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 Betreff des Beitrags: Sterben in der Warteschlange
BeitragVerfasst: 26 Aug 2005 02:39 
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Brasiliens neoliberales Zwei-Klassen-Gesundheitswesen

Evangelista Magalhães in der Zuckerhutmetropole hat Kreislaufprobleme, Bluthochdruck, spürt Schmerzen. Wäre die 55-Jährige aus der Mittel-und Oberschicht, hätte sie eine exzellente Privatversichung, ginge jederzeit zu einem Spezialisten, genösse eine Behandlung wie in der Ersten Welt. Ihr Pech jedoch, wie rund achtzig Prozent der 185 Millionen Brasilianer nur zur Unterschicht zu gehören, auf öffentliche Krankenhäuser und Gesundheitsposten angewiesen zu sein. 2005 stellt sie sich, um garantiert dranzukommen, schon nachts bei Regen und Wind in die lange Schlange vorm Ambulatorium des heruntergekommenen, gefährlichen Hafenviertels. Stunden später ist Evangelista Magalhaes tot. Ihr Kreislauf hält die Anstrengung nicht aus, sie bricht zusammen. Rettung wäre möglich gewesen, ein privater Krankenwagen nach wenigen Minuten zur Stelle. Doch der sofort herbeigerufene „öffentliche“ kommt erst nach über einer Stunde. Da weint ihr Ehemann bereits neben der Leiche. Täglich ereignet sich derartiges irgendwo in Brasilien – Sterben in der Warteschlange ist normal. Und wer nach durchwachter Nacht bis ins Krankenhaus vordringt, gar wegen eines Unfalls sofort in die Notaufnahme kommt? Weil Ärzte, Krankenschwestern, Medikamente, Apparaturen, Spritzen und Verbandsmaterial fehlen, sterben tagtäglich ungezählte Brasilianer. Nicht nur weit im Hinterland, in den rückständigsten Gebieten Amazoniens, sondern selbst im zweitwichtigsten Wirtschaftszentrum Rio de Janeiro, wo 14,3 Millionen Menschen wohnen.

„Chaos, Schlamperei und Horror herrschen in den städtischen Krankenhäusern“, beklagt der Universitätsprofessor Jairo Nicolau – die Bewohner der Elends-und Armenviertel benutzen weit drastischere Begriffe, nennen Hospitäler sogar „Fleischereien“. Wegen einer simplen Diagnose muß die nicht privatversicherte Mehrheit bis zu einem Jahr warten, sich dafür viermal schon nach Mitternacht in Warteschlangen einreihen. Wenn der Befund feststeht, liegt die betreffende Person nur zu oft längst auf den Friedhof. Weil Betten fehlen, werden selbst Schwerkranke auf Stühlen deponiert, bis sie leblos umkippen. Unfallopfer mit komplizierten Verletzungen werden häufig einfach in den Krankenhaushof geschoben, bis sich Hilfe erübrigt hat. Immer wieder Verzweiflungstaten: Kranke oder deren Angehörigen erzwingen mit vorgehaltenem Revolver eine Operation. Im berüchtigten fabrikartigen Hospital „Souza Aguiar“ wurden selbst Infarktbetroffene abgewiesen. Auch einer Frau in den Wehen wird die Hilfe verweigert – also bekommt sie ihr Kind im engen Taxi vor der Tür zur Notaufnahme – Wartende helfen ihr, nicht Ärzte oder Schwestern. Jeder Unterschichtsbrasilianer war Augenzeuge solcher – und schlimmerer Szenen. Als im März 2005 das öffentliche Gesundheitswesen Rios völlig zusammenbricht, ruft die Regierung von Staatschef Luis Inacio Lula da Silva gar den medizinischen Notstand aus, läßt mitten in Parks Militärlazarette aufbauen. Vor den Zelten der Militärärzte dasselbe Bild wie immer – teils kilometerlange Schlangen. Millionen drängen zudem von der sozial völlig vernachlässigten Slumperipherie in die innerstädtischen Hospitäler und Ambulanzen, überlasten diese total. Rios Gesundheitssekretär Ronaldo Coelho ist Großaktionär beim Zigarettenkonzern Souza Cruz, das paßt ins Bild. In Sao Paulo, der reichsten Wirtschaftsmetropole ganz Südamerikas, ist die Lage ähnlich, stehen den privilegierten Privatversicherten indessen noch weit bessere Kliniken als in Rio zur Verfügung. Doch in den riesigen Slums klettert wegen der elenden Lebensbedingungen auch die Krebsrate immer rascher. Weil auch öffentliche Zahnärzte fehlen, haben rund dreißig Millionen Brasilianer keinen einzigen Zahn mehr im Mund. Bei Tuberkulose liegt das Land auf dem 15. Platz weltweit.

