Trauer in Brasilien

Allgemeine Fragen & Tipps über alles, was dem Gringo in Brasilien passieren kann

Trauer in Brasilien

Beitragvon Franziska » Mi 27. Jan 2010, 14:59

Hallo zusammen,

ich habe zwar vor einigen Jahren eine Zeit lang in Brasilien gelebt, musste allerdings glücklicherweise keine Erfahrungen mit Todesfällen in meinem engeren Umfeld machen. Umso schlimmer ist es jetzt für mich, dass ein guter Freund in Bahia bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist, während ich hier in Deutschland sitze und nicht einmal angemessen Abschied nehmen kann.

Leider weiß ich kaum etwas über die Art und Weise, wie in Brasilien mit dem Tod umgegangen wird, angefangen bei der Beerdigung bis hin zur "Missa de 7° Dia". Außerdem würde ich gern eine Trauerkarte schicken, weiß aber auch da nicht inwiefern das üblich ist.

Ich würde mich sehr freuen, wenn jemand einen Link hätte zur brasilianischen Trauerkultur (gern auch auf Pt.) -- meine Suche im Internet verlief bisher nämlich ziemlich erfolglos --, oder mir kurz ein paar Hinweise geben könnte.

Vielen Dank im Voraus,
Franziska
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Re: Trauer in Brasilien

Beitragvon dimaew » Mi 27. Jan 2010, 15:18

Als mein Schwiegervater vor knapp zwei Jahren starb, ging das ganze etwa so:
Er wurde im Sarg im Rathaus aufgebahrt. Hätten wir nicht darauf bestanden, den Deckel auf dem Sarg zu schließen, wäre er offen gebliben, was wohl üblich ist. Wir, die nächsten Angehörigen, saßen von Beginn der Aufbahrung bis zum Abtransport zur Beerdigung am Sarg - auch die ganjze Nacht über. In der ganzen Zeit, also auch nachts, kamen Leute, um uns zu kondolieren und einen kurzen Blick in den Sarg zu werfen. Manche fragten ernsthaft, wieso der Sarg verschlossen sei.
Dieses "velório" dauerte etwa 18 Stunden, dann wurde der Sarg zum Friedhof gebracht, wo er in einer eigens gekauften kleinen Gruft eingemauert wurde. Am Grab wurde dann von meinem Schwager noch eine kurze Rede gehalten (mein Schwiegervater wollte keinen Priester oder sowas ähnliches am Grab) und das war's.
Zu dem kirchlichen Brimborium kann ich leider nichts sagen, weil mein Schwiegervater wie gesagt das alles nicht wollte.
Es kamen auch etliche Trauerkarten, aber nur aus Deutschland. Von den brasilianichen Geschäftspartnern oder von Freunden kam keine.
Jeder Weg beginnt mit dem ersten Schritt (chin. Sprichwort)
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Re: Trauer in Brasilien

Beitragvon BrasilJaneiro » Mi 27. Jan 2010, 16:29

Du kannst eine Trauerkarte senden. Kein Problem. Nur erwarte keine Antwort. Bevor du eine in Deutsch kaufst, die keiner versteht, druck dir eine in portugiesisch aus. Normales Papier und schreib noch eine Zeile dazu und unterschreiben. Das war es dann.
Nicht wissen, aber Wissen vortäuschen, ist eine Untugend. Wissen, aber sich dem Unwissenden gegenüber ebenbürtig verhalten, ist Weisheit.
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Re: Trauer in Brasilien

Beitragvon Copa Brasil 2014 » Mi 27. Jan 2010, 20:17

Franziska hat geschrieben:Leider weiß ich kaum etwas über die Art und Weise, wie in Brasilien mit dem Tod umgegangen wird, angefangen bei der Beerdigung bis hin zur "Missa de 7° Dia". Außerdem würde ich gern eine Trauerkarte schicken, weiß aber auch da nicht inwiefern das üblich ist.



Also LINK hab ich keine, habe aber schon diverse Beisetzungen in BRA miterlebt.
I.d.R. geht die Beisetzung sehr schnell über die Bühne, sprich innerhalb von 24 Std. nach dem Tod ist die Beerdigung schon durchgeführt.
Ausser wenn es sich um einen unnatürlichen oder gewaltsamen Tod handelt, dann dauert die Freigabe des IML (Gerichtsmed. Inst.) schon mal länger.

