@ Hartl:
Ja, du hast es richtig verstanden, ich wollte mich eigentlich nur mal ausquatschen, das brauch ich ab und zu und geht weder mit dem eigenen Ehemann (weil nicht Deutscher) noch mit Familie und Freunden in Deutschland (weil sie nicht hier wohnen und die Situation nicht kennen).
ABER:
@ Boli:
Klar, hätte ich auch zweimal überlegen können, bevor ich mich hier so auslasse, denn daß du meinen Beitrag als Brasilianerin wohl sehr anders siehst als ich, ist mir bewußt.
Möchte mich auch wirklich insofern entschuldigen, als daß ich nicht gesamt Brasilien, Land, Kultur, Leute und alles heruntermachen will.
Als Deutsche würde ich mir deine Kommentare über Deutschland ja auch durch den Kopf gehen lassen und evtl. sagen "Naja, nun so aber nicht und wenn´s dir nicht gefällt, dann geh doch wieder nach Hause."
Aber zu einigen Sachen möcht ich doch was sagen:
Zitat: "wenn man nach BR auswandern, muss seine deutsche Lebenserfahrung am Flughafen in D lassen und am Flughafen in BR von Null anfangen. Das wichtigste überhaupt, dass man in D lassen muss: die deutsche Arroganz."
Hm, das gibt mir aber schon zu denken: Soll das heißen, wenn ich in ein anderes Land gehe, bin ich gezwungen, alles, was ich bzgl. Einstellungen, Eigenschaften, usw. kenne, über Bord zu werfen und am neuen Ort mal eben herauszufinden, wie die Leute hier so das Leben leben und mögen?
... Kann ja so nicht ganz hinkommen. Dann ist ja vom Individuum nichts übrig.
Und die deutsche Arroganz... nun gut, wenn die Welt meint, "wir" alle seien so... Gibt doch Vorurteile über jedes Land, jedes Volk und wenn man einzelne Personen kennenlernt, passen die meist sowieso gar nicht in dieses Bild.
Aber wenn es für dich schon arrogant ist, daß ich nach 1,5 Jahren es wage, über die Dinge zu sprechen, die mich hier aufregen, dann sorry.. da komm ich nicht mit.
Ich habe nie gesagt, daß ich erwartet habe, in dieser Zeit ALLES über Brasilien zu lernen. Daß das nicht geht, ist ja wohl klar und das will ich auch gar nicht. Ich will meinen Alltag hier meistern und verstehen und dazu brauche ich - so jedenfalls meine Meinung - nicht Geschichte studieren. Um in Deutschland etwas zu verbessern oder auch nur zu kritisieren, muß ich dessen Geschichte auch nicht bis ins Detail kennen. Falls du sie allerdings kennst, Respekt.
20 Jahre im Land leben, um es zu verstehen.....? Mein lieber Scholli, das ist dann aber wirklich ne Lebensaufgabe. In diesem Punkt muß ich ganz leise sein, denn mit läppischen 25 bin ich deiner Lebenserfahrung weit hinterher, das seh ich ein.
Aber für mich sind 1,5 Jahre doch ein relativ langer Zeitraum für eine "Beobachtungsphase" der Zustände und ich darf danach ja wohl wenigstens eine Meinung haben...
Weißt du was, ich werd mir das Buch wirklich besorgen, mal sehen, was es bringt! Bin eine Leseratte und mein Portugiesisch kommt doch schon ganz gut daher.
Aber hilft denn das Wissen um das "WARUM sind die Dinge so?" bei der eigenen Akzeptanz?.... Jetzt mal ohne Witz, das interessiert mich echt.
Dein Beispiel mit der empregada leuchtet mir insofern ein, daß man den Grund sieht, warum sie nicht weiß, wie man ein Mittelklassehaus ordentlich putzt, da sie selber in viel größerer Armut lebt...
Weckt bei mir Mitleid mit den vielen Menschen, die unter schlimmen Bedingungen leben müssen.
Ändert aber nichts daran, daß ich sie mein Haus nicht putzen lassen würde, sondern jemanden anstellen wollte, der es so macht, wie ich es mir vorstelle. Es würde mir nicht helfen, zu akzeptieren, daß sie nun mal so bei mir putzt und fertig.
Ist vielleicht ein blödes Beispiel, aber versteht jemand, was ich meine?....
Anderes Thema: Klar würde ich auch lieber alles per Dauerauftrag bezahlen, aber das erfordert ja wieder, daß das nötige Geld auch am entsprechenden Tag auf dem Konto ist.
Geldangelegenheiten sind eine heikle Sache und ich habe keine Lust, hier alle meine Aufgaben aufzulisten, damit man sehen kann, daß ich schon mit Geld umgehen kann, aber widrige Umstände mir hier ständig das Genick brechen.
Aber ich weiß sehr wohl, wieviel ein Salário Minimo ist und ich bin sehr darüber entsetzt, wieviele Menschen hier mit so wenig auskommen (müssen).
Das ist ja auch ein Teil des Kulturschocks, dieser Unterschied zwischen arm und reich und zu was Menschen durch Armut getrieben werden...
