Spektakulärer Mordprozess
Tochter aus besseren Kreisen
VON WOLFGANG KUNATH (RIO)
Selten hat ein Mord Brasilien so bewegt wie der Fall von Richthofen: Die damals 19-jährige Suzane von Richthofen soll 2002 mit ihrem Liebhaber und dessen Bruder ihre begüterten Eltern ermordet haben - aus Habsucht und weil sie gegen die Liaison ihrer Tochter waren. Seit Montag stehen die drei vor Gericht.
Sie ist jung, hübsch, talentiert und aus wohlhabenden Verhältnissen, sie galt als sympathisch und fröhlich - eigentlich hatte Suzane von Richthofen alle Chancen, die sich einer jungen Frau bieten, die in die brasilianische Oberschicht hineingeboren wurde. In der Nacht des 31. Oktober 2002 hat sie jedoch alles verspielt - auf furchtbare Weise, wie die Staatsanwaltschaft meint. Denn damals soll sie die Alarmanlage in der Villa ihrer Eltern in São Paulo entschärft und die Mörder ihrer Eltern eingelassen haben: ihren damaligen Geliebten Daniel Cravinhos (21) und dessen 26-jährigen Bruder Christian.
Der Doppelmord an dem Ingenieur Manfred von Richthofen (49) - der mit dem gleichnamigen Luftkriegshelden verwandt war - und seiner Frau MarÃsia, einer 50-jährigen Ärztin, hat die brasilianische Gesellschaft bewegt wie kaum ein anderes Verbrechen der vergangenen Jahren. Während die Gebrüder Cravinhos leicht in das übliche Klischee vom Raubmörder einzuordnen waren - weder Studium noch Arbeit, ärmliche Familienverhältnisse und viele Drogen -, zieht vor allem die blonde Suzane, die vier Sprachen spricht und an einer Elite-Universität Jura studierte, die Emotionen der Öffentlichkeit auf sich. Nicht nur ablehnende: Zwar überwiegen Abscheu und Verdammung, und die Schilderungen von Suzanes "Gefühlskälte" gehören zum Standardrepertoire der Gerichtsreporter. Aber im Internet melden sich auch die "Fans von Suzane" zu Wort, die sie zum Opfer stilisieren.
Der Staatsanwaltschaft zufolge blieb Suzane in der Halle, während sich die Brüder ins Obergeschoss schlichen, wo die Eltern schliefen. Daniel, so die Anklage, habe Manfred von Richthofen mit einer Eisenstange erschlagen, der Bruder habe die Mutter ermordet. Während Christian danach in ein Schnellimbiss und dann nach Hause ging, fuhr das Liebespaar nach Mitternacht in ein luxuriöses Stundenhotel, mietete eine Suite mit Pool, rauchte Marihuana und holte zwei Stunden später den damals 15-jährigen Bruder von Suzane, Andreas von Richthofen, aus dem Cybercafé, in dem sie ihn am Abend abgeliefert hatten, um ihn vom Tatort fernzuhalten.
Suzane von Richthofen und die Brüder Cravinhos beschuldigen sich im Prozess gegenseitig, die Hauptschuld für den Doppelmord zu tragen. Daniel zufolge war Suzane die geistige Urheberin der Tat. Sie habe immer wieder davon fantasiert, ihre Eltern ums Leben zu bringen, weil der Vater sie geschlagen und unsittlich berührt habe. Im Hause Richthofen sei viel Alkohol geflossen, die Ehe sei zerrüttet gewesen.
Suzane von Richthofen, die ihren früheren Freund im Gerichtssaal nicht ansprach und kaum ansah, sagte dagegen, sie habe ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern gehabt, bevor sie sich mit Daniel anfreundete. Er habe sie zum Drogenkonsum verführt, sie gegen die Eltern aufgestachelt und das Verbrechen geplant, um an das Vermögen zu gelangen. Andreas von Richthofen, der seine Schwester vor Gericht als die Hauptschuldige bezeichnete, zeichnete ebenfalls ein Bild familiärer Harmonie im Elternhaus.
Die nicht aktivierte Alarmanlage, die mit Tüchern bedeckten Schädel der Erschlagenen, die absichtsvoll zerstreuten Papiere in der Bibliothek - die Polizei zweifelte schnell an dem Raubmord, der fingiert werden sollte. Als Christian ein paar Tage später ein Motorrad mit 36 Hundert-Dollar-Noten bezahlte, nahm ihn die Polizei in die Mangel. Nach seinem Geständnis gaben auch der Bruder und seine Geliebte zu, die Richthofens umgebracht zu haben.
Als nach einem Fernsehauftritt mit Suzane - sie war zeitweise auf freiem Fuß - publik wurde, dass ihr Anwalt sie genau instruiert hatte, welche Gefühlsregungen sie zeigen sollte, nahm die Stimmung gegen sie weiter zu: Die TV-Episode wurde als Beweis gewertet, dass Täter aus der Oberschicht größere Chancen haben davonzukommen. Auch die lange Zeit zwischen Tat und Prozessbeginn - drei Jahre und acht Monate - untermauert in den Augen vieler Brasilianer diesen Verdacht, zumal Suzanes häufig wechselnde Anwälte erreichten, dass sie fast ein Jahr lang unter Hausarrest stand oder auf freiem Fuß war. Der Prozess, durch zahlreiche Anträge der Verteidiger verzögert, war Anfang Juni erst mal geplatzt, als die Verteidiger der Cravinhos nicht erschienen.
Den Ermittlungen zufolge hatten sich die Eltern gegen das Verhältnis ihrer Tochter mit Daniel Cravinhos gestellt. Als die Richthofens immer massiver wurden und Suzane zum Studium nach Europa schicken wollten, machte ihnen die Tochter vor, sich von Daniel getrennt zu haben. Wenn sie sich mit ihm traf, sagte sie, sie gebe Nachhilfestunden. Als Manfred von Richthofen am Wochenende vor dem Mord misstrauisch wurde, kam es zur Eskalation.
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