Schule in Brasilien: privat oder staatlich

Tipps und Fragen von Auswanderungswilligen und Leuten, die es schon in Brasilien geschafft haben / Wirtschaftliche Unabhängigkeit

Re: Schule in Brasilien: privat oder staatlich

Beitragvon Westig » Mi 25. Mär 2009, 04:26

rwschuster, guter Beitrag. Was den Frei Damião angeht: warum sollte ich Dir diese Geschichte nicht glauben?? Und selbstverständlich glaube ich, dass er Dein Leben gerettet hat. Der Frei hatte solche Gaben, dass er sein Mittagessen stehen ließ und auf die Straße humpelte und da ein Kind fortriss und Sekunden später kam der Omnibus von Itapemirim angerauscht und hätte das spielende Kind totgefahren. Wegen solcher Vorkommnisse und wegen seiner Höllen- und Himmelspredigten liefen ihm ja Millionen ausgezehrter und halbverhungerter Nordestinos nach. Und jede Menge Politiker auch, die sich, vor allem im Wahlkampf, mit Frei Damião fotografieren ließen. Solch einen Mythos wie den gibt es im Nordosten schon lange nicht mehr.

Mit Ausnahme von Lula. Aber das ist ein anderes Thema mit anderen Geschichten...

Was das Bildungssystem angeht, bin ich trotz so mancher Fortschritte, anderer Meinung als Du, auch wenn ich nie eine Schule gegründet habe.

Solange Brasilien nicht vorrangig und an erster Stelle in Grundbildung, Berufsbildung, und auch in außerschulische Maßnahmen investiert, wird sich an der Situation und an der zunehmenden Gewalt insgesamt nicht strukturell was ändern. Und in den meisten ärmeren Ländern in Lateinamerika wird deswegen weniger als 5 %, in vielen weniger als 3 % vom Bruttosozialprodukt in Bildung investiert, weil ja diejenigen, die das Sagen haben, gar nicht daran interessiert sein können, dass ihnen die Millionen billige Arbeiter und (Haus)Angestellte, Autowäscher, Gärtner, und wer weiß wie viele Sklaven in der Landwirtschaft (Inocencio de Oliveira, einer der bekanntesten pernambucanischen Abgeordneten, hatte zig Sklaven auf seinen Farmen. Die waren alle nicht in der Schule, warum wohl nicht?) weglaufen und die unwissenden Wählerinnen und Wähler, die ihre Stimme für ein Kilo Reis, ein Kilo Bohnen, einen halben Liter schlechtes Speiseoel, ein Pfund Mehl und vielleicht noch zwei Kerzen für die Nacht an ihren Kandidaten verkaufen. Bei guter Schulausbildung wär das anders...

Ich kenne Amazonien nicht wo Du Dich auskennst. Aber den brasilianischen Nordosten besser als Westfalen, wo ich geboren bin. Dort im Sertao findet man heute noch Bürgermeister, die nach der Feuerwehr rufen, wenn die Lehrerin den Kindern in der erbärmlich ausgestatteten Dorfschule was vom Brand des Nero in Rom erzählt und die Kinder zuhause rufen dass es irgendwo brennt in einem Kaff das in der Nähe liegen müsse und Rom heiße oder so ähnlich.
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Re: Schule in Brasilien: privat oder staatlich

Beitragvon amarelina » Mi 25. Mär 2009, 08:23

könnt ihr nicht wenigstens euren kindern die freiheit lassen sich selber zu entscheiden ob sie sich einer religion zuwenden wollen und wenn ja an welche!!!!

religion hat an einer schule nichts verloren.

lebensfragen und diskussionen über ethik und moral können auch ohne religion geführt und gelehrt werden und glaubt ja nicht die kinder seien zu dumm um nicht zu merken, wieviele erwachsene lügen und betrügen und im gleichen atemzug aber von ihren kindern verlangen dies nicht zu tun und ihnen mit hölle und strafe drohen.

was ich mir vorstellen könnte wäre ein fach im schulunterricht, wo die verschiedenen religionen und glaubensrichtungen vorgestellt und diskutiert werden, ähnlich wie z.b. politische parteien. so gross unterscheiden sich die dogmen ja oft nicht....das würde den kindern wenigstens die möglichkeit geben sich frei für oder gegen etwas zu entscheiden, dazu sind sie in der lage, auch wenn es viele erwachsene gibt, die meinen nur sie wüssten was richtig ist und was nicht....

