Sanfter Tourismus nach strengen Regeln

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Sanfter Tourismus nach strengen Regeln

Beitragvon helveticus » Do 6. Jan 2005, 13:36

Tagesanzeiger, Zürich - 04.01.2005

Eine der schönsten Inselgruppen Brasiliens, der kleine Archipel Fernando de Noronha, ist noch recht ursprünglich. Viele wollen es vor dem Tourismus schützen. Ob das noch gelingt, ist fraglich.


Von Petra Koci

Wie Schildkröten im Sand kriechen die Buggys den Schotterweg entlang zum Forte do Boldro. Dieser Aussichtspunkt ist besonders beliebt, weil hier die Sonne neben dem Zwillingsfelsen Dois Irmãos - zwei Brüder - im Meer versinkt. Es sind zwei Buckel, die wie ein spitzer Busen aus dem Wasser ragen.

Hinter der Bar wird die Stereoanlage aufgedreht, und je röter die Sonnenkugel leuchtet, desto lauter wird Ravels «Bolero». Mit einer Caipirinha in der Hand lauern die Touristen, schwatzen, posieren. Der Sonnenuntergang als Cocktailparty. Zur Faszination trägt sicher auch das Gerücht bei, dass Fernando der einzige Punkt in Brasilien sein soll, von dem aus man die Sonne in den Ozean eintauchen sieht.

Symbolische Sauberkeit

Fernando de Noronha liegt 345 Kilometer weit im Meer vor der Küste bei Natal. Die Hauptinsel gleichen Namens ist 17,5 Kilometer lang und von 21 unbewohnten Inselchen eingefasst. Ihr Kapital: glasklares Wasser, weisse Sandstrände, an denen Schildkröten ihre Eier legen, und eine Bucht, in der morgens Dutzende bis Hunderte von Delfinen umhertollen. 1988 wurde der Archipel zum Marine-Nationalpark erklärt. «Fernando ist ein Symbol», sagen Gianmarco und Margarete, «ein Vorbild in Sachen Ökologie. Das hat sich herumgesprochen.» Der Anwalt und die Architektin aus dem Süden Brasiliens sind hierher gekommen, um sich selbst von der vermeintlichen Wunderwelt zu überzeugen. Sie loben die Strände, an denen nicht einmal ein weggeworfenes Trinkröhrchen im Sand zu finden ist. Auch kein Bikini- oder Glacéverkäufer stört das Bild. Wer sich verpflegen will, muss sich in einer einfachen Strandbar eine geköpfte Kokosnuss und einen im Bananenblatt gegrillten Fisch holen.

Auch vom Tauchen schwärmt das Ehepaar: Unterwassersichtweiten von gut 40 Metern, ein berühmtes Wrack, Schildkröten und Rochen auf fast jedem Tauchgang und mit Glück sogar Begegnungen mit Mantas oder Delfinen haben die Destination unter Tauchern etabliert. Dabei kann man Schildkröten oder Stachelrochen schon beim Schnorcheln entdecken, was jedoch nicht an allen 15 Stränden der Hauptinsel erlaubt ist.

Streng verboten für Schiffe und Schwimmer ist der Zugang zur Delfinbucht. Geregelt ist der Zutritt zur Praia do Atalaia, an der sich bei Ebbe natürliche Aquarien bilden: Maximal 20 Schnorchler gleichzeitig dürfen unter der strengen Aufsicht von Francesco, einem Wächter von der Umweltschutzbehörde Ibama, im hüfthohen Wasser schnorcheln. Wer planscht, wird von Francesco mit der Trillerpfeife zurechtgewiesen. Waten ist verboten, nur eine Art Kriechen ist erlaubt.

Andernorts ging es schief

Das ist sanfter Tourismus nach strengen Regeln. Sie können zwar die Natur und den Charakter eines Ortes bewahren, aber vor touristischer Überflutung schützen können sie nicht. Ähnlich wie in Fernando sah es auch in anderen brasilianischen Küstenorten aus, die einst Geheimtipps waren und inzwischen in den Ferienkatalogen ausgeschrieben sind: Da war etwa die Praia do Forte, nördlich von Salvador, mit ihrem Schildkrötenschutzprojekt, um das herum nun komfortable Öko-Resorts und ein schmuckes Feriendorf entstehen. Südlich von Salvador zieht die Magie von Bilderbuchstränden und üppigem Regenwald vor allem Einheimische an - etwa nach Itacaré, wo innert weniger Jahre über 80 Hotels und Pousadas eröffnet worden sind.