Der katholische Bischof Demetrio Valentini nennt den Horror im Gesundheitsbereich zuallererst „Konsequenz neoliberaler Politik unsensibler Politiker“. Für Staatschef Lula sei die Rückzahlung der hohen Außenschulden, ein beträchtlicher Primärüberschuß vorrangig, nicht aber das Soziale. Deshalb würden die Mittel für Gesundheit, aber auch Bildung gekürzt, werde die Bevölkerungsmehrheit der dreizehnten Wirtschaftsnation immer schlechter medizinisch betreut. „Weltbank und Währungsfonds loben Brasilien doch nicht, weil es dem Volke gutgeht, gar das Gesundheits-und Schulwesen gut dasteht“, analysiert Valentini, Sozialexperte der Bischofskonferenz, sarkastisch.

Ein Internist zur Gesundheitslage in Rio:“Die Bewohner sind wegen der hohen Gewaltrate in ständiger Spannung, unter Dauerstreß, da sie ständig auf der Hut sein müssen, ständig mit Gewalttaten rechnen müssen. Deshalb soviel Bluthochdruck, deshalb der sehr hohe Zuckerspiegel – weit höher als in Mitteleuropa, den USA. Die hohe Diabetesrate in Brasilien hat zuallererst psychische Gründe, kommt von der psychischen Spannung. Zudem fressen die Leute wegen Streß und Spannung zuviel Fettes in sich hinein, kompensieren durch Essen, was die Probleme nur noch vergrößert. Am Wochenende stehen die Eltern unter Hochspannung, da ihre Kinder ausgehen, dabei Gewalt, den Tod erleiden könnten. Meine Generation trank in der Jugend noch relativ gemäßigt – die jungen Menschen heute trinken geradezu exzessiv, nehmen Drogen, in der Gier, möglichst viel zu erleben, bevor es zu spät ist. Jeder weiß, daß das schon heute, schon morgen sein kann – wegen der Gewalt. Wir haben hier in Rio eine Art Endzeitstimmung, ein Klima des Rette-sich-wer-kann.“


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BeitragVerfasst: 26 Aug 2005 14:06 
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Oi Gente
Es ist zwar kein Trost für die Unterschicht, aber auch die Mittelschicht bekommt für ihr teures Geld eine mehr als dürftige ärztliche Versorgung. Sobald man hinter die gläsernen Fassaden der großen Privatkliniken schaut, merkt man das sich hier die strukturellen Probleme der Industrieunternehmen und der Verwaltungen einfach nur fortsetzen.
Beispiel aus einem der besten Krankenhäuser Belo Horizonte.
Um ins Krankenhaus zu kommen muss man durch die „Pronto Socoro“, die in Wirklichkeit eine Ambulanz für die allgemeine Behandlung ist, die in D beim Hausarzt gemacht werden würde. Natürlich werden auch akute Notfälle behandelt, wenn man dann nach Warteschlange endlich in die Behandlungsebene kommt (Ketchup hilft zum Beschleunigen)
Die „Pronto Socoro“ ist sauber und ordentlich, die Ärzte und Schwestern sind jung, schlecht bezahlt und überfordert. Medikamente und Hilfsmittel müssen für jeden Fall einzeln in der Krankenhausapotheke besorgt werden. Irgendwann wird dann über die Verlegung in den allgemeinen Krankenhausteil, die Bettenstation entschieden. Manchmal auch wie in unserem Fall nach 5 Stunden, oder wenn keine Betten da sind, nach 12 Stunden. Versorgung mit Essen und Trinken mangelhaft, Koordination mit mehreren Spezialisten sehr schwierig, es fehlen einfach Ärzte, Betten für längeren Aufenthalt nicht geeignet.