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Re: Schule in Brasilien: privat oder staatlich

Beitragvon rwschuster » Mi 25. Mär 2009, 14:20

amarelina hat geschrieben:religion hat an einer schule nichts verloren.
was ich mir vorstellen könnte wäre ein fach im schulunterricht,
wo die verschiedenen religionen und glaubensrichtungen vorgestellt und diskutiert werden,

Ich bin extremer antikomunist, aber eines muss ich Lenin beistimmen: Religion ist das Opium des Volkes.
:ola:
Ohne jeden Zweifel sollte da thema Religion im Geschichtsunterricht gebührend neutral behandelt werden. eigens Fach wäre schon gefährlich.
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Re: Schule in Brasilien: privat oder staatlich

Beitragvon Claudio » Mi 25. Mär 2009, 14:40

rwschuster hat geschrieben:Geschichtsunterricht

é, da passt es am besten rein.
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Re: Schule in Brasilien: privat oder staatlich

Beitragvon Westig » Mi 25. Mär 2009, 14:57

@Amarelina, schon richtig. In Familien, deren Kinder in kirchlich oder christlich geprägten Schulen sind, müssen deswegen Prinzipien von Ethik und Moral, Werten, Mitverantwortung und Solidarität nicht automatisch stärker ausgeprägt sein als anderswo. Sowie auch in den meisten Stadtteilen oder Vororten, in denen katholische Kirchen stärker vertreten sind, nicht notwendigerweise und automatisch deswegen weniger Unrechtsstrukturen und weniger Gewalt und Konflikte und Delikte / Kriminalität etc. bestehen als anderswo, obwohl man das ja eigentlich annehmen sollte...Das ist ein Problem für die Katholische Kirche: sie behauptet, Brasilien sei das "christliches und katholischste Land der Welt", aber dort bestehen die weltweit vielleicht größten sozialen Unterschiede, Formen von Gewalt, etc.

Und das Unterrichtsfach, wie Du es vorschlägt, gibt es ja in etlichen lateinamerikanischen Ländern an öffentlichen Sekundarschulen.

Jedoch: in manchen Ländern wurde dieser Fachbereich wieder aus dem Curriculum enfernt, zum Beispiel, wenn eine Regierung undemokratischer wurde und die entsprechende politische (und ökonomische) Schicht kein oder wenig Interesse an integraler Bildung auch der sogenannten Unter- und Mittelschicht hatte. Zum Beispiel in Peru: dort gab es das von Dir genannte Unterrichtsfach an staatlichen Schulen über viele Jahre. Und seit einigen Jahren nicht mehr. Warum wohl nicht?

Von daher kann man vielleicht Itacaré verstehen, der sich weiter oben Sorgen macht um die Erziehung seiner Kinder an einer privaten christlichen oder öffentlichen Schule...
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Re: Schule in Brasilien: privat oder staatlich

Beitragvon rwschuster » Mi 25. Mär 2009, 15:28

Westig hat geschrieben:Zum Beispiel in Peru: dort gab es das von Dir genannte Unterrichtsfach an staatlichen Schulen über viele Jahre. Und seit einigen Jahren nicht mehr. Warum wohl nicht?

Weil es an Schulen nichts zu suchen hat. :D Ich plädiere für eine Ausweitung der Ausbildung der Geschichtsprofessoren :Theologie.: aber ohne Lehrer die aus einer bestimmten kirchlichen Organisation kommen. da muss erklärt werden Bhavat Gitta, Gilgameschepos, Tibetanisches und ägYptisches Totenbuch, Mosaische Religionen, die beiden katholischen apostolischen Kirchen (Rom und Konstantinopel), Islam, Protestantische Kirchen, Sekten. ABER IN DIESER REIHENFOLGE
Dann müssen regionale Urreligionen angeschnitten werden. Das macht weder ein katholischer Pfarrer noch ein protestantischer Pastor.
Ich hatte auf einem Kurzkurs am collegio germanico in Rom, Gelegenheit Einsicht in Archieve zu nehmen, die beweisen dass alles gefälscht wurde seit über 800, Jahren. besonders die Evangelien. Jesus war doch kein Analfabet, Klar hat er was geschrieben. War nur nicht genehm der geld und machtgierigen Amtskirche damals.
Wenn ich mich als gläubiger Atheist bezeichne heisst dass dass ich nur den heiligen Geist, oder den Schöpfer anerkenne, und da sitzt niemend zur rechten und zur linken.
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Re: Schule in Brasilien: privat oder staatlich

