Schießwütige Polizisten, rabiate Gangster, verschreckte Tour

Alles über Brasilien aus der internationalen Presse (Beiträge bitte max. anreissen, unbedingt die Quelle verlinken sowie ein eigenes kurzes Statement abgeben).

Schießwütige Polizisten, rabiate Gangster, verschreckte Tour

Beitragvon brasilmen » Di 23. Jan 2007, 15:29

Schießwütige Polizisten, rabiate Gangster, verschreckte Touristen
Von Jens Glüsing, Rio de Janeiro

In Rio de Janeiro tobt ein blutiger Krieg: Dealer, Mafia, Polizei und Milizen ringen um die Macht. Anwohner verschanzen sich, Touristen leben gefährlich. Nun will der neue Gouverneur die "wunderbare Stadt" in altem Glanz erstrahlen lassen.

Rio de Janeiro - Die "Estacao Primeira da Mangueira" ist eine der traditionsreichsten Sambaschulen von Rio. Brasiliens Sängerstars Chico Buarque und Caetano Veloso zählen zu ihren Fans, der große Sambakomponist Cartola wurde in dem Elendsviertel geboren, dem die Schule ihren Namen verdankt.

Vier Wochen vor Karneval müsste die Favela eigentlich vibrieren, Mangueira ist einer der Favoriten bei der großen Parade im Sambodrom. Doch die Stimmung auf dem viel besungenen Elendshügel ist gedrückt, Besucher bleiben den Übungsabenden der Sambaschule fern, viele Anwohner verschanzen sich nachts in ihren Hütten. Denn in der Mangueira geht die Angst um: Der Häuserhügel in der Nähe des berühmten Maracana-Stadion ist Schauplatz eines brutalen Drogenkriegs.


Rio de Janeiro: Rauschgift-Krieg an der Copacabana
Fotostrecke starten: Klicken Sie auf ein Bild (7 Bilder)

Drei Dealer aus der Favela starben Anfang vergangener Woche bei einer Schießerei mit der Polizei. Aus Protest zündeten ihre Kumpanen vor der Favela mehrere Busse und Autos an, die Fahrgäste durften vorher aussteigen. Ende Dezember waren sieben Insassen eines Busses bei lebendigem Leib verbrannt, die Gangster hatten die Türen verrammelt. Insgesamt 27 Menschen starben bei Terroraktionen der Drogenmafia.

Inhaftierte Bosse des "Comando Vermelho", Rios größter Verbrechensorganisation, hatten die Anschläge von ihren Zellen aus befohlen. Sie sind womöglich nur ein Vorgeschmack auf den Krieg, der Rio in den kommenden Monaten bevorsteht. Seit Jahren tobt in den Favelas der "Cidade Maravilhosa" ein brutaler Kampf zwischen rivalisierenden Banden.

Dem Staat den Krieg erklärt

Jetzt hat die Mafia offenbar dem Staat den Krieg erklärt. Präsident Luis Inacio Lula da Silva hat Militär und Spezialtruppen zur Bekämpfung des "Terrors" nach Rio entsandt.

Mitte vergangener Woche fuhren am Strand von Copacabana Panzerwagen auf, um die Teilnehmer des Gipfeltreffens des Mercosur-Wirtschaftsbündnisses zu schützen. Von Hugo Chávez bis Néstor Kirchner waren die wichtigsten südamerikanischen Präsidenten in Copacabana versammelt. Verwundert beobachteten die Cariocas, wie Rios Einwohner genannt werden, wie schwitzende Soldaten mitten in der Rush Hour grüne Tarnzelte an den wichtigsten Einfallstraßen der Millionenmetropole aufschlugen.



Foto: SPIEGEL TV

Video: jkr
Zwar wurden die Soldaten nach dem Gipfel aus Copacabana abgezogen, auch in den Favelas werden sie nicht aktiv werden, ihr Einsatz ist verfassungsrechtlich umstritten. Doch sie sollen in der "Umgebung von Kasernen und militärischen Institutionen" patrouillieren, so Verteidigungsminister Waldir Pires. Das Militär wird einer militärisch geschulten Elitetruppe sekundieren, die ersten 500 Agenten trafen diese Woche in Rio ein. Insgesamt sollen 5000 Männer und Frauen den Bundesstaat überwachen.

Die meisten der 700 Favelas von Rio sind in der Hand schwerbewaffneter Drogenhändler. Sie haben Tausende von oft minderjährigen "Soldaten" unter Waffen, die sie in den Elendsvierteln rekrutieren. Die Gangster gewährten den Bewohnern einen gewissen Schutz, Überfälle und Diebstähle waren innerhalb der Favelas verboten. So füllte die Mafia das Machtvakuum, das der Staat hinterlassen hat. Viele Bewohner haben mehr Angst vor schießwütigen Polizisten als vor den Drogengangstern.

