Unsinn in einer FAZ-Glosse über Brasilien

Alles über Brasilien aus der internationalen Presse (Beiträge bitte max. anreissen, unbedingt die Quelle verlinken sowie ein eigenes kurzes Statement abgeben).

Unsinn in einer FAZ-Glosse über Brasilien

Beitragvon Bequimao » Fr 16. Feb 2007, 18:02

Aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 11.02.07, S. 33
Kolumne "Neulich in meinem Café" von Judith Lembke

Dass viele Brasilianer einen recht unbedarften Blick auf die jüngste europäische Geschichte werfen, wurde mir spätestens klar, als ich auf Partys in São Paulo immer wieder fröhlich mit Hitlergruß empfangen wurde. "Du bist doch Deutsche, ist doch lustig", hörte ich immer wieder als Antwort auf meinen entsetzt-beleidigten Protest. Der in Brasilien geborene Renault-Vorstandsvorsitzende Carlos Ghosn bezeichnet sich selbst als Weltbürger, mag man sagen. Aber ein französischer oder deutscher Automanager hätte seine Modell- und Qualitätsoffensive wahrscheinlich nicht "Vierjahresplan" getauft - ebenso wie das 60 Jahre vorher auf dem Reichsparteitag verkündete Aufrüstungsprogramm zur Vorbereitung des Zweiten Weltkriegs.

Trotz eines guten Geschichtsunterichts hätte ich keinen Vierjahresplan mit Hitlers Rüstungspolitik in Zusammenhang gebracht. Ich selbst war insgesamt ca. 1 1/2 Jahre in Brasilien, davon 5 Monate in São Paulo, bin gelegentlich auf Partys gewesen. Ich habe nie verborgen, daß ich Deutscher bin, bin aber niemals mit dem Hitlergruß begrüßt worden. Einmal bin ich (Jahrgang 52) in vollem Ernst gefragt worden, ob ich mich noch an Stalingrad erinnere ... Früher bin ich des öfteren gefragt worden, ob die Deutschen Brasilien die Gegnerschaft im Zweiten Weltkrieg nicht übelnehmen. Wenn ich dann gesagt habe, daß das in Deutschland niemand mehr weiß, waren sie dann ein wenig beleidigt.

Viele Grüße,
Bequimão
Bequimão ist Manuel Beckmann, brasilianischer Revolutionär in Maranhão (?? - 1685).
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Re: Unsinn in einer FAZ-Glosse über Brasilien

Beitragvon cebolinha » Fr 16. Feb 2007, 18:17

Bequimao hat geschrieben:[...], wurde mir spätestens klar, als ich auf Partys in São Paulo immer wieder fröhlich mit Hitlergruß empfangen wurde. [...]

Na ja, kommt nur drauf an, auf was für Parties man/frau sich rumtreibt.
Das kann einem dann auch das in Hamburg, München oder Bischofswerder, Seattle oder Johannesburg passieren ....
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Beitragvon mikelo » Fr 16. Feb 2007, 18:19

wenn ich mit brasis zusammensitze und irgendwann eine frage ueber europa kommt, speziel ueber das 3. reich, dan muss ich immer wieder feststellen, dass der grossteil absolut keine ahnung hat, was damals dort abging.
o sol nasce pra todos; a sombra pra quem merece.

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Beitragvon tinto » Fr 16. Feb 2007, 19:49

Das Verhältnis von Brasilien zum Dritten Reich und zum Nationalsozialismus ist durchaus sehr ambivalent.

Zum einen freut sich Brasilien bis heute, Deutschland mit rund 25000 Soldaten im zweiten Weltkrieg besiegt zu haben (zusammen mit den anderen siegreichen Vereinten Nationen). 445 brasilianische Soldaten fielen damals in Italien. Brasilien hat in dieser Zeit auch die deutsche Sprache verboten, ebenso die deutsche Kultur und deutschstämmige enteignet.