Beitragvon Claudio » Mi 25. Mär 2009, 17:16

rwschuster hat geschrieben:Wenn ich mich als gläubiger Atheist bezeichne heisst dass dass ich nur den heiligen Geist, oder den Schöpfer anerkenne, und da sitzt niemend zur rechten und zur linken.


damit bist du kein Atheist, sondern einfach ohne Religion ;-)

denke übrigens sehr ähnlich wie du
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Re: Schule in Brasilien: privat oder staatlich

Beitragvon Lemi » Mi 25. Mär 2009, 18:32

Oi gente,

also ich würde meine Kinder in Brasilien auf eine private Schule schicken, da sie so später mal die qualitativ besseren staatlichen Unis besuchen können. Das hat 2 Vorteile: Sie bekommen eine bessere Ausbildung und die Uni kostet nichts (dafür bezahle ich natürlich vorher kräftig ... so ca. 12 Jahre x 12 Monate x 500 R$ = 72.000 R$).

Wenn ich meine Kinder auf die öffentliche Schule schicken würde, dann würde mich das keinen Pfennig kosten, sie würden auch auf keine öffentliche Uni kommen, höchstwahrscheinlich auch auf keine private (nochmal Geld gespart) und hätten einen riesigen Mindestlohnarbeitsmarkt zur Verfügung. Das Tolle daran ist auch, dass ich mir bei gegenwärtig 2 Kindern für die 144.000 R$ ein Haus und ein neues Auto kaufen könnte. Der Nachteil des Ganzen ist lediglich das schlechte Gewissen die Kinder an einer Ausbildung teilgenommen lassen zu haben, die bei der PISA-Studie auf Platz 40 (von 40 Teilnehmern) abgeschnitten hat. Aber vielleicht findet man sich ja damit irgendwann ab. Gleichgültigkeit ist ja sowieso eine typisch brasilianische Eigenschaft.
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Re: Schule in Brasilien: privat oder staatlich

Beitragvon rwschuster » Mi 25. Mär 2009, 18:54

Lemi hat geschrieben:also ich würde meine Kinder in Brasilien auf eine private Schule schicken, da sie so später mal die qualitativ
besseren staatlichen Unis besuchen können.
Wenn ich meine Kinder auf die öffentliche Schule schicken würde, dann würde mich das keinen Pfennig kosten,
.

Lemi, Natürlich hängt es ganz von der Region ab in der du wohnst, von den Schulen die zur Verfügung stehen, Ich kann da nur für Aracaju, Goiania, Palmas, und Manaus antworten, da habe ich Erfahrungen mit Kindern und Enkeln.
Ich habe in Sergipe eine öffentliche Schule gegründet, mit 8 anderen Freiwilligen, weil die privaten Schulen in Largato nicht unseren Anforderungen entsprachen. Aber gut, das war 1987.
Heute in Manaus gebe ich meinen Kleinen unter keinen Umständen in eine Privatschule und sogar mein Vater, der seine Kinder nur in die teuersten Privatschulen steckte kratzt sich am Kopf. wir haben beide einen Kleinen mit 7 Jahren, meiner in der öffentlichen, seiner in der privaten.
kein Unterschied.
Ob deine Kinder in eine staatliche Universität kommen hängt nicht von der Schule ab, das hängt von der Qualität des "CURSINHOS" des Vorbereitungskurses auf das Vestibular ab und ob es dort gelingt die Antworten auf die Fragen des Vestibulares dem Kandidaten mit nem Nürnberger Trichter in den Kopf bringt.
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Re: Schule in Brasilien: privat oder staatlich

Beitragvon Tuxaua » Mi 25. Mär 2009, 19:06

rwschuster hat geschrieben:Heute in Manaus gebe ich meinen Kleinen unter keinen Umständen in eine Privatschule und sogar mein Vater, der seine Kinder nur in die teuersten Privatschulen steckte kratzt sich am Kopf.
Kannst du zu den Gründen bitte noch was schreiben?
Interessiert mich (als Betroffener) auch persönlich.
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