Rio de Janeiro tanzt fetzigen Elektrosamba

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Rio de Janeiro tanzt fetzigen Elektrosamba

Beitragvon helveticus » Do 6. Jan 2005, 13:41

Tagesanzeiger, Zürich - 04.01.2005

In der brasilianischen Metropole boomt das Nachtleben wieder - die Stadt ist sicherer geworden. In den Klubs mischt sich Samba und Bossa nova mit Elektro.

Von Robert Wildi

«I hope you love my country and our music!» Der heitere, leicht angetrunkene Brasilianer am Nebentisch setzt zur Verbrüderung an, nachdem mich meine Portugiesisch-Sprechversuche als Tourist entlarvt haben. Wir sind in Lapa, einem aufstrebenden Ausgangsviertel von Rio. Mein Nachbar geht begeistert mit den Sambaklängen mit, die die Liveband auf der Bühne in den rauchigen Raum schmettert.

Ich mache es wie er und klatsche mit der rechten Hand den Rhythmus auf den Holztisch. Die drei Sängerinnen auf der Bühne nehmen unser Treiben mit anerkennendem Nicken zur Kenntnis. Sie spulen nicht einfach ihr Programm herunter, sondern suchen den Kontakt zum Publikum. Ein zufällig anwesender Gitarrist wird kurzerhand auf die Bühne gebeten und zum Mitmusizieren aufgefordert. Obwohl es in Rio fast so viele Musiker gibt wie Sand am Meer, kennen sich die meisten und pflegen untereinander einen freundschaftlichen Umgang. Die kleine Bar ist zum Bersten voll. Es herrscht Hochstimmung.

Von Klub zu Klub - mit Vorsicht

Musik verbindet in Brasilien die Menschen. Ihre euphorisierende Wirkung drängt die Alltagssorgen für kurze Sequenzen in den Hintergrund und vermag die grosse Kluft zwischen Arm und Reich vorübergehend zu schliessen. Rio ist der Schoss der brasilianischen Musik, die Geburtsstadt des Bossa nova und des Samba. Fast in jeder Bar, und es werden immer mehr, wird Livemusik gespielt. Rios Nachtleben erlebt seit rund fünf Jahren eine Renaissance, nachdem steigende Kriminalität die Szene einige Zeit fast erdrückt hatte. Heute ist die Polizei viel präsenter, wenn auch für die Menschen auf der Strasse kaum sichtbar. Ein gesundes Mass an Vorsicht ist in Rio allerdings immer nötig; wer sich mit Goldkette und Digitalkamera ins Nachtleben stürzt, riskiert mehr als in Europas Grossstädten. Doch die Situation hat sich stark verbessert. «Wir erleben eine neue Blüte», schwärmt der 27-jährige Student Rafael Gaudenzi. Als freischaffender DJ Gau kennt er das nächtliche Rio sehr gut. Am liebsten legt er im Lapa-Viertel auf, wo die Szene seiner Meinung nach am intensivsten lebt und wo sich die Cariocas treffen, die Bewohner Rios. DJ Gau ist ein Spezialist für brasilianische Musik und in vielen Klubs gefragt. Vor kurzem wurde er gar nach Norwegen eingeladen, um an einer brasilianischen Fete für Stimmung zu sorgen.

Mit Bossa nova und Samba hat Rio die ganze Welt erobert. Beim Import von fremden Stilrichtungen als Ganzem tun sich die Cariocas eher schwer. Es gibt in der Stadt durchaus Discos mit europäisch geprägter House- oder Technomusik, doch bleiben sie in der Minderheit. «Die brasilianische Musik ist in Rio fast überall dominierend», bestätigt DJ Gau. Aber auch diese hat sich in den letzten Jahren rasant weiterentwickelt. Seit etwa zwei Jahren vermischen sich in vielen Bars und Klubs die klassischen Rhythmen von Samba und Bossa nova mit Klängen elektronischer Musik. Aus dem Bossa nova geht immer stärker ein neuer Trendstil hervor, den die Cariocas mit Drum ’n’ Bass gleichsetzen. Der schnellere Samba entwickelt sich zum mitreissenden, durch Mark und Bein gehenden Elektrosamba, der bei der Jugend der Stadt Kultstatus erlangt hat.