Ein weiteres Beispiel ist Jericoacoara im Norden, 300 Kilometer westlich von Fortaleza. Jeri steht unter Naturschutz und war in den 80er-Jahren eine isolierte Fischerkommune. Entdeckt wurde es von Rucksacktouristen, heute ist die internationale Touristenkarawane angekommen. Die Fischer bieten sich als Buggy-Chauffeure an, am Strand wird Schmuck verkauft und Capoeira aufgeführt, abends dröhnt Reggae aus den Bars. Seinen Ruhm verdankt der Ort der «New York Times», die Jeri 1999 zu einem der schönsten zehn Strände des Planeten erkoren hat. Was all diese Namen damals bewirkten, tut heute der von Fernando de Noronha. Viele Brasilianer kommen ins Schwärmen, wenn sie ihn hören. «Fernando ist eine Legende», sagt zum Beispiel Vanessa, eine junge Frau, die für die Ibama arbeitet.

Naturschutzvorträge und Nightlife

«Viele Stars waren hier», meint Vanessa. «Sie verbreiten das Image einer Trauminsel. Das zieht immer mehr Leute an.» Reguliert werden die Inselkapazitäten durch die Anzahl der Flüge: täglich vier. 1000 Gästebetten stehen zur Verfügung. Es gibt keine Grosshotels, fast nur kleine Pousadas - familiäre Pensionen. Die Tourismusbehörde klassifiziert sie mit einem bis drei Delfinen. Die Luxus-Pousadas mit drei Delfinen lassen sich an einer Hand abzählen. Die allermeisten haben nur einen Delfin, die Zimmer sind sauber, bieten aber nur das Nötige.

Insgesamt erhält der Inselbesucher eine bescheidene Leistung zu einem hohen Preis. Schuld sind die teuren Lebenskosten und die starke Nachfrage. Als Zé Maria 1988 auf die Insel kam, gab es drei Pousadas. Der Unternehmer aus Recife kam und verliebte sich in die menschenleeren Strände, die er als «absolut sicher» bezeichnet. In seiner Pousada bietet er nun ein bisschen Nightlife - eine Ergänzung zu den allabendlichen Vorträgen der Naturschutzorganisationen, die sonst die einzigen Events waren. Sind nach dem opulenten Buffet die Teller abgeräumt, nimmt jeder Angestellte ein Instrument zur Hand. Dann wird getrommelt, gezupft und gesungen, und kein Gast bleibt sitzen. Zé Maria mit seinen langen weissen Haaren, inmitten der Tanzenden, ruft: «Fernando ist ein Paradies. Und ich garantiere dir, dass es das auch in zwanzig Jahren noch ist. Denn wir schützen unsere Insel.»

Noch hält die Ibama die Insel mit starker Hand unter Kontrolle. Stark ist jedoch auch der Wille zur Expansion. Eines der drei Tauchunternehmen hat ein Luxusboot bestellt, bald sollen Flüge auch von Fortaleza her beginnen. Was dann kommt, weiss niemand.
[04.01.2005]

Weitere urige Inselschönheiten

Eine Auswahl anderer brasilianischer Inseln, die ursprünglich und nicht überlaufen sind (zumindest an Werktagen und ausserhalb der Sommerferien):

Bei Belem: Ilha de Marajo: Regenwald trifft auf Savanne auf einer der grössten Flussinseln der Welt im Amazonasdelta, viele Wasserbüffel. Ilha do Algodoal: Weisse, lange Sandstrände und Königspalmen, Unterkünfte sehr einfach.

Bei Recife: Ilha Itamaraca: Palmengesäumte Strände, Station für Seekuh-Forschung.

Bei Salvador: Morro de São Paulo: Strände sind durchnummeriert. Abrolhos-Archipel: Marinepark mit klarem Wasser und viel Fischleben, Juli bis November Walbeobachtung.

Bei Rio und São Paulo: Ilha Grande: Naturschutzgebiet mit 193 km Sandstränden, Tauchmöglichkeiten. Ilhabela: Gipfel mit tropischem Urwald, 360 Wasserfälle, 80 Prozent unter Naturschutz. Ilha da Gipoia: 18 schneeweisse Strände mit klarem Wasser. Ilha do Cardoso: Naturpark, fast noch so wild wie vor 500 Jahren, viele Tiere wie Affen und Papageien.