Zu Weihnachten verteilten die Banditen Schokoladen-Weihnachtsmänner, die mit Kokain gefüllt waren, zum "Tag der Kinder" gab es Spielzeug für die Kleinen. Favela und Drogenhändler lebten in einer Art Symbiose: Das Häuserlabyrinth der Elendsviertel gewährte den Gangstern Unterschlupf, die Bewohner profitierten vom "Schutz" der Banditen.

Keine Party ohne Koks

Schon immer hatten die Cariocas ein ambivalentes Verhältnis zu Drogen. "Ipanema leuchtet", kaum eine Party steigt ohne Koks. Über den Stränden der Südzone wabert oft eine Wolke aus Marihuanadunst. In Copacabana reiben sich die Straßenhändler die Nase, wenn sie in ihrem Kunden einen Junkie wittern - so geben sie zu verstehen, dass sie nicht nur Kaugummi verkaufen.

Nicht nur Rios Boheme schnupft das weiße Gift. Auch Werftarbeiter, Friseure, Verkäuferinnen, Taxifahrer, Motoboys und Pförtner haben das Pulver entdeckt, Kokain ist längst keine Elitedroge mehr. Brasilien ist heute nach den USA der größte Drogenmarkt des Kontinents. Der Genuß von "Pó", wie Kokain genannt wird, ist Teil der Dekadenz, die die Stadt befallen hat wie eine schleichende Krankheit.

Der Beginn von Rios Abstieg lässt sich aufs Jahr genau datieren: 1960. In diesem Jahr wurde die neue Hauptstadt Brasília eingeweiht, Rio verlor seinen Status als politisches Zentrum. Erst gingen die Ministerien nach Brasília, dann wanderte die Industrie nach São Paulo ab, schließlich verlagerten auch die meisten Banken ihren Sitz in die 500 Kilometer entfernte Wirtschaftsmetropole. Heute ist Rio eine Stadt von Beamten, Pensionären und "Favelados" - über eine Million Cariocas lebt in Elendsvierteln.

Jetzt schlägt die Kriminalität in den Favelas auch auf den Tourismus durch. Anfang Januar überfielen Gangster einen Kleinbus mit Touristen, die nachts um drei in Rio gelandet waren. Kumpanen am Flughafen hatten die Banditen offenbar über die Ankunft der Gringos informiert.


Rio de Janeiro: Hoffnungsschimmer für die verblühte Capitale
Fotostrecke starten: Klicken Sie auf ein Bild (7 Bilder)

"Brasilien ist nichts für Anfänger", befand schon der legendäre Musiker Tom Jobim, Komponist des Gassenhauers "Girl from Ipanema". Wenige Cariocas sprechen Englisch, die Sehenswürdigkeiten der Stadt sind schlecht ausgeschildert und in beklagenswertem Zustand.

Die schlechtesten Gouverneure des Landes gewählt

Öffentliche Omnibusse kann man keinem Fremden guten Gewissens empfehlen, so oft werden sie überfallen. "Jeder Tourist in Rio ist ein wahrer Held", befand jüngst die Tageszeitung "O Globo", die einen als Gringo verkleideten Reporter auf die übliche Besucherroute - Flughafen, Zuckerhut, Copacabana, Christusstatue - geschickt hatte.

Rios Dekadenz hat auch die politische Klasse infiziert. Dazu haben die Cariocas allerdings selbst beigetragen: Über Jahrzehnte wählten sie die zweifellos schlechtesten Gouverneure des Landes. Ruchlose Populisten missbrauchten die Bewohner der Favelas als Stimmvieh, ihren Aufstieg schmierten sie mit großzügigen Wahlgeschenken.

Die vergangenen acht Jahre wurde der Bundesstaat von einem Ehepaar regiert, das sich mit mafiösen Methoden an der Macht abwechselte. Ex-Gouverneur Anthony Garotinho, ein evangelischer Sektenprediger aus der Provinz, machte vor allem durch einen vorzeitig abgebrochenen Hungerstreik von sich reden. Hätte er doch durchgehalten, witzelten viele Cariocas.

Um das drängendste Problem der Stadt haben sich die meisten Politiker herumgedrückt: die unkontrolliert wuchernden Favelas. Ungehindert ziehen arme Zuwanderer immer neue Hütten hoch, in einigen Favelas stehen inzwischen zehnstöckige Gebäude. Arbeiter der Strom- und Wassergesellschaften trauen sich nur mit Genehmigung der Drogenhändler in die Slums, ohne die Zustimmung der Mafia geht nichts.

