Spiegelonline: Rio tanzt und weint

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Spiegelonline: Rio tanzt und weint

Beitragvon brasilmen » Di 20. Feb 2007, 06:53

KARNEVAL
Rio tanzt und weint
Von Jens Glüsing, Rio de Janeiro

Feuergefechte auf offener Straße und verstümmelte Leichen: Das Ausmaß der Gewalt in Rio hat mit dem Foltertod eines Kindes einen neuen Höhepunkt erreicht. Der alltägliche Horror prägt auch den Karneval. Viele Sambaschulen sind in das organisierte Verbrechen verstrickt.

Die blauen Chemie-Klosetts des Sambodroms, der Arena für den Karnevalsaufmarsch von Rios Sambaschulen, dienen vielen Zwecken: Bierbeseelte Folioes, wie die Narren in Brasilien heißen, befreien sich vom Blasendruck, verschwitzte Tänzerinnen überprüfen, ob der Glitter auf dem Silikonbusen noch sitzt - und besonders animierte Feiernasen schnupfen rasch eine Prise Kokain, um den Sambamarathon bis zum nächsten Morgen durchzustehen.


Karneval-Fieber: Rio lässt die Puppen tanzen
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Kokain und Karneval gehören in Rio zusammen. Rund ums Sambodrom halten Bierverkäufer und Schwarzmarkthändler die "Papelotes" feil, Papierbriefchen mit dem weißen "Pó" für zehn Real (knapp vier Euro). Die Polizei drückt beide Augen zu, oft kassiert sie beim Drogenverkauf mit.

In vier Tagen Karneval setzen die "Traficantes" soviel um wie sonst in zwei Monaten, bekannte ein Polizeioffizier in der Zeitung "Jornal do Brasil". Drogenkonsum gilt als Kavaliersdelikt. Wer mit ein paar Gramm Kokain oder Marihuana zum "Eigenverbrauch" erwischt wird, kommt meist ungeschoren davon.



Foto: REUTERS

Video: SPIEGEL TV
Auf viele Brasilianer wirkte es deshalb reichlich frivol, als die Sambaschule "Estácio de Sá", die das Defilee eröffnete, zu einer Gedenkminute für die Opfer der Gewaltkriminalität aufrief. Schließlich zählen die Feiernasen im Sambodrom zu den besten Kunden der Drogenmafia - und sind somit mitverantwortlich für die Welle der Gewalt in Rio. Die meisten Verbrechen in der Millionenmetropole stehen direkt oder indirekt mit dem Drogenhandel in Zusammenhang.

Blut und Gehirnmasse markierten den Leidensweg

Selbst für brasilianische Verhältnisse waren die jüngsten Verbrechen jedoch von außergewöhnlicher Brutalität. Dutzende verstümmelte Leichname gefolterter Menschen fand die Polizei in gestohlenen Autos, die meisten sind Opfer der Kriege zwischen rivalisierenden Drogenbanden. Schwerbewaffnete Drogenhändler rasten durch einige Viertel der Nordzone und verbreiteten Terror. Sie feuerten auf Polizisten und Angehörige der "Milizen", bewaffnete "Selbstverteidigungsgruppen", die in vielen Favelas die Drogenhändler vertrieben haben.

Zwei Nächte lang lieferten sich Spezialtruppen der Polizei und Traficantes Feuergefechte in einem Favelakomplex im Norden von Rio. Die Zubringerstraße zum Flughafen und die "Linha Amarela", eine der wichtigsten Verkehrsadern, werden fast täglich wegen Schießereien vorübergehend gesperrt.

Doch kein Verbrechen hat die Stadt so erschüttert wie der Tod des kleinen Joao Helio Fernandes. Seine Mutter war überfallen worden, als sie im Auto vor einer roten Ampel wartete. Sie schaffte es nicht rechtzeitig, ihren sechsjährigen Sohn aus dem Sicherheitsgurt zu befreien. Die Gangster schlugen die Autotür zu und rasten mit Vollgas davon, während der Junge wie eine Puppe außen am Auto hing.

Sieben Kilometer schleiften die Verbrecher das Kind durch die Stadt. Obwohl Passanten die Insassen auf das Kind aufmerksam machten, fuhren sie weiter: Der Kleine sei "so eine Art Judaspüppchen", amüsierte sich ihr Anführer. Als sie den Wagen abstellten, hatte das Kind Kopf, Knie und Finger verloren, eine Spur von Blut und Gehirnmasse markierten seinen Leidensweg.

Armenviertel werden von Drogenhändlern beherrscht

Tagelang verharrte Brasilien im Schockzustand. Das Verbrechen wenige Tage vorm Karneval überschattet die "größte Party der Welt", wie die närrischen Tage gern genannt werden. Rio erlebt jetzt einen Karneval der Gedenkminuten: Ob beim Straßenkarneval in Ipanema, dem Umzug der Narrenkapelle "Cordao da Bola Preta" im Stadtzentrum oder beim "offiziellen" Karneval im Sambodrom - überall hielten die Trommeln für eine Minute inne, um der Opfer der Gewalt zu gedenken.

Dabei sind die Sambaschulen oft selbst in das organisierte Verbrechen verstrickt. Viele Sambaschulen werden von Gangsterbossen beherrscht, die das illegale Glücksspiel in Rio kontrollieren. Wenige Tage vor dem Defilee am Rosenmontag erschossen Auftragskiller den Vizepräsidenten der Sambaschule "Salgueiro" und seine Frau: Sie sind wahrscheinlich Opfer einer Fehde zwischen verfeindeten Familienmitgliedern der Glücksspielmafia.


Farbenfrohes Rio: Wettstreit der Samba-Tänzerinnen
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Die meisten Sambaschulen liegen in der Nähe von Armenvierteln, die von Drogenhändlern beherrscht werden. Auch der Fluchtweg der Gangster, die den kleinen Joao Helio zu Tode schleiften, führte durch Stadtviertel, die als "Wiege des Samba" verklärt werden.

Die Stadt als Schlachtfeld

Die Eltern des Jungen haben jetzt an die Öffentlichkeit appelliert, das Verbrechen nicht zu vergessen. Der Tod des Kindes, so ihr Wunsch, soll eine Wendemarke sein in dem Krieg, der die "Wunderbare Stadt" in ein Schlachtfeld verwandelt hat.

Gouverneur Sergio Cabral hat eine erste Maßnahme verkündet: Er will nach dem Karneval nach Kolumbien reisen. In Bogotá und Medellín, die heute zu den sichersten Städten des Kontinents zählen, will er sich zeigen lassen, wie sich die Mordrate drastisch reduzieren lässt. Eines der Erfolgsrezepte lässt sich allerdings wohl kaum durchsetzen im feierfreudigen Rio: eine frühe Sperrstunde für Bars und Kneipen.




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