Hi Lemi,
also ich muss Dir völlig recht geben. "Brasilien ist kein Billigland mehr".
Klar, wenn man als Tourist mit seiner Euro-Reiskasse hier ankommt, ist erstmal alles billig.
Das ändert sich dann, wenn man hier Arbeiter und lebt unter "Brasiliansichen Verhältnissen"!
Ich war auch das erste Jahr als Expandes hier nach Brasilien gekommen. Mit Frau und Kind.
(zwischenzeitlich 2.Kind).
Wir haben uns aber entschieden hier zu bleiben, u.a. auch, weil die wirtschaftliche Lage in Deutschland nicht so rossig aussieht.
Das bedeutete aber, das ich jetzt nach "Brasiliansichen Verhältnissen" bezahlt werde. Klar verdiene ich als leitender Angestellte in der Automobilindustrie mehr als der normale Angestellte. Aber trotzdem müssen wir auf unser Geld achten und es nicht blindlings ausgeben.
Schulkosten, Mietkosten, Nebenkosten u.u.u. sind nicht unerhebliche.
Auch da muss ich Dir recht geben.
Wer dann Brasilien auswandern will weil: Lebenqualität, Kosten, Frauen u.u.u besser ist als in Deutschland, der wird schnell merken, da er von der Lebenqualität u.s.w. sehr weit nach unten geht.
Der Grigo ist nur solange beliebt, solange er hier Geld hierher bringt. Und auch die Frauen sind nur solange interessiert an einem, solange man mit dem Euro hier die Runten schmeisst (Ausnahmen bestätigen dir Regel)
Arbeitslosigkeit, Armut, Soziale ungerechtigkeit, ständige Teuerung von Artikel, kriminalität u.u.u. sind hier an der Tagesordnung. Und man wird von seiner Freizeit und Ferien nicht viel haben, wenn man 50 Stunden pro Woche inkl. Sabado e domigo arbeiten muss. Für ein winzigen Lohn.
Und was passiert wenn man mal krank wird?
Der Arbeitgeber bezahlt die Lohnfortzahlung bis 15 Tage. Danach Salário ende und man bekommt sein Geld von der staatlichen Versicherung.... nur ist das nicht 50 oder 60% vom letzten Lohn! Da kann es schnell passieren, das man nur noch 500 R$ pro Monat bekommt, obwohl man ein Gehalt von 2.000 R$ hat.... dann ensteht eine rissige finanzielle Lücke. 6 Wochen Heimaufenthalt wegen bebrochene Bein kann man vergessen - ausser man ist nicht auf sein Geld angewissen. Ausserdem zahlt diese Versicherung erst nach ca. 3-4 Monaten (weil der Bearbeitungs-Prozess so langer dauert). Nur was ist in der Zeit? Kein Geld - keine Miete zahlen, kein essen....?
Oder Urlaub. Einem Arbeitnehmer in der Industrie stehen 30 tage Urlaub zu. Allerdings hat er erst ein anrecht darauf, wenn er mind. 1 Jahr in der Firma gearbeitet hat.
Das heisst, das erste Jahr voll durcharbeiten. Kenne einige, die die letzten Jahren überhaupt kein Urlaub mehr gemacht haben.
Das sind alles Punkte, die man beachten sollte, bevor man der Meinung ist nach Brasilien auszuwandern.
Klar ist, wer in Deutschland nicht zurecht kam - finanziell oder sonstiges - wird es in Brasilien NICHT schaffen. Ausser er hat einige Millionen auf dem Konto
(aber nicht vergessen die müssen versteuert werden)
Brasilien ist so lange das WUNDERLAND, solange man sein Geld aus einem anderen Land bezieht (zB Deutschland). Das WUNDERLAND endpuppt sich aber dann schnell als Katastrophe, wenn diese dann nicht mehr so ist.
Ich will mich nicht über Brasilien beklagen. Uns geht es gut - und auch in einigen Dingen besser als in Deutschland. Das ist aber nur solange, wenn man einen Job hat, Gesund und fleissig ist. Und um so weit zu kommen, waren einige Hürden und einbussen zu nehmen.... nur kann man hier ganz schnell von der mittelschicht in die untere untere schicht fallen, und niemand unterstützt einen. Ich sehe auch die andere Seite und sehe, wie unsere Mitarbeiter jeden Tag malochen und dafür einen Hungerlohn bekommen.
Es ist auch immer interssant wenn man in dem Forum liesst, das einheimische aus Brasilien ihre Erfahrungen erzählen und diese dann von den Brasilien-Fans aus dem Europäischen Bereich stark kritisiert werden. Ich denke dochmal, das diese "Einheimischen" ein besseres Urteil geben können, als irgendein Tourist, Student oder gelegentlicher Arbeiter in Brasilien geben kann.
Grüsse aus São Paulo
PS: der text war jetzt vieeeel zu lange
