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Oi Gente
Es ist zwar kein Trost für die Unterschicht, aber auch die Mittelschicht bekommt für ihr teures Geld eine mehr als dürftige ärztliche Versorgung. Sobald man hinter die gläsernen Fassaden der großen Privatkliniken schaut, merkt man das sich hier die strukturellen Probleme der Industrieunternehmen und der Verwaltungen einfach nur fortsetzen.
Beispiel aus einem der besten Krankenhäuser Belo Horizonte.
Um ins Krankenhaus zu kommen muss man durch die „Pronto Socoro“, die in Wirklichkeit eine Ambulanz für die allgemeine Behandlung ist, die in D beim Hausarzt gemacht werden würde. Natürlich werden auch akute Notfälle behandelt, wenn man dann nach Warteschlange endlich in die Behandlungsebene kommt (Ketchup hilft zum Beschleunigen)
Die „Pronto Socoro“ ist sauber und ordentlich, die Ärzte und Schwestern sind jung, schlecht bezahlt und überfordert. Medikamente und Hilfsmittel müssen für jeden Fall einzeln in der Krankenhausapotheke besorgt werden. Irgendwann wird dann über die Verlegung in den allgemeinen Krankenhausteil, die Bettenstation entschieden. Manchmal auch wie in unserem Fall nach 5 Stunden, oder wenn keine Betten da sind, nach 12 Stunden. Versorgung mit Essen und Trinken mangelhaft, Koordination mit mehreren Spezialisten sehr schwierig, es fehlen einfach Ärzte, Betten für längeren Aufenthalt nicht geeignet.
Hurra, wir sind auf der Bettenstation. Auch hier wieder ein Team von sehr jungen Ärzten, niemand über 30, da verdient man zuviel, das gibt das Krankenhaus nicht aus. 12 Etagen mit je 13 Einzelzimmern, geschützte Privatsphäre, aber die 3 Krankenschwestern der Tagschicht und die 4 Verwaltungsangestellten pro Etage schaffen die Arbeit nicht. Daher soll jeder Patient von einer Begleitperson betreut werden (natürlich für 24 Stunden). Offiziell nur zur Aufmunterung und gegen die Einsamkeit. In Wirklichkeit ist die Betreuerperson eine echte Hilfskraft für alle gemeinen Tätigkeiten für die man mehr als 2 Hände braucht. Nach 3 Monaten waren meine beiden Begleitkräfte voll ausgebildete Krankenschwestern, die die weitere Hauspflege dann übernommen haben.
Die Besetzung an Ärzten ist nachts so schwach, dass 2 mal im Notfall kein Arzt aufzutreiben war. Allgemeine Dienstleistungen erfolgen nur auf Druck der Angehörigen. Schmerzen werden nicht therapiert, das muss man halt aushalten können.
Da man in den Krankenhäusern dauernd von Krankenhaus-Infektionen spricht, entlässt man die Patienten sehr schnell. Ist ja auch kein Wunder, wenn sich die Begleitpersonen 13 unterschiedlich Kranken zum Essen, Schwätzen und Virentausch dauern treffen. Gute Kontakte zu den anderen Etagen (man kennt sich irgendwann ja) Und die Hygiene unter diesen Begleitern ist halt so wie zuhause (Arbeitereinfachsiedlungen-Favelas etc.) Wohl dem, der eine Mutter, Schwester etc. hat, aber für 24 Stunden, da geht’s halt nicht ohne die Faxi oder Baba von zuhause.