Süden (bei Florianopolis): Ilha de Santa Catarina: Inselsüden mit leeren Stränden und subtropischen Naturschutzgebieten. Ilha do Papagaio: Kleinod mit komfortabler Öko-Lodge (Roteiros de Charme; siehe Seite 53).
Tipps & Infos

Reiseanbieter: Unter anderen Brasa Reisen, Tel. 01 201 58 00, Brasil Tours, Tel. 01 291 52 00, Salina Tours, Tel. 044 466 68 68.

Individuelle Reise: Flug zweimal täglich ab Natal und ab Recife, Ticket kostet ca. 300 US-Dollar. Schlafen: Am günstigsten, wenn man Pousadas vor Ort bucht (Portugiesischkenntnisse notwendig). Übersicht auf http://www.noronha.pe.gov.br , auch http://www.noronha.com.br . DZ mit Frühstück in einfacher Pension ab umgerechnet ca. 90 Fr.

Umwelttaxe/Geld: Rund 13 Fr./Tag, ab 11. Tag ansteigend, zahlbar bei Ankunft am Flughafen oder übers Internet. Genügend brasilianische Reais (R$) mitnehmen, kein Geldwechsel und kein Geldautomat in der Bankfiliale! Viele Pousadas und Tauchanbieter akzeptieren aber Kreditkarten.

Reisezeit: Tropisches Klima, Regenzeit ca. März bis Mai/Juni. November bis Februar gut zum Surfen. Januar/Februar Hochsaison. Transport: Am Flughafen stehen meist einige Taxis. Ein lokaler Bus verkehrt via Flughafen. Buggy/Tauchen: Buggy-Miete ca. 46 Fr. für 24 Stunden, Tauch-Infos: http://www.atlantisdivers.com.br ; http://www.aguasclaras-fn.com.br ; http://www.noronhadivers.com.br .


Quelle: http://www.tagesanzeiger.ch/dyn/reisen/ ... 52840.html
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Kommentar

Beitragvon brasil-network » Mo 10. Jan 2005, 17:43

Hallo Forumsbesucher

Habe den Artikel ebenfalls gelesen und möchte meine persönliche Meinung dazu kundtun und noch etwas ergänzen/unterstreichen:

- Fernando de Noronha würde ich für einen "Erstbesucher von Brasilien" nur bedingt empfehlen. Anders als auf dem Festland sind die Bewohner der Insel nicht unbedingt "tourism-minded". Wohlwissend das die Besucher keine grosse Alternativen in Bezug auf Unterkünfte haben und die Ibama die Kontingente streng kontrolliert, verstummen Reklamationen von Touristen oft. Zudem ist das Preis-/Leistungsverhältnis auf der Insel viel zu krass. Für Touristen, die sich auf dem Festland etwas auskennen und die Preise vergleichen können (z.B. mit anderen im Artikel beschriebenen Inseln) stimmt das Angebot resp. der Service nicht.

- Dagegen ist es sehr gut, dass der Naturschutz so weit als möglich eingehalten wird. Brasilien hat viele highlights an herrlicher Fauna und Flora zu bieten. Fernando gehört diesbezüglich sicherlich zu einem der Besten Orte!

- Im Artikel wurden Inseln vergessen. So etwa die "Ilha do Mel" im Bundesstaat Paraná. Tolle Strände und schöne Landschaften laden zum verweilen ein!
Eine andere Insel ist auch z.B. die "Ilha do Cajú" und befinded im Nordosten des Landes. Herrliche Mangroven und eine Vielzahl an Tier- und Pflanzenarten des Parnaíba-Deltas sind für Naturliebhaber perfekt!

- Die im Artikel beschriebenen Inseln "Ilha Grande" oder "Ilhabela" gehören unter Kenner zum Geheimtipp. Die Natur vor Ort ist fantastisch! Je nach Saison nicht gerade günstig, bietet sie allen Sportliebhaber (vor allem Wasser- und Tauchsport) ein gutes Freizeitangebot. Im Falle von der "Ilhabela" empfehle ich allenfalls die Unterkunft auf dem Festland (z.B. in Sâo Sebastião) zu wählen und dann mit einem kurzen Bootstransfer zur Insel zu gelangen!


Mehr Infos zu einigen im Artikel befindlichen Destinationen findet Ihr auch unter: http://www.brasil-network.ch/destinationenindex.htm


Lieber Gruss

Ari
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