Testament

Fragen zur Gesetzeslage in Brasilien, Einwanderungs-, Einfuhr- und Zollbestimmungen sowie Steuerfragen

Testament

Beitragvon O_Periquito » Mo 16. Mai 2016, 23:33

ich bräuchte einmal eure hilfe. wie ist das denn wenn wir, die eingewanderten deutschen ehepaare ein testament machen möchten. in deutschland langt es den willen niederzuschreiben, kann auch auf ein kleines stück papier sein, zu unterschreiben und es zu hause aufzubewahren.

wisst ihr wie das in brasilien sein muss. habe mich noch nicht belesen aus zeitgründen. mein mann wird das dritte mal an der wirbelsäule operiert, haben wir heute erfahren, und möchte sein testament machen. ich finde es zwar quatsch, aber er möchte es so.
im voraus schon vielen dank.
We are here to make friends :-)
Benutzeravatar
O_Periquito
 
Beiträge: 550
Registriert: Do 18. Jan 2007, 22:00
Wohnort: Blumenau
Bedankt: 0 mal
Danke erhalten: 108 mal in 74 Posts

Sprachkurs Portugiesisch (Brasilianisch)

Re: Testament

Beitragvon zagaroma » Di 17. Mai 2016, 02:19

Hier muss man ein Testamento público (natürlich auf portugiesisch) schriftlich erstellen und dann im cartorio registrieren und hinterlegen. Das Testament muss alle Angaben des Erblassers enthalten, wie CPF e ID. Der Erblasser muss es dort vor den Beamten unterschreiben und man muss zwei Zeugen mitbringen, die es auch vor dem Beamten unterschreiben. Auch die Personalien der Zeugen müssen vollständig angegeben sein.

Das cartorio macht dann die Stempel drauf, dass alles ordnungsgemäss gemacht wurde und dann ist das Testament rechtsgültig. Es wird im cartorio aufbewahrt und kann nur vom Erblasser selber eingesehen werden, solange er lebt. Wenn das cartorio dann nach dem Ableben des Erblassers den Totenschein ausstellt, werden automatisch die Erben von der Existenz des hinterlegten Testaments informiert.

Jeder Erblasser muss sein eigenes Testament machen, man kann zwischen Eheleuten nicht ein einziges mit gegenseitiger Vererbung machen.

Man muss allerdings das brasilianische Gesetz befolgen, welches festgelegte Pflichtteile vorschreibt. Über 50 % kann der Erblasser frei verfügen, und die andere Hälfte wird zu gleichen Teilen zwischen Ehegatten, Eltern, ehelichen und anerkannten unehelichen Kindern verteilt. Wenn der Erblasser den frei verfügbaren Teil dem Ehegatten hinterlässt, werden beim Pflichtteil nur Kinder und Eltern berücksichtigt. Nur, wenn der Erblasser keinen lebenden Angehörigen hat, kann er ganz frei über sein Erbe verfügen.

Es ist empfehlenswert, einzelne Wertobjekte des Erbes gleich bestimmten Erben zuzusprechen. Z.B. ein Haus einem Kind, die Ferienwohnung einem zweiten Kind, und das Auto/Boot/Wohnwagen einem dritten Kind oder den Eltern. Anderenfalls sind alle Erben gleichteilige Besitzer aller Wertobjekte und dann kann es Probleme mit der Verteilung geben.

Es gibt 3 verschiedene Klauseln für ein Testament:

Man kann es unpfändbar machen, dann können vom Erblasser hinterlassene Schulden nicht von der Erbmasse beglichen werden und die Gläubiger gehen leer aus. Clausola de impenhorabilidade.

Man kann das Erbe unantastbar machen, dann können die Erben das hinterlassene Vermögen nicht verkaufen (z.B. Immobilien oder Kunstsammlungen). Clausola de Inalienabilidade

Und man kann es unteilbar machen, was eventuellen Ehegatten der Erben den Mitbesitz an der Hinterlassenschaft abspricht. Das ist hier nicht automatisch gegeben wie in DE. Clausola de Incomunicabilidade.