Hurra, wir sind auf der Bettenstation. Auch hier wieder ein Team von sehr jungen Ärzten, niemand über 30, da verdient man zuviel, das gibt das Krankenhaus nicht aus. 12 Etagen mit je 13 Einzelzimmern, geschützte Privatsphäre, aber die 3 Krankenschwestern der Tagschicht und die 4 Verwaltungsangestellten pro Etage schaffen die Arbeit nicht. Daher soll jeder Patient von einer Begleitperson betreut werden (natürlich für 24 Stunden). Offiziell nur zur Aufmunterung und gegen die Einsamkeit. In Wirklichkeit ist die Betreuerperson eine echte Hilfskraft für alle gemeinen Tätigkeiten für die man mehr als 2 Hände braucht. Nach 3 Monaten waren meine beiden Begleitkräfte voll ausgebildete Krankenschwestern, die die weitere Hauspflege dann übernommen haben.
Die Besetzung an Ärzten ist nachts so schwach, dass 2 mal im Notfall kein Arzt aufzutreiben war. Allgemeine Dienstleistungen erfolgen nur auf Druck der Angehörigen. Schmerzen werden nicht therapiert, das muss man halt aushalten können.
Da man in den Krankenhäusern dauernd von Krankenhaus-Infektionen spricht, entlässt man die Patienten sehr schnell. Ist ja auch kein Wunder, wenn sich die Begleitpersonen 13 unterschiedlich Kranken zum Essen, Schwätzen und Virentausch dauern treffen. Gute Kontakte zu den anderen Etagen (man kennt sich irgendwann ja) Und die Hygiene unter diesen Begleitern ist halt so wie zuhause (Arbeitereinfachsiedlungen-Favelas etc.) Wohl dem, der eine Mutter, Schwester etc. hat, aber für 24 Stunden, da geht’s halt nicht ohne die Faxi oder Baba von zuhause.

Hurra entlassen. Von Zustand her, würde ich sagen, würde man in Deutschlan einen Patienten so in ein Krankenhaus einliefern und nicht entlassen. So schwach, dass man nicht gehen kann, mit Nähten die nach versorgt werden müssen, mit 25 KG Untergewicht und mit Weiterbehandlungen in diversen anderen Minikliniken. Also geht die Pflege, die man im Krankenhaus schon selber halb übernommen hatte, zuhause weiter. Wohl dem, dessen Begleitpersonal im Krankenhaus die Pflege dann erlernt hatte, wie es in unserem Fall war. Für eventuelle anschließende kleinen Krisen, Infektionen etc. muss man wieder zurück in die Klinik, durch die „Pronto Socoro“ die sich ja, da die Krankheit oder das Problem bereits bekannt ist und der Patient auf die Bettenstation soll, nicht für die Betreuung zuständig fühlt und das einen auch spüren lässt.

Hurra, schon wieder nach einer Woche entlassen, wieder in einem Zustand, der erheblich schlechter ist, als bei der Einlieferung. Das Aufpäppeln muss man dann wieder zuhause machen. Ein Arzt lässt sich zuhause nicht sehen, für jede Dienstleistung muss man in die Mini-Privatklinik.