Insofern gebe ich Boli in einer Sache Recht: Meinen Lebensstandard hier simpel zu nennen, ist falsch. Mit Apartment, Auto und Telefon gehört man in Brasilien ja auf jeden Fall schon zur besseren Hälfte....
Aber Lebensstandard ist ja auch eine Sache der Gewohnheit und wenn ich mein ganzes Leben in Deutschland in einer Wohnung gewohnt habe, werde ich nicht nach Brasilien ziehen, um am Stadtrand in einer Blechhütte unterzukommen.
Somit meinte ich "simple", daß ich mich im Vergleich zu Dtl. (ja, und den Vergleich darf man nun vielleicht wieder nicht anstellen) hier mit weitaus weniger zufrieden gebe und auch zufrieden bin, es aber auch nervt, daß man das Gefühl hat, man kommt nicht richtig vorwärts, kann nichts aufbauen / zurücklegen.
Und übrigens, auf die Churrascaria hatten wir das ganze Jahr gespart, wo man in Deutschland vielleicht stattdessen auf den Jahresurlaub spart.
Daß das der absolute Luxus ist, ist mir klar und nur zur Info: seit diesem Ereignis waren wir noch nicht wieder im (normalen) Restaurant essen...
Danke für den Tip, laut den Chef zu verlangen! Das werde ich tatsächlich mal ausprobieren, denn damit kommt man ja auch oft in Deutschland weiter.
Aber ich meine mich auch an Situationen zu erinnern, wo wir das schon mal gemacht haben und dann hieß es aber, der sei grad im Urlaub

Dumm gelaufen!
Und jetzt noch zum "gammeligen Kerl":
Ja, der humanitäre, verständnisvolle Ansatz ist ja gut und schön, von wegen, die Geschichte und Lebbensumstände der Person kennenlernen usw.
Aber für mich funktioniert das nur in der Theorie. Erstens interessiert den, der mich um Geld anbettelt, meine Lebensgeschichte auch nicht und zweitens hilft mir das bei der Lösung meiner täglichen Angelegenheiten nicht weiter (und löst seine Misere auch nicht auf). Ich möchte nur in Ruhe da parken.
Wenn ich dem Mann Geld geben möchte, weil ich ihm helfen will, Mitleid habe oder wie auch immer - gut und schön. Aber nicht unter Druck und Angst um das Auto.
Das kenne ich aus meinem Land nicht und fühle mich sehr unwohl dabei.
Es stimmt wohl, daß ich eine ziemliche - wie du es nanntest - "Mittelschichtmentalität" habe. Aber ist das was schlimmes? Du sagst selber, du hast viele Freunde, Bekannte, die diese Ansichten teilen.
Und wo doch angeblich Brasilien ein Land ist, wo mit jeitinho und jogo de cintura und amigos usw alles ganz gelassen geregelt werden kann - da muß man trotzdem auf der Staße verhungern, wenn man Pech im Leben hat?....
Das ist alles ziemlich traurig.
So, und nun zum Schluß..
Zitat Boli: Jetzt verstehe ich warum gibt’s jetzt in Forum ein Brasilien-Residents unter sich. Solche Beiträge dort zu schreiben und keine Rückmeldung zu bekommen ist schön. Oder? Leider für Dich, Anna, Du hast hier geschrieben und ich habe ihn gelesen. Ich habe nichts dagegen, dass die Brasilianer kritisiert werden, aber nicht von Leute die davon Null Ahnung haben und am liebst woanders wären. Ich weiss nicht wie gut Dein Portugiesisch ist, aber wir haben ein Ausdruck "os incomodados que se retirem". Geh doch! Vielleicht werden andere Leute in Deine Nähe auch sich darüber freuen.
Ich hab überhaupt nichts gegen deine Rückmeldung. Im Gegenteil, ich fände es noch viel interessanter, wenn mehr Brasilianer sich hier äußern könnten, Partei für ihr Land ergreifen und mir vielleicht einige Dinge besser erklärten. Damit hab ich überhaupt kein Problem.
Aber ich halte es für etwas respektlos, zu behaupten, ich hätte null Ahnung und wolle gar nicht hier sein.
Dir erscheinen vielleicht meine 1,2 Jahre Erfahrung zu deinen 20 sehr wenig, aber du selber als Auswanderin müßtest du doch wissen, wie es ist am Anfang. Man macht haufenweise Erfahrungen und gewinnt Einsichten und hat ganz gewiß eine "Ahnung".
Und von wegen "am liebsten woander wären" - schon am Anfang habe ich gesagt, daß das Forum eine Möglichkeit ist, Luft abzulassen - wir können auch gerne mal über die Dinge reden, die uns in unserem jeweiligen Wahlland zum Bleiben bewegen. Auch gute Seiten gibt es immer!
Und "Geh doch!"... Sorry, aber du hast auch Pläne, wieder nach Brasilien zurückzukehren und ich bitte dich, doch meine Entscheidung, momentan hier zu wohnen, mich aber trotzdem über unverständliche Dinge aufzuregen, ohne gleich nach Hause fliehen zu wollen, zu respektieren.
Danke und bis zum garantiert nächsten Mal,
Anna