Hurra entlassen. Von Zustand her, würde ich sagen, würde man in Deutschlan einen Patienten so in ein Krankenhaus einliefern und nicht entlassen. So schwach, dass man nicht gehen kann, mit Nähten die nach versorgt werden müssen, mit 25 KG Untergewicht und mit Weiterbehandlungen in diversen anderen Minikliniken. Also geht die Pflege, die man im Krankenhaus schon selber halb übernommen hatte, zuhause weiter. Wohl dem, dessen Begleitpersonal im Krankenhaus die Pflege dann erlernt hatte, wie es in unserem Fall war. Für eventuelle anschließende kleinen Krisen, Infektionen etc. muss man wieder zurück in die Klinik, durch die „Pronto Socoro“ die sich ja, da die Krankheit oder das Problem bereits bekannt ist und der Patient auf die Bettenstation soll, nicht für die Betreuung zuständig fühlt und das einen auch spüren lässt.
Hurra, schon wieder nach einer Woche entlassen, wieder in einem Zustand, der erheblich schlechter ist, als bei der Einlieferung. Das Aufpäppeln muss man dann wieder zuhause machen. Ein Arzt lässt sich zuhause nicht sehen, für jede Dienstleistung muss man in die Mini-Privatklinik.
Überhaupt, diese Spezialisten. Man lernt sie am Krankenhausbett in der großen Privatklinik kennen. Sie tragen dort den adretten Mantel der Klinik mit Schriftzug und Ausweis. In diesem Fall ein Onkologe. Nach der Entlassung (und nicht während) gibt es die erste Sitzung der Chemo-Therapie. Aber nicht mehr in der großen blitzenden Klinik. Nein, da geht’s in die kleine bescheidene Privatklinik, altes Hauschen der Oma, 3 Zimmer, 2 Schwestern, eine Sekrätärin. Dort wird Sprechstunde abgehalten, Chemie verabreicht. Taucht ein Nachfolge-Problem aus der Chirurgie auf, fehlt diesem Spezialisten und seiner Klinik alles, um hierauf zu reagieren. Es wird mündlich der Chirurg konsultiert, da erst mal erklärt, dass bei ihm ja noch alles in Ordnung gewesen wäre. Dann wird mal abgewartet ob es nicht von selbst besser wird, und wenn gar nichts mehr Hilft, der Patient sich vor schmerzen krümmt, geht es zurück in die große Privatklinik (wieder durch die „Pronto Socoro“ mit Untersuchung, möglichst aber nicht auf die Bettenstation)
Das System sieht nach Patientenfischen aus. Die Ärzte über 30 (s. Oben) arbeiten für ein mickriges Gehalt als Consultors in der großen Privatklinik. Dort schleppen sie dann die Patienten nach der Entlassung in ihre eigenen Privatkliniken (Wohnhäuser) und behandeln dort weiter. Man versucht aber um jeden Preis zu verhindern, dass diese Patienten wieder in die originale große Privatklinik kommen, da dann die Abrechung durch diese Klinik erfolgt und man dann nur sein Almosen als angestellter Hilfsarzt bekommt. So wurden Chemo-Therapien immer verlegt, wenn die Gefahr bestand, dass diese in der großen Privatklinik verabreicht werden würde, da ging es bei jeder Sitzung um 6.000 Reais.
Bei dieser Patientenfischerei kann auch passieren, dass die Krankenversicherung, die die Dienstleistungen im Krankenhaus direkt bezahlt, mit dem dann in Spiel kommenden Spezialisten keinen Vertrag hat. Kein Problem sagt der Arzt, ich stelle eine Rechnung aus, und die Krankenkasse erstattet ihnen den Betrag. Später merkt man dann, dass das nicht so ganz stimmt, die Krankenkasse erstattet nur Regelsätze und die liegen teilweise um die Hälfte oder weniger unter dem Betrag, den der Arzt berechnete.