Die trendigsten Klänge im Zirkus

In Lapa bietet sich fast jeden Abend Gelegenheit, diese Musik kennen zu lernen, auch unter der Woche. Nur etwa hundert Meter von der klassischen Samba-Bar entfernt, beginnt vor jubelnder Partymenge gerade ein Elektrosamba-Liveact. Die Lokalität heisst Circo Voador: eine grosse, von einem Zelt überdachte Bühne mit Tanzfläche, die von einer Art Zirkuszelt überdacht ist. Rundherum befinden sich Getränkestände und Bars. Der Circo Voador hat seine Tore im vergangenen Juli nach achtjähriger Pause wieder geöffnet und ist nun einer der beliebtesten Treffpunkte für junge Cariocas und für Touristen aus aller Welt. Hier sind regelmässig die modernsten und trendigsten Klänge der Musikszene Rios zu hören. Die Band legt mit Inbrunst einen akustischen Teppich von elektronischen Gitarrerhythmen über die vertrauten Sambaklänge; ein ruhiges Stehenbleiben ist undenkbar. Die Nachtschwärmer gehen voll mit und feiern ausgelassen. Ob mit Hemd und Jackett oder im Fussballleibchen des lokalen Spitzenklubs Flamenco -im Circo Voador spielt die Fassade keine Rolle.

Ganz anders geht es in den gehobenen Ausgangsvierteln Ipanema und Leblon zu und her, wo ich mich am späteren Abend vom euphorischen Treiben erhole. Hier treffen sich gut situierte und elegant gekleidete Einheimische in schmucken Bars, um sich Bossa-nova-Livekonzerte anzuhören. Ipanema, das Strandquartier westlich der Copacabana, ist die Geburtsstätte des Bossa nova, des weltweit bestbekannten brasilianischen Musikstils. In den Fünfzigerjahren, einer Zeit von wirtschaftlichem Aufschwung und Optimismus, wurden hier die einprägsamen Lieder über das herrliche Leben am Strand, die wunderbare Natur und das Glück in der Liebe geschrieben, dann über die Jahre hundertfach interpretiert und wiedergegeben.

Das Mädchen von Ipanema

In Ipanema erlebt der Bossa nova zurzeit auch in der klassischen Form einen Höhenflug - wie der Samba in Lapa. Ein Geheimtipp für gute Konzerte ist die Vinicius Piano Bar, benannt nach Vinicius de Moraes, einem der Bossa-nova-Urväter. Dort geben sich in familiärem Kreis bedeutende Grössen der einschlägigen Szene die Ehre. Heute Abend verzaubert Fernanda Morais, eine kräftige Frau mit durchdringender Stimme, das in der Mehrzahl über 40-jährige Publikum. Sie singt die Bossa-nova-Klassiker mit Hingabe. Beinahe fühlt man sich in die Mitte des letzten Jahrhunderts zurückversetzt.

Durch das Fenster sehe ich direkt auf das Café Garota de Ipanema auf der gegenüberliegenden Strassenseite. Dort hat Vinicius de Moraes mit Antonio Carlos Jobim den Welthit geschrieben, der dem Lokal den Namen gab. «The Girl of Ipanema» war ein hübsches Mädchen, das täglich am Café vorbeispazierte.

Auch in Ipanema und dem angrenzenden Leblon machen sich zur Nachtstunde in neueren Lokalen moderne Einflüsse bemerkbar. Im Klub Baronetti etwa wird sich jeder junge Europäer wohl fühlen, der etwas Analoges zur heimischen Partyszene sucht. «Bis vor einem Jahr spielten wir vor allem Dance Music», sagt die Türsteherin Danielle. Heute dominieren Drum ’n’ Bass und Lounge-Musik. Der Stil des Mobiliars erinnert an Szenebars in Zürich-West.