Es ist auf jeden Fall eine gute Idee, ein Testament zu hinterlegen. Wir hatten hier schon zwei plötzliche Todesfälle von Ehemännern, deren Witwen ohne ein Testament über zwei Jahre gebraucht haben, bis die Häuser und Bankkonten endlich auf ihren Namen umgeschrieben waren. O Brasil é complicado.
before you abuse,
critizise or accuse
walk a mile in my shoes
Benutzeravatar
zagaroma
 
Beiträge: 1991
Registriert: Do 5. Mär 2009, 18:46
Wohnort: Olinda/Janga
Bedankt: 717 mal
Danke erhalten: 1210 mal in 654 Posts

Folgende User haben sich bei zagaroma bedankt:
008, bahiatropical, cabof, GatoBahia, Urs

Re: Testament

Beitragvon O_Periquito » Di 17. Mai 2016, 10:42

@zagaroma
erst einmal schönen dank für deine ausführlichen erläuterungen, damit können wir schon etwas anfangen.
We are here to make friends :-)
Benutzeravatar
O_Periquito
 
Beiträge: 550
Registriert: Do 18. Jan 2007, 22:00
Wohnort: Blumenau
Bedankt: 0 mal
Danke erhalten: 108 mal in 74 Posts

Re: Testament

Beitragvon GatoBahia » Di 17. Mai 2016, 11:10

Ich hatte 'ne OP an der HWS und hab den Abend vorher auch was geschrieben, nach dem Aufwachen als erstes den rechten großen Zeh gestestet. Das wünsch ich keinem :idea:

Gato :shock:
a curiosidade matou o gato
Benutzeravatar
GatoBahia
 
Beiträge: 4931
Registriert: So 9. Feb 2014, 21:37
Wohnort: Am Strand, Bahia
Bedankt: 1193 mal
Danke erhalten: 560 mal in 452 Posts

Re: Testament

Beitragvon cabof » Di 24. Mai 2016, 08:44

Leute, zieht das Thema Testament/letzter Wille nicht ins lächerliche. Hat man Familie, Eigentum, "Reichtümer" etc. empfiehlt es sich heute noch irgendwas zu hinterlegen, Unfall, bala perdida, Schlaganfall usw. usw. - glaubt dem Dino - das Ende ist nahe. Ich habe vorgesorgt, inkl. Ehevertrag, wurde unabhängig mehrmals geprüft, meine Tücher sind im trockenen. Da ich keine Kinder habe, alles easy. Als Youngster habe ich das auch in den Wind geschlagen, unerfahren, mit dem zunehmenden Alter tun sich andere Blicke auf... man kann aber auch alles der gesetzlichen Erbfolge überlassen... dann stehen selbst ex-ex-ex- Vetter und Cousinen auf dem Tapet... macht euch mal schlau. Habe aber keine Ahnung vom brasil. Erbrecht, besitze drüben nichts.
Cabof
Du hast keine Chance - aber nutze sie
Benutzeravatar
cabof
 
Beiträge: 9998
Registriert: Di 24. Jul 2007, 16:24
Wohnort: 4000 m Luftlinie vom ältesten Bahnhof Deutschland`s entfernt
Bedankt: 1411 mal
Danke erhalten: 1498 mal in 1258 Posts

Folgende User haben sich bei cabof bedankt:
Frankfurter

Re: Testament

Beitragvon zagaroma » Mi 25. Mai 2016, 06:51

Cabof, Du hast ja so recht.
Wir hatten hier schon zwei Fälle von plötzlichem Ableben von Ehemännern. Einer hatte einen fulminanten Krebs und der andere ein symtomfreies Aorta-Aneurisma in der Bauchhöle, das unerkannt platzte und er ist in einer halben Stunde innerlich verblutet. Sachen gibt's.
Beide hatten den Besitz der schönen Häuser 50/50 auf ihren Namen und dem der Ehefrau eingetragen, aber Bankkonten, Autos etc. nur auf ihren Namen. Kein Testament.

Also dieses Theater wünsche ich keinem. Es hat mehr als zwei Jahre gedauert und Unsummen an Geld gekostet, bis die Ehefrauen endlich in der Lage waren, Haus und Auto verkaufen zu können. Die Bankkonten waren erst nach drei Monaten wieder frei.