Die Missa do 7° dia wird ca. 1 Woche nach der Beisetzung durchgeführt, in der Familie, Freunde und Bekannte nochmal zusammen kommen zu einem eigentlich normalen Gottesdienst, in dem der Verstorbene, sowie weitere Verstorbene vom Pfarrer Namentlich erwähnt werden.

Normalerweise gibt es vor der Beisetzung eigentlich keinen Gottesdienst. Es findet dafür der s.g. VELÓRIO statt in dem der der offene Sarg in einem Raum auf dem Friedhof, beim Bestatter oder einem eigens angemieteten Velório aufgebart wird für einige Stunden. Im Anschluss wird der Verstorbene beisgesetzt.

Trauerkarten sind eigentlich nicht üblich. Hab ich jedenfalls noch nicht gesehen. Kannst aber ruhig eine schicken. Da kann man nichts falsch machen, so sieht die Familie Deine Anteilnahme.

Was mir immer auffällt ist, das die meisten Brasilianer, zumindest nach aussen, nach der Beisetzung relativ schnell wieder zur Routine und den Alltag übergehen.
Ebenso sind Friedhofsbesuche nicht sehr weit verbreitet. Im Höchstfall 1 mal im Jahr zu Allerheiligen.

:cool:

Até a copa, tá tudo resolvido!
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Re: Trauer in Brasilien

Beitragvon Franziska » Mi 27. Jan 2010, 23:49

Vielen Dank schon mal für die Antworten. Trauerkarte ist geschrieben und geht morgen raus... Ich habe immerhin ein halbes Jahr bei seiner Familie gewohnt, irgendeine Form der gezeigten Anteilnahme ist da sicherlich angebracht.
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Re: Trauer in Brasilien

Beitragvon esteban38 » Do 28. Jan 2010, 01:07

Habe das auch in etwa so erlebt wie Dimaew es beschrieben hat, insbesondere dem Treffen zu nächtlicher Stunde bei der Trauerfamilie. Am nächsten Tag war dann gleich die Beerdigung.
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Re: Trauer in Brasilien

Beitragvon jorchinho » Do 28. Jan 2010, 01:11

Copa Brasil 2014 hat geschrieben:Was mir immer auffällt ist, das die meisten Brasilianer, zumindest nach aussen, nach der Beisetzung relativ schnell wieder zur Routine und den Alltag übergehen.
Ebenso sind Friedhofsbesuche nicht sehr weit verbreitet. Im Höchstfall 1 mal im Jahr zu Allerheiligen.
:cool:


Sind wir hier in D nicht genau so? Beerdigung, einen auf den Verstorbenen trinken, und das Leben geht weiter?
Wer war aus dem Forum das letzte Mal an Allerheiligen auf dem Friedhof????
Ich nicht.

@Franziska: Es tut weh, einen Freund zu verlieren. Kennen bestimmt auch einige Leute hier. Toll finde ich, du sprichst darüber. Fragst um Rat. Bin mir sicher, das dir noch gute Tipps gegeben werden.
Wenn ich richtig gelesen habe, werden die Bestattungen sehr schnell durchgeführt.
Eine Karte, egal wann sie ankommt, wird die Familie bestimmt freuen, wenn sie sehen das auch andere Menschen an diesen einen denken....
Ich bin nicht auf der Welt um so zu sein wie andere mich gern hätten.
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Re: Trauer in Brasilien

Beitragvon Westig » Do 28. Jan 2010, 04:31

Was und wie Copa Brasil 2014 da schreibt, ist richtig. Was Jorchinho da meint, nur zum Teil.

Und "Trauerkultur in Brasilien" gibt es nicht; die ist anders im Amazonasgebiet als in Rio Grande do Sul. Oder im Landesinnern von Pernambuco.

Trauerkultur hingegen in Deutschland ist heute insgesamt in etwa gleich und stellt sich ueberhaupt nicht so dar, wie Jorchinho behauptet. Jeder deutsche Waldfriedhof ist im Sommer - aber auch im Herbst und im kalten Winter - wenn auch nicht so stark - gefuellt mit Leuten. Taeglich werden da die Blumen auf den Graebern begossen und neue herbeigebracht und das nicht in erster Linie vom Friedhofsgaertner, und man geht in der Regel auch nicht nur einmal im Jahr - an Allerseelen - auf den Friedhof.