Überhaupt, diese Spezialisten. Man lernt sie am Krankenhausbett in der großen Privatklinik kennen. Sie tragen dort den adretten Mantel der Klinik mit Schriftzug und Ausweis. In diesem Fall ein Onkologe. Nach der Entlassung (und nicht während) gibt es die erste Sitzung der Chemo-Therapie. Aber nicht mehr in der großen blitzenden Klinik. Nein, da geht’s in die kleine bescheidene Privatklinik, altes Hauschen der Oma, 3 Zimmer, 2 Schwestern, eine Sekrätärin. Dort wird Sprechstunde abgehalten, Chemie verabreicht. Taucht ein Nachfolge-Problem aus der Chirurgie auf, fehlt diesem Spezialisten und seiner Klinik alles, um hierauf zu reagieren. Es wird mündlich der Chirurg konsultiert, da erst mal erklärt, dass bei ihm ja noch alles in Ordnung gewesen wäre. Dann wird mal abgewartet ob es nicht von selbst besser wird, und wenn gar nichts mehr Hilft, der Patient sich vor schmerzen krümmt, geht es zurück in die große Privatklinik (wieder durch die „Pronto Socoro“ mit Untersuchung, möglichst aber nicht auf die Bettenstation)

Das System sieht nach Patientenfischen aus. Die Ärzte über 30 (s. Oben) arbeiten für ein mickriges Gehalt als Consultors in der großen Privatklinik. Dort schleppen sie dann die Patienten nach der Entlassung in ihre eigenen Privatkliniken (Wohnhäuser) und behandeln dort weiter. Man versucht aber um jeden Preis zu verhindern, dass diese Patienten wieder in die originale große Privatklinik kommen, da dann die Abrechung durch diese Klinik erfolgt und man dann nur sein Almosen als angestellter Hilfsarzt bekommt. So wurden Chemo-Therapien immer verlegt, wenn die Gefahr bestand, dass diese in der großen Privatklinik verabreicht werden würde, da ging es bei jeder Sitzung um 6.000 Reais.

Bei dieser Patientenfischerei kann auch passieren, dass die Krankenversicherung, die die Dienstleistungen im Krankenhaus direkt bezahlt, mit dem dann in Spiel kommenden Spezialisten keinen Vertrag hat. Kein Problem sagt der Arzt, ich stelle eine Rechnung aus, und die Krankenkasse erstattet ihnen den Betrag. Später merkt man dann, dass das nicht so ganz stimmt, die Krankenkasse erstattet nur Regelsätze und die liegen teilweise um die Hälfte oder weniger unter dem Betrag, den der Arzt berechnete.

Spricht man die Ärzte in der großen Privatklinik darauf an, warum das System in diesen guten Krankenhäusern so schwach ist, findet man nur Bedauern und Zustimmung. Es ist wie überall in Brasilien. Die Krankenhäuser sind privat finanziert und auf privat Profit ausgelegt. Glänzende Fassaden, elektrische Betten aus Deutschland, moderne Geräte in der Intensivstation dienen der Werbung und der Selbstdarstellung. Am Personal und bei den Ärzten wird gespart bis zum geht nicht mehr. Macht ein Arzt auf die allen bekannten Probleme aufmerksam, teilt er das Schicksal aller brasilianischen Angestellten, die am Chef Kritik üben. Er muss sich halt einen neuen Job suchen. Ich wurde mehrfach von Ärzten gebeten, meine Kritik bei der Klinik-Leitung vorzutragen. Da ich über einen meiner einflussreichen Bekannten eine Connection zu dem Klinikchef hatte, durfte ich 2 mal mit ihm sprechen. Er hat um Verständnisse für die Probleme seines Hausen gebeten, die strukturellen Probleme als brasilianisch verteidigt und mir zur Verstehen gegeben, dass ich auch in Belo Horizonte nicht mit Verhältnissen wie in Deutschland rechnen könnte. Allerdings haben die Gespräche dazu geführt, dass wenn meine Frau nachts einen Arzt brauchte, einer kam, (auch wenn dann der andere Patient, der den Arzt noch dringender brauchte, unversorgt blieb) und eine verfrühte Entlassung meiner Frau (die wäre auf der Liege entlassen worden anstatt wie üblich im Rollstuhl) wurde zurück genommen.

