn ich in ein anderes Land gehe, bin ich gezwungen, alles, was ich bzgl. Einstellungen, Eigenschaften, usw. kenne, über Bord zu werfen und am neuen Ort mal eben herauszufinden, wie die Leute hier so das Leben leben und mögen?
... Kann ja so nicht ganz hinkommen. Dann ist ja vom Individuum nichts übrig.

Und die deutsche Arroganz... nun gut, wenn die Welt meint, "wir" alle seien so... Gibt doch Vorurteile über jedes Land, jedes Volk und wenn man einzelne Personen kennenlernt, passen die meist sowieso gar nicht in dieses Bild.

Aber wenn es für dich schon arrogant ist, daß ich nach 1,5 Jahren es wage, über die Dinge zu sprechen, die mich hier aufregen, dann sorry.. da komm ich nicht mit.
Ich habe nie gesagt, daß ich erwartet habe, in dieser Zeit ALLES über Brasilien zu lernen. Daß das nicht geht, ist ja wohl klar und das will ich auch gar nicht. Ich will meinen Alltag hier meistern und verstehen und dazu brauche ich - so jedenfalls meine Meinung - nicht Geschichte studieren. Um in Deutschland etwas zu verbessern oder auch nur zu kritisieren, muß ich dessen Geschichte auch nicht bis ins Detail kennen. Falls du sie allerdings kennst, Respekt.

20 Jahre im Land leben, um es zu verstehen.....? Mein lieber Scholli, das ist dann aber wirklich ne Lebensaufgabe. In diesem Punkt muß ich ganz leise sein, denn mit läppischen 25 bin ich deiner Lebenserfahrung weit hinterher, das seh ich ein.
Aber für mich sind 1,5 Jahre doch ein relativ langer Zeitraum für eine "Beobachtungsphase" der Zustände und ich darf danach ja wohl wenigstens eine Meinung haben...

Weißt du was, ich werd mir das Buch wirklich besorgen, mal sehen, was es bringt! Bin eine Leseratte und mein Portugiesisch kommt doch schon ganz gut daher.

Aber hilft denn das Wissen um das "WARUM sind die Dinge so?" bei der eigenen Akzeptanz?.... Jetzt mal ohne Witz, das interessiert mich echt.

Dein Beispiel mit der empregada leuchtet mir insofern ein, daß man den Grund sieht, warum sie nicht weiß, wie man ein Mittelklassehaus ordentlich putzt, da sie selber in viel größerer Armut lebt...
Weckt bei mir Mitleid mit den vielen Menschen, die unter schlimmen Bedingungen leben müssen.

Ändert aber nichts daran, daß ich sie mein Haus nicht putzen lassen würde, sondern jemanden anstellen wollte, der es so macht, wie ich es mir vorstelle. Es würde mir nicht helfen, zu akzeptieren, daß sie nun mal so bei mir putzt und fertig.

Ist vielleicht ein blödes Beispiel, aber versteht jemand, was ich meine?....

Anderes Thema: Klar würde ich auch lieber alles per Dauerauftrag bezahlen, aber das erfordert ja wieder, daß das nötige Geld auch am entsprechenden Tag auf dem Konto ist.
Geldangelegenheiten sind eine heikle Sache und ich habe keine Lust, hier alle meine Aufgaben aufzulisten, damit man sehen kann, daß ich schon mit Geld umgehen kann, aber widrige Umstände mir hier ständig das Genick brechen.
Aber ich weiß sehr wohl, wieviel ein Salário Minimo ist und ich bin sehr darüber entsetzt, wieviele Menschen hier mit so wenig auskommen (müssen).
Das ist ja auch ein Teil des Kulturschocks, dieser Unterschied zwischen arm und reich und zu was Menschen durch Armut getrieben werden...

Insofern gebe ich Boli in einer Sache Recht: Meinen Lebensstandard hier simpel zu nennen, ist falsch. Mit Apartment, Auto und Telefon gehört man in Brasilien ja auf jeden Fall schon zur besseren Hälfte....

Aber Lebensstandard ist ja auch eine Sache der Gewohnheit und wenn ich mein ganzes Leben in Deutschland in einer Wohnung gewohnt habe, werde ich nicht nach Brasilien ziehen, um am Stadtrand in einer Blechhütte unterzukommen.
Somit meinte ich "simple", daß ich mich im Vergleich zu Dtl. (ja, und den Vergleich darf man nun vielleicht wieder nicht anstellen) hier mit weitaus weniger zufrieden gebe und auch zufrieden bin, es aber auch nervt, daß man das Gefühl hat, man kommt nicht richtig vorwärts, kann nichts aufbauen / zurücklegen.

Und übrigens, auf die Churrascaria hatten wir das ganze Jahr gespart, wo man in Deutschland vielleicht stattdessen auf den Jahresurlaub spart.
Daß das der absolute Luxus ist, ist mir klar und nur zur Info: seit diesem Ereignis waren wir noch nicht wieder im (normalen) Restaurant essen...

