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Zwar nicht "Fumopolis", aber ein ebenso immer noch gültiger Reisebericht nach Caraiva erleichtert dir vielleicht etwas die Entscheidung:
Ich stand, damals noch meinem VW Gol, am Ende der Erdstrasse, die Trancoso mit Caraiva, tief im Süden Bahias, verbinden sollte. Nach einigen verwegenen Ausweichlenkmanövern - aufgrund der tiefen Sandlöcher, kam ich kurz vor Einbruch der Dunkelheit am Ufer des Rio Caraíva an. Womit ich eigentlich nicht gerechnet hatte, war das Nichtvorhandensein einer Brücke. Da ich meine Reise nicht sonderlich geplant hatte, sondern nur gewisse Ziele aus dem Reiseführer herausgepickt hatte, war mir diesen Detail entgangen. Als Ziel hatte ich mir das Indianerdorf der Pataxós im Reservat "Monte Pascoal" herausgesucht. Da aber Brasilien selbst am Ende der Welt immer noch perfekt durchorganisiert ist, gab es natürlich auch hier eine Lösung. Ein paar 7-8 jährige Indios saßen in ihren Einbäumen, am Ufer auf Kundschaft wie mich wartend. Mir wurde schnell klar, dass ich mein Auto auf der einen Seite des Flussufers zurücklassen musste, um in das immerhin noch 6 km entfernte Indianerreservat zu kommen. Der Kanutransport über den Fluss war eine ziemlich schaukelige Angelegenheit, aber was will man auch für den Preis von 1 R$ mehr verlangen. Am anderen Ufer des Rio Caraíva stand dann schon eine Frau am Bootssteg, so als hätte ich sie dort hinbestellt. Ich hatte natürlich niemanden bestellt, da es in Caraíva zur damaligen Zeit weder Strom noch Telefon - geschweige denn Handys gab. Sie stand einfach da und warte auf die Spätankömmlinge, die sich wohl ab und zu doch mal nach Caraíva verirren. Natürlich grüsste ich sie freundlich, nachdem ich den Einbaum verlassen hatte und sie stellte mir die wahrscheinlich schon obligatorische Frage, ob ich schon wüsste, wo ich wohnen werde, denn es gäbe keine Pousadas oder Hotels im Dorf. Ich verarbeitete in Sekundenschnelle ihre Worte und antwortete: "...sicherlich kannst du mir die Lösung meines Problems anbieten, stimmt´s?" Und sie hatte eine - denn sonst würde sie wohl nicht am Bootssteg gestanden haben. Sie meinte (ähnlich wie Frederic zu Pickeldie) "Komm mit". Und ich ging (wie Pickeldie) mit ihr. Als wir an ihrem Häuschen ankamen, stellte mir sie zuerst ihren Mann vor und zeigte mir anschließend das Dachgeschoss ihres Hauses in dem ich Quartier beziehen konnte. Ich fand es alles recht passabel: 6 Quadratmeter, 1 Bett, eine Dusche. Sie wollte 20 R$ und versprach mir dafür ein reichhaltiges Frühstück. Natürlich willigte ich ein - ich hatte ja keine Alternative - und war auch recht zufrieden. Ihr netter Ehemann versuchte dann - es war Sonntagabend - den Dieselstromgenerator anzuwerfen, was ihm relativ schnell gelang. Anschließend schleppte er einen 14-Zoll-Fernseher, Baujahr 1960, auf mein Zimmer und versuchte krampfhaft mit der Zimmerantenne TV Globo einzunorten. Seiner Meinung nach gelang ihm das auch - meiner Meinung nach nicht: das Bild war nichts weiter als Gries, dafür war aber eindeutig die Stimme vom Moderator Faustão zu hören, was ihn anscheinend schon befriedigte. Da der Fernseher nun in meinem Kämmerchen stand und offensichtlich kein weiterer Fernseher im Haus vorhanden war, gesellte sich die ganze Familie zu mir. Auf meinem Bett saßen nun: die Dame des Hause und ihr Gatte, die Oma, der Sohn und die Katze - für mich blieb auch noch eine kleine Ecke. Und alle guckten Gries und hörten Faustão. Ich versuchte natürlich ein Gespräch anzuleiern, um zumindest etwas über mein Reiseziel - das Indianerreservat - im voraus zu erfahren. Als Eingangssatz fragte ich, wo es denn im Dorf hier Bier gäbe. Antwort: "im Carrefour". Neugierig fragte ich, wo der Carrefour denn wäre: "100 Meter die Strasse runter - nicht zu verfehlen". Ich wollte mich aufmachen. Der Hausherr meinte aber schnell "nein, nein so kannst du nicht gehen - es ist stockdunkel (kein Strom).