Das ganze spielt sich in diesem Jahr in einer der modernsten Kliniken in Belo Horizonte ab. Die Klinik berechnet 1.500 Reais für einen Tag auf der Intensivstation, 1.000 Reais auf der Bettenstation. Sonderleistungen werden gesondert abgerechnet, weil meist terzerisiert. Die Kosten wurden von einer brasilianischen Krankenkasse übernommen, sehr guter Plan, aber 600 Reais Prämie pro Monat. Ich hatte immer das Gefühl, dass die frühen Entlassungen auf Druck der Krankenkasse geschehen sind.
Die von den Ärzten befürwortete Hauspflege durch Fachpersonal wurde von den KK-Ärzten anschließend immer abgelehnt. REHA Kliniken sind in Brasilien nicht unbekannt, wie man da reinkommt ist schleierhaft.

Das sind die Probleme, unter denen auch die Mittelschicht und die untere Oberschicht leiden. Meine Bekannten haben einen Horror vor Krankheiten und Unfällen. Wenn man dann sieht, wie schlimm es bei der Unterschicht im öffentlichen System aussieht, ist das nicht verwunderlich, für Brasilien ist es eine Schande.

Die Oberschicht hat eine andere medizinische Versorgen, kleine Privatkliniken, die aber komplett für alle medizinischen Probleme aller Fachrichtungen ausgestattet sind. Mein besagtes Privatkrankenhaus hat z.B. eine Etage für die Eigentümer des Krankenhauses, Mitglieder von 3 Berufsverbänden, die das Krankenhaus finanziert haben und auch Gewinn erwarten. Das Krankenhaus hat auch einen Flügel, in denen 100 Consultorios mit Spezialisten sind. Von denen arbeitet aber kaum einer für eine Krankenkasse. Und wird es erst, geht man nach Sao Paulo oder gleich in die USA oder nach Europa. Ich würde um jeden Preis im Krankheitsfall nach hause fliegen wenn es irgendwie noch geht. Bei meiner Frau ging es wegen starker Schmerzen nicht mehr.

Leider hat meine Frau das ganze nicht überlebt und ist in diesem Krankenhaus verstorben. Ehrlicherweise muss man auch sagen dass ihr eine bessere Betreuung letztendlich nicht das Leben gerettet hätte. Verbittert bin ich, wenn ich sehe wie meine Frau in den letzten Monaten hat unnötig leiden müssen. Und das ist dem System hier zuzuschreiben, Geldgier, Organisation und Inkompetenz bei der Koordination von Mehrfasch-Problemen. Und die betroffenen Ärzte bedauern und sagen: Wir haben das Beste getan, was in diesem System möglich war. Ändern wird sich das in Brasilien nie.

Manfred


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BeitragVerfasst: 26 Aug 2005 15:10 
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Bitter ist das! Wirklich traurig.

Manfred, Dir auf diesem Wege noch einmal mein herzliches Beileid.

Geschichten wie diese sind das, die mich darin bestärken darin, besser doch nie in Brasilien wohnen zu wollen.

Bei aller Kritik und Reformwünschen sollte man vielleicht nicht vergessen, wie gut unser deutsches Gesundheitssystem dazu im Vergleich ist. Und vermutlich wäre mehr privat weniger Staat auch hier ein Schritt in die falsche Richtung.



_________________________________
Schöne Grüße,
tinto


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BeitragVerfasst: 26 Aug 2005 16:07 
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Mich hat Manfreds Schilderung erschüttert - wie all die Zustände, die ich seit 1986 hier ebenfalls oft mit eigenen Augen sehe. In Rio an öffentlichen Krankenhäusern Wächter mit Schlagstöcken am Eingang zum Notfalldienst, Pronto Socorro, die dafür sorgen, daß nicht jeder Schwerkranke, Schwerstverletzte da einfach hineingetragen werden kann. Ich sah, wie Leute mit schwerem Herzinfarkt von Angehörigen gebracht wurden - niemand in der Notfallstation half denen. Einer schleppte den sich krümmenden Infarktbetroffenen auf der Schulter zu Fuß wieder weg. Sein Kommentar:"Jetzt gehe ich mit ihm zu einer Apotheke, vielleicht helfen die dort. Wenn er stirbt, ist es unsere Schuld, wir haben ja schließlich diesen charakterlosen Gouverneur gewählt."
Neoliberales Gesundheitswesen unter Lula - weil man wußte, welchen neoliberalen Kurs er plante, bekam er in Deutschland so viel Jubel, Vorschußlorbeeren.
Klaus


