Rio - ganz entspannt.

Allgemeine Fragen & Tipps über alles, was dem Gringo in Brasilien passieren kann

Rio - ganz entspannt.

Beitragvon copanema » Sa 15. Mär 2008, 23:49

Hallo liebe Brasilienfreunde,

seit einigen Monaten bin ich hier als stille Beobachterin unterwegs und bin angenehm überrascht über den freundlichen Umgangston.

Seit drei Jahren habe ich eine brasilianische Schwiegertochter und seit kurzem eine kleine Brasilianerin als Enkelkind, beide leben mit meinem Sohn in München.
Anfang Januar habe ich endlich zusammen mit meinen Kindern meine erste Reise nach Brasilien angetreten. Die ersten zehn Tage haben wir in Buzios verbracht, ich war überwältigt. Es war traumhaft schön.

Danach sind wir mit dem Bus nach Rio gereist und haben hier die restlichen drei Wochen verbracht. Die Sicherheit, an die ich mich ich Buzios gewöhnt hatte, war in Rio natürlich nicht gegeben. Die ersten Tage hatte ich furchtbare Angst, habe mich ständig umgesehen und an meine Umhängetasche geklammert. Ich habe mich als Touristin geoutet.

Wenn wir auf der Straße unterwegs waren, sagte mein Sohn plötzlich „Sprich jetzt nicht Deutsch!“, meine Schwiegertochter hat mehrmals aus heiterem Himmel die Straßenseite gewechselt oder völlig unvermittelt ein Geschäft betreten, wenn sie merkwürdige Menschen sah. Ich möchte hier kurz erwähnen, dass meine Schwiegertochter farbig ist, d.h. auch sie ist nicht sicher vor Überfällen.

Ich fing an die Menschen auf der Straße zu beobachten. Viele einheimische Frauen trugen Handtaschen, lässig über der Schulter, ohne sich daran festzuklammern. Sie trugen Schmuck, Designer-Sonnenbrillen und waren gut gekleidet. Ich hatte das alles zuhause gelassen. Sie waren ganz unbeschwert und haben sich nicht ständig nach Kriminellen umgesehen. Merkwürdigerweise sah ich auch keine Menschen, von denen ich annehmen musste, dass Sie vorhatten mich zu überfallen. Anscheinend war ich die Einzige, die in Panik vor Überfällen war und so konnte es nicht weitergehen.

Zunächst habe ich mich von meiner Umhängetasche getrennt, ich trug von nun an weite Hosen mit vielen Taschen, in denen ich Handy, Kamera, Geld und Schlüssel unterbringen konnte. Ich versuchte außerdem mich unauffälliger zu benehmen. Da ich sehr blass bin und lange rote Haare habe, ist es nicht einfach unbemerkt zu bleiben. Jedoch fühlte ich mich jetzt sicherer. Ich hatte mich außerdem innerlich auf einen Überfall vorbereitet und mir gesagt, dass es hier einfach dazu gehört. Vielleicht klingt es merkwürdig, aber ich war befreit von der Angst und konnte Rio von nun an genießen.

Wir haben sehr viele Orte besucht, die von den meisten Touristen nie gesehen werden, wir sind Bus und Taxi gefahren, tagsüber waren wir meistens zu Fuß unterwegs. Meine kleine Enkelin war im Buggy oder auf dem Arm ständig dabei.

Abends haben wir Restaurants, Bars und touristenfreie Sambaschulen besucht. Da ich zu Beginn des Karnevals abreiste, wollte ich mir die Gelegenheit das Sambadrom, während einer Probe, zu besuchen nicht entgehen lassen. Es glich einem Hexenkessel, genauso wie die Sambaschulen. Solche Veranstaltungen werden überwiegend von Farbigen besucht, da diese Veranstaltungen kostenlos sind und die meisten könnten sich eine Eintrittskarte nicht leisten.

Anfangs habe ich mich unter vielen Farbigen etwas unwohl gefühlt, nicht weil ich rassistisch bin, sondern weil ich das Gefühl hatte fremd und unpassend zu sein. Das hat sich sehr schnell gelegt, die Menschen sind so wahnsinnig freundlich und unkompliziert. Sie sind stolz auf Ihre Hautfarbe und fühlen sich nicht diskriminiert. Ich habe früher die Erfahrung gemacht, dass Afrikaner und Amerikaner damit ganz anders umgehen.