“ Schnell holte er eine präparierte leere 2-Liter-Guaranaflasche - führte eine Kerze ein, so dass sie genau im Mundstück der Flasche stecken blieb und zündete sie an. "so jetzt ab, denn der Carrefour schliesst um 7". Ich fand den Supermercado Carrefour - wie mit großen Lettern über der Tür stand - recht einfach, da der Lärm der Dieselgeneratoren, die die Tiefkühltruhe des Ladens ankurbelten nicht zu überhören war. Die Größe des Carrefours ist ungefähr mit den Saftläden an der Copacabana zu vergleichen. Der einzige Mitarbeiter des Carrefours, der gleichzeitig Kassierer und Geschäftsinhaber war, fragte mich natürlich wie ich mich nach Caraíva verirren konnte. Nachdem ich mein Interesse am Indianerdorf geäußert hatte - er hatte mit Sicherheit auch einige seiner Vorfahren dort - bekam ich den entscheidenden Tipp:
Die Indios pflegten 1x pro Woche bei ihm Grundnahrungsmittel einzukaufen und dieser Tag war morgen. Ich könnte dann schon den 1. Kontakt zu ihnen aufbauen und wenn gestattet, gleich auf der Ladefläche ihres Traktoranhängers mit ins Dorf zurückfahren.
Nachdem ich mein Gespräch mit dem Geschäftsführer des Carrefours beendet hatte, ging ich mit meinem soeben erworbenen 12-er Pack Skol in meine Dachwohnung zurück, in der mittlerweile aufgrund des fehlenden Diesels wieder der Urzustand hergestellt worden war:
Kein Diesel - kein Strom - kein Fernseher - kein Faustão.
Alles war so einfach ..... und perfekt geregelt. So setzten wir uns alle in der Küche zusammen und leerten die 12 Bierdosen, wobei ich viel über die Sitten und Bräuche der Pataxós erfuhr und umgekehrt die Caraiva- Einwohner von mir erfuhren, wieso es ein Deutschen nach Brasilien verschlägt.
Als ich dann recht abgespannt und mit der nötigen Bettschwere mein Zimmer aufsuchte - und nach den üblichen Handgriffen - auch meinen Mückenstecker in die Steckdose einfädeln wollte - erinnerte ich mich wieder: kein Strom ! Da das Dachgeschoss aber anscheinend die Heimat aller Mücken Caraivas war und ich eine nicht allzu unempfindliche Haut gegen Mückenstiche habe, sah ich schlimmes auf mich zukommen. Zu meiner Erleichterung klopfte die Hausbesitzerin noch mal an meiner Tür an und warf mir eine Spirale auf Bett und sagte: "Zünde die an, die wirst du brauchen." Aha - das war also der stromlose Mückenschutz. Ich zündete das Teil an und die Spirale schmorte langsam ab und verpestete zum Nachteil der Mücken, aber auch zum Unbehagen meiner Atmungsorgane, die Luft im Dachgeschoss. Da die Spirale nach ca. 1 Stunde abgebrannt war, ihr Effekt aber noch eine weitere Stunde anhielt, hatte ich immerhin 2 von ca. 8 Stunden stichfrei überstanden. Da Mücken leider auch nach noch Mitternacht arbeiten und mein Blut eine gewisse Restsüße haben muss, wurde ich natürlich zum Opfer ihrer Angriffe.
Gut. Am nächsten Tag ging ich dann wieder zum Carrefour - traf die Indianer - und fuhr gemeinsam mit ihnen auf der Ladefläche des von der IBAMA gespendeten Traktoranhängers - zwischen Säcken mit Zement und Lebensmitteln eingeklemmt - zu ihrem Indianerdorf.
Man sieht sich, Lemi
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