Die Receita Federal hat die Häuser erstmal auf zwei Millionen R$ geschätzt und von der Hälfte des Ehemannes 20 % Erbschaftssteuer verlangt. Es brauchte schriftliche und bezahlte Schätzungen von drei verschiedenen Immomaklern, um den realen Wert von etwa 800.000 R$ anerkennen zu lassen. Dann werden Kinder und Eltern des Verstorbenen in DE oder wo immer sie leben kontaktiert, und die müssen über das Konsulat eidesstattlich erklären, dass die Ehefrau erstmal alles erben darf. Das ist mit vereidigten Übersetzern in beiden Sprachen zu machen. Anderenfalls müssen alle Erben ausgezahlt werden, BEVOR der Haupterbe (Ehefrau) überhaupt irgendeinen Besitz übernehmen kann. Es gibt auch noch eine Wartezeit von 6 Monaten, weil irgendeine Kommunikation veröffentlicht wird, die eventuelle andere Erben auffordert, sich zu melden. Dann muss die Erbschaftssteuer von allen Erben bezahlt werden, was ungefähr ein Jahr dauert, bis man endlich die Zahlscheine bekommt. Dann erst kann man zum Notar und ins cartorio und die Registrierungen ändern, damit man verkaufen kann. Und wenn das nicht alles ein Rechtsanwalt mit Beziehungen macht, dauert es noch viel länger.

Wir haben jetzt ein Testament beim cartorio hinterlegt und hoffen, dass wir es noch lange nicht brauchen, aber wenn der Fall dann irgendwann eintritt, geht alles viel schneller und reibungsloser. Hoffentlich. Manchmal kommt mir die Vermutung, dass jedes grosse Amt eine Person beschäftigt, deren einzige tägliche Aufgabe es ist, die Dinge mit viel Kreativität noch viel komplizierter zu machen. Viva o Brasil.
before you abuse,
critizise or accuse
walk a mile in my shoes
Benutzeravatar
zagaroma
 
Beiträge: 1991
Registriert: Do 5. Mär 2009, 18:46
Wohnort: Olinda/Janga
Bedankt: 717 mal
Danke erhalten: 1210 mal in 654 Posts

Folgende User haben sich bei zagaroma bedankt:
GatoBahia, jorchinho, Regina15, Reviersport, Urs

Re: Testament

Beitragvon Regina15 » Do 26. Mai 2016, 16:50

Da unterscheidet sich ja einiges vom deutschen Erbrecht. Gibt es für nahe Angehörige einen Freibetrag?
Kennt sich jemand aus wie es bei einer Schenkung gehandhabt wird? Wie hoch die Steuern sind, müssen die Beschenkten bei der Schenkung anwesend sein?
Wenn ich meinen Lebensmittelpunkt nicht in Brasilien habe, kann ich dann das Testament trotzdem in einem brasilianischen Cartorio hinterlegen und die Erben lassen dann den deutschen Totenschein übersetzten?
Benutzeravatar
Regina15
 
Beiträge: 862
Registriert: So 18. Jan 2009, 19:51
Bedankt: 1187 mal
Danke erhalten: 499 mal in 301 Posts

Re: Testament

Beitragvon zagaroma » Do 26. Mai 2016, 21:37

Nein, Regina, Freibeträge gibt es nicht und die Erbschaftssteuer beträgt 20 %.
Wie Schenkungen funktionieren, weiss ich leider nicht.
Man kann auf jeden Fall ein Testament in BRA im cartorio hinterlegen, auch wenn man den Hauptwohnsitz woanders hat. Es kostet etwa 1000 R$, das zu tun. Einen deutschen Totenschein muss man dann sicher nicht nur übersetzen, sondern auch noch vom Konsulat legitimisieren lassen. Dann sollte die Erbverteilung aber kein Problem sein.
before you abuse,
critizise or accuse
walk a mile in my shoes
Benutzeravatar
zagaroma
 
Beiträge: 1991
Registriert: Do 5. Mär 2009, 18:46
Wohnort: Olinda/Janga
Bedankt: 717 mal
Danke erhalten: 1210 mal in 654 Posts