Gewohnt haben wir, direkt zwischen Copacabana und Ipanema, in einem schönen, geräumigen 3-Zi.-Appartement mit zwei Bädern, zwei Balkonen und mit Blick über beide Strände im 17. OG. Die Anlage verfügte über einen sehr großen Pool und Sicherheitsdienst. Wir hatten u.a. Wireless-LAN, was ich dringend benötigte, da ich täglich 2-4 Stunden über Internet arbeiten musste. Einmal pro Woche wurde die Wohnung komplett von zwei Putzfeen gereinigt. Ich lebe in Hamburg, verglichen damit, war es nicht billig, aber dennoch günstig.
An der Elbchaussee wäre eine solche Wohnung mit entsprechendem Service um ein Vielfaches teurer.

Von Anfang hatten wir unseren privaten Taxifahrer, der aus demselben Vorort von Rio stammt, wie meine Schwiegertochter. Wenn wir größere Strecken zurücklegen wollten, haben wir einen Tag oder einige Stunden vorher angerufen um das mit ihm abzusprechen. Er hat uns nach Niteroi ins Museum gefahren und es mit uns gemeinsam besucht, da er es bis dahin nie gesehen hatte. Der Fahrpreis war so niedrig, dass wir ihn nicht akzeptieren konnten. Meine Schwiegertochter meinte scherzend zu ihm : „Zacharias, Du musst Deine Preise erhöhen, oder ich muss mich beschweren!“

Obwohl ich Anfangs kein Wort Portugiesisch gesprochen habe, habe ich auf Kurzstrecken immer wieder Taxifahrer kennen gelernt, die diesen Service angeboten haben. Verständigt habe ich mit Hand und Fuß, einfache englische Wörter verstehen die meisten Taxifahrer und wenn nicht habe ich es mit Französisch versucht, irgendwie hat es immer funktioniert und meistens war es sehr lustig.

Ich möchte hier sicher nichts schönreden und war mir der lauernden Gefahr ständig bewusst. Jedoch ist uns nicht passiert, wir waren Gott sei Dank nie einer brenzligen Situation ausgesetzt. Ich war vor vielen Jahren alleine in Caracas/Venezuela unterwegs, dort war die kriminelle Situation wesentlich schlimmer als heute in Rio. Aber auch damals ist mir nichts passiert.

Ich weiß nicht, ob die zum Teil sehr negativen Beiträge, die ich hier gefunden habe, repräsentativ sind. Wenn man selbst umsichtig handelt, kann man sicher einiges verhindern.

LG
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Re: Rio - ganz entspannt.

Beitragvon nini » So 16. Mär 2008, 11:55

hallo copanema

schön dass es dir so gut gefallen hat. guter beitrag. merci.
die gefühlte und echte bedrohung/gefahr ist tatsächlich unterschiedlich.
für uns europäer ist, so denke ich, das ständige aufpassen müssen das was am meisten beunruhigt.
entspannt sein, aber halt doch immer mit einem auge aufpassen.
die einheimischen haben das seit der geburt drauf, wir nicht.

gruss
nini
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Re: Rio - ganz entspannt.

Beitragvon vicios-brasileiros » So 16. Mär 2008, 16:49

Klasse!
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Re: Rio - ganz entspannt.

Beitragvon Severino » Di 18. Mär 2008, 13:47

@copanema
Danke für Deinen schönen Bericht. Ich war vor knapp 10 Jahren das letzte Mal in Rio. Gewohnt hatte ich da im Stadtteil Meíer, gleich bei der grossen Bushaltestelle. Und auch wir hatten damals immer unseren eigenen Taxifahrer. Eigentlich ein Ingenieur des Maschinenbaus namens Mozart.
Es war eine schöne Zeit - insbesondere ab dem Zeitpunkt, wo ich das mulmige Gefühl aus der Magengegend verbannt hatte. Damals sprach ich kaum portugiesisch und schon deshalb durfte ich das Haus nie unbegleitet verlassen. Mindestens den Pudel musste ich mitnehmen....
paz e amor
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