Auf der anderen Seite hat man ab 1945 und in den folgenden Jahren zahlrechen Nazis geholfen, sich nach Südamerika abzusetzen. Z.B. Mengele, der berüchtigte KZ-Arzt, der selenruhig dort seine letzten Jahre verbrachte, bis er beim Baden ertrunken ist. Gerade die Militärdiktautren in Brasiliens waren ein wunderbarer Nährboden für Sympathien mit dem dritten Reich.

Heute ist die brasilianische Jugend gespalten in der Beurteilung der Geschichte Deutschlands. Da gibt es durchaus junge Rassisten ebenso wie Spötter oder solche, die es sehr sachlich sehen. In Orkut kann man das alles ganz gut sehen. Für die meisten spielt deutschlands Vergangenheit keine Rolle. Für die anderen, die sich auch des H-Grußes bedienen, gilt: Es ist nicht strafbar. Du kannst das auch in Spanien machen oder dort Hitler-Figuren oder Bilder kaufen. Viele tun das auch, vor allem Engländer. Da gab es auch mal einen Prinzen in so einer braunen Uniform mit Hakenkreuz.

Die brasilianische Geschichtsbücher, die ich kenne, behandeln das Thema oberflächlich, knapp, aber im Ergebnis ist das ok: Jedes Land beschäftigt sich zunächst mit seiner eigenen Geschichte, dann mit der des Kontinents und erst danach mit der restlichen Welt..
Zuletzt geändert von tinto am Sa 17. Feb 2007, 09:23, insgesamt 1-mal geändert.
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Schöne Grüße,
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Força Expedicionária Brasileira

Beitragvon Bequimao » Fr 16. Feb 2007, 21:17

tinto hat geschrieben:Das Verhältnis von Brasilien zum Dritten Reich und zum Nationalsozialismus ist durchaus sehr ambivalent.

Zum einen freut sich Brasilien bis heute, Deutschland mit rund 300 Soldaten, die noch dazu zu spät kamen, 1945 besiegt zu haben (zusammen mit den anderen siegreichen Vereinten Nationen). Brasilien hat in dieser Zeit auch die deutsche Sprache verboten, ebenso die deutsche Kultur und deutschstämmige enteignet.
...


Tinto,
Ich bin schockiert über Deine Geschichtskenntnisse. Es waren eher 20.000 Mann, die in Italien gekämpft haben und an großen Schlachten wie Monte Castelo teilgenommen haben. Die Força Expedicionária Brasileira hat erhebliche Verluste gehabt, sicher mehr als 300 Mann. Für die brasilianische Geschichte ist die FEB enorm wichtig, denn aus dem Offizierskorps sind die Generäle der Militärdiktatur hervorgegangen.
Mich interessiert eigentlich nicht, was in Orkut oder sonstwo steht. Was ich wissen will, ob jemand von uns persönlich mit dem Hitlergruß konfrontiert wurde.

Viele Grüße,
Bequimão
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Re: Força Expedicionária Brasileira

Beitragvon Tudacudaduda » Sa 17. Feb 2007, 09:16

Bequimao hat geschrieben:Es waren eher 20.000 Mann, die in Italien gekämpft haben und an großen Schlachten wie Monte Castelo teilgenommen haben. Die Força Expedicionária Brasileira hat erhebliche Verluste gehabt, sicher mehr als 300 Mann.


Also, Bequimao, einmal hast du Recht:

Durante 239 dias, entre Setembro de 1944 e Maio de 1945, 25445 soldados e oficiais brasileiros combateram na Itália. Tais confrontos resultaram em 456 mortos e 2722 feridos. A Força Expedicionária Brasileira (FEB) capturou 14779 soldados inimigos, oitenta canhões, 1500 viaturas e 4 mil cavalos, saindo vitoriosa em oito batalhas.