Spricht man die Ärzte in der großen Privatklinik darauf an, warum das System in diesen guten Krankenhäusern so schwach ist, findet man nur Bedauern und Zustimmung. Es ist wie überall in Brasilien. Die Krankenhäuser sind privat finanziert und auf privat Profit ausgelegt. Glänzende Fassaden, elektrische Betten aus Deutschland, moderne Geräte in der Intensivstation dienen der Werbung und der Selbstdarstellung. Am Personal und bei den Ärzten wird gespart bis zum geht nicht mehr. Macht ein Arzt auf die allen bekannten Probleme aufmerksam, teilt er das Schicksal aller brasilianischen Angestellten, die am Chef Kritik üben. Er muss sich halt einen neuen Job suchen. Ich wurde mehrfach von Ärzten gebeten, meine Kritik bei der Klinik-Leitung vorzutragen. Da ich über einen meiner einflussreichen Bekannten eine Connection zu dem Klinikchef hatte, durfte ich 2 mal mit ihm sprechen. Er hat um Verständnisse für die Probleme seines Hausen gebeten, die strukturellen Probleme als brasilianisch verteidigt und mir zur Verstehen gegeben, dass ich auch in Belo Horizonte nicht mit Verhältnissen wie in Deutschland rechnen könnte. Allerdings haben die Gespräche dazu geführt, dass wenn meine Frau nachts einen Arzt brauchte, einer kam, (auch wenn dann der andere Patient, der den Arzt noch dringender brauchte, unversorgt blieb) und eine verfrühte Entlassung meiner Frau (die wäre auf der Liege entlassen worden anstatt wie üblich im Rollstuhl) wurde zurück genommen.
Das ganze spielt sich in diesem Jahr in einer der modernsten Kliniken in Belo Horizonte ab. Die Klinik berechnet 1.500 Reais für einen Tag auf der Intensivstation, 1.000 Reais auf der Bettenstation. Sonderleistungen werden gesondert abgerechnet, weil meist terzerisiert. Die Kosten wurden von einer brasilianischen Krankenkasse übernommen, sehr guter Plan, aber 600 Reais Prämie pro Monat. Ich hatte immer das Gefühl, dass die frühen Entlassungen auf Druck der Krankenkasse geschehen sind.
Die von den Ärzten befürwortete Hauspflege durch Fachpersonal wurde von den KK-Ärzten anschließend immer abgelehnt. REHA Kliniken sind in Brasilien nicht unbekannt, wie man da reinkommt ist schleierhaft.
Das sind die Probleme, unter denen auch die Mittelschicht und die untere Oberschicht leiden. Meine Bekannten haben einen Horror vor Krankheiten und Unfällen. Wenn man dann sieht, wie schlimm es bei der Unterschicht im öffentlichen System aussieht, ist das nicht verwunderlich, für Brasilien ist es eine Schande.
Die Oberschicht hat eine andere medizinische Versorgen, kleine Privatkliniken, die aber komplett für alle medizinischen Probleme aller Fachrichtungen ausgestattet sind. Mein besagtes Privatkrankenhaus hat z.B. eine Etage für die Eigentümer des Krankenhauses, Mitglieder von 3 Berufsverbänden, die das Krankenhaus finanziert haben und auch Gewinn erwarten. Das Krankenhaus hat auch einen Flügel, in denen 100 Consultorios mit Spezialisten sind. Von denen arbeitet aber kaum einer für eine Krankenkasse. Und wird es erst, geht man nach Sao Paulo oder gleich in die USA oder nach Europa. Ich würde um jeden Preis im Krankheitsfall nach hause fliegen wenn es irgendwie noch geht. Bei meiner Frau ging es wegen starker Schmerzen nicht mehr.
Leider hat meine Frau das ganze nicht überlebt und ist in diesem Krankenhaus verstorben. Ehrlicherweise muss man auch sagen dass ihr eine bessere Betreuung letztendlich nicht das Leben gerettet hätte. Verbittert bin ich, wenn ich sehe wie meine Frau in den letzten Monaten hat unnötig leiden müssen. Und das ist dem System hier zuzuschreiben, Geldgier, Organisation und Inkompetenz bei der Koordination von Mehrfasch-Problemen. Und die betroffenen Ärzte bedauern und sagen: Wir haben das Beste getan, was in diesem System möglich war. Ändern wird sich das in Brasilien nie.
Manfred
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