Unzählige Alternativen zum Nightlife

Wer ein Flair für brasilianische Musik hat, fühlt sich in Lapa, Ipanema und Leblon pudelwohl. Das aufblühende Nachtleben ist eine Reise nach Rio wert. Kuoni hat denn auch versucht, Rio als Winterziel zu etablieren. Zum ersten Mal seit 20 Jahren hat er einen Direktcharter aufgelegt. Ermutigt sah sich Kuoni durch den Erfolg der letztjährigen Charterverbindung nach Fortaleza, der nördlich von Rio gelegenen Badeferien-Metropole. «Auch das stark verbesserte Preis-Leistungs-Verhältnis der Hotels in Rio war für unsere Offensive mitverantwortlich», sagt Kuoni-Produktmanager Mario Brunelli. Andere Tour Operators haben Sitzplatzkontingente übernommen. Die Nachfrage ist allerdings etwas unter den Erwartungen geblieben. Die Anzahl Rio-Flüge der Kuoni-Airline Edelweiss wurde reduziert. Die letzten Rückflüge finden am 12. Januar statt. Ob es 2005 wieder solche Flüge gibt, ist noch offen.

Weil die meisten Besucher in Brasilien mehr als nur Rio sehen wollen, sind in den Programmen aller Veranstalter auch Ferienorte in der näheren Umgebung zu finden. Eine Alternative zum Nachtleben ist zum Beispiel das schmucke Kolonialstädtchen Parati, zwei Autobusstunden südlich des Zuckerhuts. Der einst wichtige Handelsknotenpunkt zwischen Rio und São Paulo besticht durch wunderschöne historische Bauten und Strassen mit Kopfsteinpflaster.

Ebenso attraktiv ist Buzios - auch St Tropez Südamerikas genannt, weil die französische Filmgöttin Brigitte Bardot hier einmal länger verweilte. Nun ist BB als bronzene Statue verewigt. Das Badestädtchen bietet mehrere Buchten mit Bilderbuch-Sandstränden. Die tadellos sauberen Fussgängerpassagen sind von schicken Boutiquen und Restaurants gesäumt. Auch das ist ein Stück Brasilien: reich und mondän, allerdings längst nicht so original wie die tanzenden Cariocas in Lapa.
[04.01.2005]

Tipps & Infos

Flüge Rio
Es gibt keine Direktflüge ab Zürich. Günstigste Flüge momentan (Hochsaison!): TAM Brazilian Airlines (10 Flüge/Woche ab Paris via São Paulo; Zubringer nach Paris inbegriffen) 1036 Fr., TAP (über Lissabon; auf Hinflug Gratis-Hotelübernachtung in Lissabon nötig) 1066 Fr. Weitere (etwas teurer): Varig, Air France, Iberia. Nicht inbegriffen sind die sehr teuren Taxen (140 bis 200 Fr.). Die Flugpreise bewegen sich allgemein zwischen 1000 (Tiefsaison) und 1500 Fr. (Hochsaison).

Reiseveranstalter
Kuoni und Helvetic (Tel. 01 277 41 41), deren Charter ausgelaufen sind, bieten weiterhin Pauschalen (Linienflüge) an mit Hotels in Rio, Parati, Angra dos Reis sowie Buzios, dazu Rundreisen. Weitere Angebote bei Spezialisten wie Brasil Tours, Brasa oder Salina (siehe Kasten S. 53).

Hotels
Beispiele von Copacabana-Hotels aus dem Angebot von Brasa Tours: Royalty (212*) 48 Fr. pro Person im DZ mit Frühstück. Oder: Copacabana Palace (5*) 205 Fr. pro Person im DZ mit Poolsicht, ohne Frühstück.

Sicherheit
Besser als auch schon. Nachtschwärmer sollten sich aber am besten Einheimischen anschliessen.

Nachtleben Lapa:
Circo Voador, Rua dos Arcos (Elektrosamba, Funk’n Lata); Carioca da Gema, Rua Mem de Sa (Bar mit Samba-Konzerten); Dama da Noite, Rua Gomes Freire (Samba, Jazz, Salsa). Nachtleben Ipanema/Leblon: Vinicius, Rua Vinicius de Moraes (Bossa-nova-Konzerte); Garota de Ipanema, Rua Vinicius de Moraes (Bar); Dama de Ferro, Rua Vinicius de Moraes (Elektro, House); Baronetti, Rua Barão da Torre (Drum ’n’ Bass, House, Lounge); Melt, Rua Rita Ludolf (Restaurant, Lounge); Emporio, Rua Maria Quiteria.


Quelle: http://www.tagesanzeiger.ch/dyn/reisen/ ... 52823.html
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