Und einmal nicht: Das Wort "Vierjahresplan" wird wirklich mit Hitlers Rüstungspolitik in Zusammenhang gebracht, und zwar so sehr, daß es auch in z.B. englischsprachigen Texten als deutsches Wort verwendet wird:

http://encyclopedia.jrank.org/Cambridge ... splan.html

Hauptziel der staatlich gelenkten Wirtschaftspolitik im NS-Regime war die "Wehrhaftmachung" Deutschlands durch Herstellung weitgehender Autarkie und einer forcierten Erweiterung des rüstungswirtschaftlichen Potentials. Adolf Hitlers geheime Denkschrift vom August 1936 zum "Vierjahresplan" umriß programmatisch das Ziel, Wirtschaft und Armee innerhalb von vier Jahren in Kriegsbereitschaft zu versetzen. Unter der Leitung des Beauftragten für den Vierjahresplan, Hermann Göring, wurde die private Wirtschaft gezwungen, sich den Erfordernissen anzupassen. Staat und Partei griffen durch verordnete Programme dirigierend in den Produktionsprozeß ein. Die Aufrüstung schuf Arbeitsplätze, vor allem sicherte sie hohe Gewinne, schränkte jedoch auch die Konsumgüterproduktion für die Bevölkerung ein. Neben der Rohstoffbeschaffung und Erzeugung von Ausgangsprodukten wie Gummi, Treibstoff, Stahl- und Leichtmetallerzeugnissen erhielt die Herstellung von Endprodukten wie Waffen und Munition einen immensen Auftrieb, der auch kleinen Zulieferbetrieben zugute kam. Ein Beispiel dafür ist die Produktion von optischen Zielgeräten für die neu geschaffene Luftwaffe und für die Panzertruppe. Viele Waffen basierten auf Konstruktionen, die in den zwanziger Jahren aufgrund der Verbotsbestimmungen des Versailler Vertrages illegal oder im Ausland erarbeitet worden waren. Mit der Bildung der Reichswerke "Hermann Göring" besaß der Staat Betriebe der Schwerindustrie, und auch die Schutzstaffel (SS) verfügte über eigene Unternehmen.
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Re: Força Expedicionária Brasileira

Beitragvon Tudacudaduda » Sa 17. Feb 2007, 09:23

Bequimao hat geschrieben:Was ich wissen will, ob jemand von uns persönlich mit dem Hitlergruß konfrontiert wurde.


Mit dem Hitlergruß wurde ich selbst in Brasilien nie konfrontiert, aber mit dummen Sprüchen zu dem Thema desöfteren. Das Übelste daran: Die Sprüche war nicht nazikritisch gemeint und sollten mich beleidigen, sondern sollten mir zu verstehen geben, daß man das, was die Nazis getan haben, insgeheim guthieß. Ich bin, falls es interessiert, übrigens Jahrgang 1961.
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Beitragvon tinto » Sa 17. Feb 2007, 09:25

Ich hab meinen Beitrag entsprechend korrigiert, an der Kernaussage ändert sich ja nichts.

Ich habe noch einen Link gefunden, der zur Diskussion beitragen mag.

http://www.freitag.de/2001/28/01281001.php

Dumme Sprüche hab ich ebenso wie bisweilen eine irritierende Bewunderung erlebt, aber auch genauso Abneigung. 1992, als ich das erste Mal in Brasilien war, gingen bestimmte Fernsehbilder um die Welt, die die öffenltliche Diskussionen auch in Brasilien bestimmten. Damals fielen Brandbomben in ein Asylbewerberheim in Ostdeutschland...
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Beitragvon Toni » Sa 17. Feb 2007, 11:27

Das Thema erinnert mich an den Onkel meiner Ex, der auch zu dem o.g. FEB gehören sollte.
Der ist auf dem Weg nach Santos aus dem Zug gesprungen - weil er keine Lust hatte im fernen Europa den Hals hinzuhalten.

2 Jahre musste er sich verstecken - danach war Gras über die Geschichte gewachsen.
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Beitragvon Holger3 » Sa 17. Feb 2007, 22:01

>Zum einen freut sich Brasilien bis heute, Deutschland mit rund 300 Soldaten, die noch dazu zu spät kamen

LOL.
Gewisse Dinge haben offenbar einfach Kultur in .br

Brasilianer, die zu spaet kamen...
Klingt fuer mich wie "Fische die im Wasser leben" oder "Kuehe, die Gras fressen"

:-)
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