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BeitragVerfasst: 26 Aug 2005 18:40 
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Oi Galera
Ich habe natürlich auch meine Erfahrung mit dem öffentlichen Gesundheitswesen gemacht. Mein Orthopäde, den ich dringend brauchte, war nicht in seiner Paxis, sonder in dem Krankenhaus, wo er nach seiner Approbation noch einige Pflichtstunden ableisten musste. Kein Problem, ich komme vorbei.
Vor dem Krankenhaus Schlange, selbst als Gringo wurde ich nur mit murren durchgelassen. Auf dem Weg zum Consultorio enorme Warteschlangen in den Gängen. Alles dunkel, muffig, nicht sehr sauber. Das Consultorio ein Raum aus der Zeit der Schwarz/Weiss-Filme. Blechbetten und Vorhänge. Selbst Leute die kaum stehen oder laufen konnten hatten keinen Stuhl zum warten, saßen dann auf dem Boden im Dreck. Abfertigung wie am Fließband. Der Arzt erklärte mir dann noch, dass seine Tätigkeit zum Teil für die Katz ist, da die Leute die Medikamente, die er verschreiben würde, in der Regel aus Geldmangel nie kaufen würden. Und kostenlose Medikamente sind immer grade nicht zur Hand wenn man sie braucht. Und das Krankenhaus war noch eins der besseren, weil man mit der Uni eng zusammenarbeitet und die für ihre Uni-Sprechstunden Geräte und Medikamente mitbringen würden.

Und wir sprechen von Belo Horizonte, ich möchte nicht wissen, wie es im Interior oder in den Favelas aussieht. Da rufen die Leute sowieso erst mal die Kräuterhexe oder den Medizinmann und glauben fest daran, dass das hilft.

Das Gesundheitssystem ist für mich der wichtigste Grund, warum ich mich später als Vorruheständler nicht in Brasilien niederlassen möchte, egal wie gut mir das Land und die Menschen gefallen.

Viele Grüsse

Manfred


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BeitragVerfasst: 26 Aug 2005 20:15 
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Noch ein Hinweis in eigener Sache, also ohne den Blickwinkel des
Soziologen. Wenn es euch, der Verwandtschaft oder den Freunden
richtig dreckig geht , also ums Überleben, dann nehmt Kosten und
Risiko halt auf euch und laßt euch in das Israelita Albert Einstein
Hospital nach Sao Paulo verfrachten. Ich kann das ohne irgendeinen
Vorbehalt empfehlen, es ist m. E. besser als jedes mir bekannte
deutsche öffentliche Krankenhaus und zwar sowohl im Hinblick auf
Diagnostik als auch Behandlung und Betreuung (Details eines
differenzierten Vergleiches schenke ich mir an dieser Stelle).
Obendrein läßt man dort zumindest europäische Patienten
freundlicherweise auch ohne Vorkasse rein, nach 3 Tagen sollte
die Finanzierung aber geklärt sein...
In Rio gibt es definitiv nicht vergleichbares, in Sao Paulo leider auch nicht.
Die Option des Ausfliegens nach Europa kostet ca. 10-14.000 Euro, incl.
Helikopter Frankfurt zum Krankenhaus eurer Wahl, wohlgemerkt im
Linienflieger (8 Plätze für den Liegeplatz) weil kleinere Maschinen das
Nonstop nicht bringen, und birgt wegen der Sauerstoffreduktion während
des Fluges und fehlender Notversorgung erhebliche Risiken.

In diesem Sinne Saude und Prost und es lebe die deutsche Auslandskrankenversicherung (sofern man eine hat).


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BeitragVerfasst: 27 Aug 2005 13:11 
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khart hat geschrieben:
Neoliberales Gesundheitswesen unter Lula - weil man wußte, welchen neoliberalen Kurs er plante, bekam er in Deutschland so viel Jubel, Vorschußlorbeeren.