Danke für den Tip, laut den Chef zu verlangen! Das werde ich tatsächlich mal ausprobieren, denn damit kommt man ja auch oft in Deutschland weiter.
Aber ich meine mich auch an Situationen zu erinnern, wo wir das schon mal gemacht haben und dann hieß es aber, der sei grad im Urlaub :P Dumm gelaufen! :D

Und jetzt noch zum "gammeligen Kerl":
Ja, der humanitäre, verständnisvolle Ansatz ist ja gut und schön, von wegen, die Geschichte und Lebbensumstände der Person kennenlernen usw.
Aber für mich funktioniert das nur in der Theorie. Erstens interessiert den, der mich um Geld anbettelt, meine Lebensgeschichte auch nicht und zweitens hilft mir das bei der Lösung meiner täglichen Angelegenheiten nicht weiter (und löst seine Misere auch nicht auf). Ich möchte nur in Ruhe da parken.
Wenn ich dem Mann Geld geben möchte, weil ich ihm helfen will, Mitleid habe oder wie auch immer - gut und schön. Aber nicht unter Druck und Angst um das Auto.
Das kenne ich aus meinem Land nicht und fühle mich sehr unwohl dabei.

Es stimmt wohl, daß ich eine ziemliche - wie du es nanntest - "Mittelschichtmentalität" habe. Aber ist das was schlimmes? Du sagst selber, du hast viele Freunde, Bekannte, die diese Ansichten teilen.

Und wo doch angeblich Brasilien ein Land ist, wo mit jeitinho und jogo de cintura und amigos usw alles ganz gelassen geregelt werden kann - da muß man trotzdem auf der Staße verhungern, wenn man Pech im Leben hat?....
Das ist alles ziemlich traurig.

So, und nun zum Schluß..

Zitat Boli: Jetzt verstehe ich warum gibt’s jetzt in Forum ein Brasilien-Residents unter sich. Solche Beiträge dort zu schreiben und keine Rückmeldung zu bekommen ist schön. Oder? Leider für Dich, Anna, Du hast hier geschrieben und ich habe ihn gelesen. Ich habe nichts dagegen, dass die Brasilianer kritisiert werden, aber nicht von Leute die davon Null Ahnung haben und am liebst woanders wären. Ich weiss nicht wie gut Dein Portugiesisch ist, aber wir haben ein Ausdruck "os incomodados que se retirem". Geh doch! Vielleicht werden andere Leute in Deine Nähe auch sich darüber freuen.

Ich hab überhaupt nichts gegen deine Rückmeldung. Im Gegenteil, ich fände es noch viel interessanter, wenn mehr Brasilianer sich hier äußern könnten, Partei für ihr Land ergreifen und mir vielleicht einige Dinge besser erklärten. Damit hab ich überhaupt kein Problem.

Aber ich halte es für etwas respektlos, zu behaupten, ich hätte null Ahnung und wolle gar nicht hier sein.
Dir erscheinen vielleicht meine 1,2 Jahre Erfahrung zu deinen 20 sehr wenig, aber du selber als Auswanderin müßtest du doch wissen, wie es ist am Anfang. Man macht haufenweise Erfahrungen und gewinnt Einsichten und hat ganz gewiß eine "Ahnung".
Und von wegen "am liebsten woander wären" - schon am Anfang habe ich gesagt, daß das Forum eine Möglichkeit ist, Luft abzulassen - wir können auch gerne mal über die Dinge reden, die uns in unserem jeweiligen Wahlland zum Bleiben bewegen. Auch gute Seiten gibt es immer!

Und "Geh doch!"... Sorry, aber du hast auch Pläne, wieder nach Brasilien zurückzukehren und ich bitte dich, doch meine Entscheidung, momentan hier zu wohnen, mich aber trotzdem über unverständliche Dinge aufzuregen, ohne gleich nach Hause fliehen zu wollen, zu respektieren.

Danke und bis zum garantiert nächsten Mal,

Anna
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Beitragvon Boli » Mi 18. Apr 2007, 00:07

Anna,
ich freue mich, dass Du selbst geantwortet hast und Deine Meinung/Erklärung (warum, deshalb) gegeben hast ohne "Rechtsanwälte" zu gebrauchen.
Vielleicht hätte ich auf Deinen Text nicht so "bombig" reagiert wenn Du nicht "einem gammeligen Kerl geschrieben hättest. Das war der Auslöser.
Jetzt das ich weiß wie alt Du bist, kann ich dann verstehen warum Du das geschrieben hast. Es ist in Ordnung, Du lernst noch!

Bei alle andere will ich mich wegen "deutsche Arroganz" entschuldigen, es wäre besser "deutsche Besserwissenheit" angebracht obwohl bei manche Leute man kann eine von der andere nicht trennen.

"Os incomodados que se retirem" - überhaupt nichts gegen Fremden, ich bin selber eine, aber ich vertrete der Meinung wenn man nicht zufrieden ist mit dem Ort wo man lebt, mit dem Partner, mit dem Job, der sollte einfach gehen. "Se não ajuda, então não atrapalha". Es ist besser für alle!

Für das blöd Kommentar "Os anos de chumbo da ditadura ainda não acabaram??? Essa frase me faz lembrar do slogan "Brasil, ame-o ou deixe-o", ich kann nur eins sagen: ich habe damals das Land nicht verlassen, ich bin, wie sich für eine gute Soziologie-Studentin gehört , auf die Strasse gegangen und gegen das Regime in zig Demonstrationen protestiert. Und ich werde immer protestieren wenn ich Sache sehe, lese oder höre die ich unfair finde.
Den Satz "Brasil, ame-o ou deixe-o" Du hast nicht alles gelesen, es geht noch weiter: "o último que sair, desliga as luzes do aeroporto".

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