Und verkommene Friedhoefe auf denen teilweise total vergammelte Plastikblumen rumliegen wie vielerorts in Brasilien und unkenntliche Grabsteine und sogar Gerippe und Totenschaedel wie oft im brasilianischen Nordosten gibt es nirgendwo in Deutschland, in Oesterreich, in der Schweiz, in Belgien nicht, den Niederlanden, wo auch immer.

Trauerkultur und "Friedhofskultur" sagen einiges aus ueber die Kultur eines Volkes.

Aber mit allem Vorbehalt! Und aus gegebenem heutigen Anlass, den seinerzeit und bis heute nur und in dieser Perfektion ausschliesslich das Deutsche Volk fertigbrachte: Bevor wir uns ueber (das waere noch zu hinterfragen!) angeblich fehlende Trauerkultur in Brasilien auslassen, sollten gerade wir Deutschen (Kulturvolk?) uns da sehr zurueckhalten was Verhaltensweisen, Handlungen und "Kultur" in Bezug auf den Umgang mit dem Tod angeht. Und was viele Millionen tote Mitmenschen betraf, Toetungslager, Toetungsmaschinerie, Gaskammern zum Massenmord, Krematorien, Massengraeber.

Und ueberhaupt und nirgendwo: keine Friedhoefe fuer die Getoeteten, noch gar "Trauerkultur".

Und letztlich und wenn es nicht um nahestehende Mitmenschen und Familienangehoerige ging und geht: die deutsche "Unfaehigkeit zu Trauern" auch: die gehoert ebenfalls dazu.

Da doch lieber, und insgesamt, und trotz allem: Brasilien.
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Re: Trauer in Brasilien

Beitragvon koelnerfriese » Do 28. Jan 2010, 08:04

Westig, aus eigener Erfahrung kann ich zu meiner "Trauerkultur" sagen, dass ich nicht laut jammere oder geweint habe. Jedoch denke und errinnere ich mich sehr lange an meine Verstorbenen Angehörige und Freunde.

Jeder hat seine eigene Art mit der Trauer und der Errinnerung umzugehen. Verallgemeinern lässt sich das nicht
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Re: Trauer in Brasilien

Beitragvon jorchinho » Do 28. Jan 2010, 08:12

Westig hat geschrieben:Was und wie Copa Brasil 2014 da schreibt, ist richtig. Was Jorchinho da meint, nur zum Teil.

Trauerkultur hingegen in Deutschland ist heute insgesamt in etwa gleich und stellt sich ueberhaupt nicht so dar, wie Jorchinho behauptet. Jeder deutsche Waldfriedhof ist im Sommer - aber auch im Herbst und im kalten Winter - wenn auch nicht so stark - gefuellt mit Leuten. Taeglich werden da die Blumen auf den Graebern begossen und neue herbeigebracht und das nicht in erster Linie vom Friedhofsgaertner, und man geht in der Regel auch nicht nur einmal im Jahr - an Allerseelen - auf den Friedhof. .


Ich habe nicht behauptet, das hier keiner zum Friedhof geht, les bitte richtig. Aus meiner letzten Erfahrung (Oma) war es genauso, wie ich geschrieben habe. Am Grab fliessen Tränen, beim "Leichenschmaus" anschliessend in irgendeiner Gaststätte geht das Leben normal weiter. Man trinkt auf den/die Verstorbene/n, haut sich den Wanst voll, erzählt sich ein paar nette Anekdoten und geht nach Hause. Oder etwa nicht? Auf jeden Fall in D. Das zum Thema Trauerkultur................
Gefüllte Friedhöfe? Wann warst du das letzte Mal auf einem deutschen Friedhof?
Eventuelle Kinder oder Enkel der Verstorbenen wirst du da selten sehen. Meistens Ehepartner oder Geschwister. Die heutige Gesellschaft interessiert das nicht mehr viel. Da werden Kosten gedrückt, Urne gekauft, anonymes Grab etc. Bin selber kein Friedhofsgänger, muss aber Berufs wegen ab und an mal dahin.
Ich bin nicht auf der Welt um so zu sein wie andere mich gern hätten.
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