Neoliberlalismus ist der anerkannte Regulativ aller westlich orientierten Staaten der heutigen Zeit. Wer öffentlich was dagegen sagt, kriegt eins auf die Mütze und dem wird die Vergangenheit des Ostblocks entgegen gehalten. Und zeitgleich kommt das Schlagwort der "Selbstverantwortlichkeit" zur Gewissenberuhig gegenüber den Leuten, die beim Neoliberlalismus hinten runter fallen: Wer hinten runter fällt, hat selber Schuld, weil jeder seines eigenen Glückes Schmidt sein soll. Und somit ergibt sich auch eine Erklärung, warum bestimmte Kirchen (Sekten) so einen starken Zulauf haben ...

Manfreds Bericht geht mir wirklich an die Nieren ... was tröstet da schon eine Erklärung über Neoliberalismus ... nicht wirklich ... nicht einfach ...



Abraços
Careca

"No risc, no fun!
MfG Microsoft"


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BeitragVerfasst: 27 Aug 2005 17:17 
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Careca hat geschrieben:
khart hat geschrieben:
Neoliberales Gesundheitswesen unter Lula - weil man wußte, welchen neoliberalen Kurs er plante, bekam er in Deutschland so viel Jubel, Vorschußlorbeeren.

Neoliberlalismus ist der anerkannte Regulativ aller westlich orientierten Staaten der heutigen Zeit. Wer öffentlich was dagegen sagt, kriegt eins auf die Mütze ...


Nö, Careca, wir haben doch hier die soziale Marktwirtschaft!

Wer hier z.B. als Geringverdiener mit drei Kindern und einer arbeitslosen Frau in einer gesetzlichen Krankenkasse ist, der kriegt ganz ganz sicher für seinen Krankenkassenbeitrag vergleichsweise die beste Versorgung in der ganzen Welt.

Und: ich meine ganz im Ernst, im Vergleich zu vielen andere Staaten funktioniert sie -die soziale Marktwirtschaft - auch in anderen Bereichen (z.B. Rente, Unfallversicherung) und auch für Singels noch und ist längst nicht so schlecht wie sie geredet wird.

Es stellt sich eigentlich "nur" die Frage: Wie sichern wir das für die Zukunft!



_________________________________
Schöne Grüße,
tinto


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BeitragVerfasst: 27 Aug 2005 18:26 
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Reden wir jetzt wieder über Deutschland, tinto? Oder über Brasilien?



Abraços
Careca

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BeitragVerfasst: 29 Aug 2005 11:05 
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Mich würde schon ein weiterer Blick hinter den Kulissen des Krankenhauswesen bzw. Ärzteversorgung von Brasilien interessieren, da ich selber damit nie wirklich in Kontakt gekommen bin.

Ich habe nach euren Artikeln/Beiträgen einen guten Bekannten aus BH befragt, was sein Erfahrungen dort waren. Er studiert hier in D Maschinenbau und seine Familien ist wohl dem Mittelstand zuzurechnen.
Er sagte, dass er bei seinen wenigen Krankenhausbesuchen in eigener Sache, sprich Ambulanz und ein echter Aufenthalt, niemals wirklich mehr als 1 Stunde warten mußte und normal behandelt wurde. Der echte Aufenthalt war nach einer Untersuchung für den gleichen Tag festgelegt worden und während des Aufenthalts gab es bezüglich der Behandlung und Essen usw. auch keine Beanstandungen. Allerdings war der Aufenthalt nur drei Tage, danach alles ohne Probleme.

MIR ist schon klar, dass das ein subjektiver Eindruck dieses Bekannten war, ABER liegt es jetzt doch daran in welches Privat-Krankenhaus man kommt, denn er gehört NICHT zu der Oberschicht, also ein normaler Krankenkassen-Beitrag von den Eltern damals bezahlt.
Man muß da wahrscheinlich differenzieren!

Es wäre wahrscheinlich hilfreich weitere Erfahrungen hier wieder zu geben!
Was haltet ihr davon?

Hans


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