Eine neue Generation von Drogenhändlern herrscht über das Häusermeer: Die neuen Chefs des "Comando Vermelho" sind härter, brutaler und vor allem jünger als die Rauschgiftbosse der neunziger Jahre. Schon Vierzehnjährige leiten die "Bocas de Fumo", wie die Drogenverkaufsstellen genannt werden. Ein Heer schwerbewaffneter, hemmungsloser Teenager terrorisiert die Favelabewohner. Als Drogengangster vor einigen Monaten zum erstenmal einen Bus samt der Insassen mit Benzin überschütteten und anzündeten, war eine 13-Jährige unter den Tätern.

Hoffnungsschimmer durch den Machtwechsel im Guanabara-Palast

Die Polizei traut sich kaum noch in die Favelas, sie ist schlechter ausgerüstet als die Rauschgifthändler. Viele Polizisten machen außerdem gemeinsame Sache mit den Verbrechern. Deshalb üben die Bewohner vieler Favelas immer öfter Selbstjustiz. Paramilitärische Todesschwadrone haben in den vergangenen Jahren die Drogenhändler aus vielen Favelas vertrieben. Die "Polícia Mineira", wie sie genannt werden, herrscht heute in 97 Armenvierteln. Doch der Frieden ist trügerisch: Die selbsternannten Wächter erpressen Schutzgelder, sie bilden Mafias wie die Drogenhändler.

Die sind durch die Milizen unter Druck geraten: Der Zufluss an Kokain und Marihuana stockt, der Mafia fehlt Geld zur Entlohnung ihrer "Soldaten". Immer öfter weichen die Drogenhändler deshalb auf andere Verbrechen aus: Sie stehlen Autos, verüben Überfälle und berauben Banken. Mit den Terroranschlägen vom Jahresende "protestierte" die Mafia auch gegen den Vormarsch der Paramilitärs, die über beste Verbindungen zur Polizei verfügen.

Jetzt geht in Rio die Angst vor neuem Terror um. Gruppen von Drogenhändlern rasen nachts in Konvois aus gestohlenen Autos durch die Stadt. Die Straßen des Bohemeviertels Santa Teresa, das von Favelas umgeben ist, sind ab 20 Uhr menschenleer.

Doch erstmals regt sich auch Optimismus: Das liegt vor allem am Machtwechsel im Guanabara-Palast. Dort herrscht seit dem 1. Januar Sergio Cabral, der joviale Sohn eines legendären Journalisten und Carioca-Urgesteins.

Der jugendlich wirkende Politiker ist ein Verbündeter von Präsident Lula. Der schwärmt bereits von einer "Nabelschnur" in die alte Hauptstadt. Cabral hat die skeptischen Cariocas mit einigen spektakulären Maßnahmen beeindruckt: An seinem ersten Arbeitstag tauchte er überraschend in einem der heruntergekommenen staatlichen Krankenhäuser auf und versprach eine Reform des maroden Gesundheitssystems. Zum Finanzminister berief er einen angesehenen Sanierer, der das Chaos in den öffentlichen Finanzen ordnen soll.

Tatsächlich gibt es ein paar Lichtblicke für die gepeinigten Cariocas: Vor allem Franzosen und Spanier investieren Millionen in neue Hotels und touristische Anlagen. Der deutsche Stahlkonzern Krupp baut in Rio das größte Stahlwerk Südamerikas und schafft damit über tausend Arbeitsplätze. Und wer vergangene Woche nachts in Rio landete, bekam einen Vorgeschmack auf die neue Strategie zum Schutz der Touristen: Bis zu den Stränden der Südzone zählten Besucher fünf Checkpoints der Polizei.




--------------------------------------------------------------------------------
© SPIEGEL ONLINE 2007
Gruss brasilmen Thomas
http://www.brasilmen.de
Benutzeravatar
brasilmen
 
Beiträge: 3711
Registriert: Di 30. Nov 2004, 08:10
Bedankt: 32 mal
Danke erhalten: 243 mal in 184 Posts

Sprachkurs Portugiesisch (Brasilianisch)

Zurück zu Presse: Aktuelle Mitteilungen

 


Sprachkurs Portugiesisch (Brasilianisch)

Berechtigungen in diesem Forum

Du darfst keine neuen Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst keine Antworten zu Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht ändern.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du darfst keine Dateianhänge in diesem Forum erstellen.

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 0 Gäste

fabalista Logo

Persönlicher Bereich

Anmelden

Empfehlung

Wortübersetzer

Deutsch/Portugiesisch - Übersetzer in Kooperation mit Transdept

Neu im IAP PortalNetwork

Please enable / Bitte aktiviere JavaScript!
Veuillez activer / Por favor activa el Javascript![ ? ]