Folgende User haben sich bei zagaroma bedankt:
Regina15

Re: Testament

Beitragvon cabof » Fr 27. Mai 2016, 06:57

Lese mit und danke für die Ausführungen. Bei meiner Familie scheitert es wohl (neben dem Wissen und Polemik) an den 1000 Reais. Mich persönlich berührt das Thema wenig, sehe nur die Felle schwimmen, die meiner Frau, die viel Geld in den Erhalt des Hauses investiert hat, zusammen sind es 5 Kinder wenn meine Schwiegermutter abnippelt, krank und alt, ist wohl mit zu rechnen... so weit ich weiss, ist das Haus noch nicht mal registriert worden - Abgaben werden aber bezahlt. Geld ist nicht vorhanden, eben nur die Immobilie und ein verpachteter Kiosk am Strand. Was die 20%ige Erbschaftssteuer betrifft... sehe schon eine Kreditaufnahme.....es soll allen Newbies im Forum eine Lehre sein... Brasilien hat durchweg immer mit Geld zu tun (ich pers. kenne ganz wenige Ausnahmen) - Augen auf Leute.
Cabof
Du hast keine Chance - aber nutze sie
Benutzeravatar
cabof
 
Beiträge: 9998
Registriert: Di 24. Jul 2007, 16:24
Wohnort: 4000 m Luftlinie vom ältesten Bahnhof Deutschland`s entfernt
Bedankt: 1411 mal
Danke erhalten: 1498 mal in 1258 Posts

Re: Testament

Beitragvon zagaroma » Fr 27. Mai 2016, 13:53

Oi Cabof, ja, hier sind die Behörden ganz schön rabiat. Das liegt sicher daran, dass die Unterschicht der Brasis so enorm stur ist und denkt, der Staat hätte Verpflichtungen ihnen gegenüber und nicht umgekehrt. Also ist der Staat noch sturer und will erst alle Abgaben sehen, bevor er irgendwas freigibt. Du sagst, die Familie bezahlt di Abgaben, meinst Du damit die IPTU? Dann muss das Haus registriert sein, aber vielleicht noch auf einen vorigen Eigentümer?

Im Laufe dieser Fälle habe ich auch noch gelernt, dass mit der Bezahlung der IPTU sich das Besitzrecht eines Hauses quasi automatisch regelt. Wer länger als fünf Jahre die IPTU für eine Immobilie bezahlt und einen Kaufvertrag hat, auch wenn es nur ein privates Blatt ist, kann die Immobilie bei der Prefeitura auf seinen Namen umschreiben lassen und anschliessend auch im Cartorio.

Wenn das Haus schon mehrere Male den Besitzer gewechselt hat, ohne dass je die Registrierungen aktualisiert wurden, kann man das mit dem Gesetz des Usucapião regeln. Wer ein Haus bewohnt für eine bestimmte Anzahl von Jahren (je nach Fall 2 - 15), und der eingetragene Eigentümer keine Miete fordert oder sonstwie Interesse an dem Haus manifestiert hat, kann man es nach diesem Gesetz auf den eigenen Namen eintragen lassen. Auch ohne Kaufvertrag, weil ein Eigentumswechsel aufgrund der hohen Analphabetenrate ja oft nur mit Handschlag besiegelt wird. Das sollte Deine Schwiegermutter unbedingt noch bei Lebzeiten tun, sonst bekommen die Erben wirklich Probleme.

Oder sie machen einfach garnichts, wohnen weiter in dem Haus und bezahlen auch keine Erbschaftssteuer (denn wenn Deine Schwiegermutter nicht die eingetragene Eigentümerin ist, weiss der Staat ja nicht, wann sie stirbt) und dann regeln sie das irgendwann später, wenn sie verkaufen wollen. :mrgreen:
before you abuse,
critizise or accuse
walk a mile in my shoes
Benutzeravatar
zagaroma
 
Beiträge: 1991
Registriert: Do 5. Mär 2009, 18:46
Wohnort: Olinda/Janga
Bedankt: 717 mal
Danke erhalten: 1210 mal in 654 Posts

Nächste

Zurück zu Gesetze in Brasilien, Behörden, Zoll & Steuern

 



Berechtigungen in diesem Forum

Du darfst keine neuen Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst keine Antworten zu Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht ändern.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du darfst keine Dateianhänge in diesem Forum erstellen.

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 0 Gäste

Persönlicher Bereich

Anmelden

Empfehlungen

Wortübersetzer

Deutsch/Portugiesisch - Übersetzer in Kooperation mit Transdept

Neu im IAP PortalNetwork

Please enable / Bitte aktiviere JavaScript!
Veuillez activer / Por favor activa el Javascript![ ? ]