Veteran der Moderne

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Veteran der Moderne

Beitragvon mikelo » Di 24. Apr 2007, 21:19

Der brasilianische Architekt Oscar Niemeyer wird in diesem Jahr 100 Jahre alt und ist so unermüdlich und provokativ wie je zuvor. Die Welt staunt, Brasilien verbeugt sich.
Die drei roten Punkte am Ende der Ausstellung sagen fast alles. Oscar Niemeyer, lebende Architekturlegende, hat auch mit 99 Jahren nicht vor, einen Schlussstrich unter sein Lebenswerk zu ziehen. 2007 sitzt Niemeyer – trotz Sturz und Hüftbruch Ende letzten Jahres – wieder am Schreibtisch. Anlass zur Rast gibt es nicht, mehrere Projekte halten den 99-Jährigen auf Trab. Die Ausstellung im Paço Imperial, der zur Kulturstätte umfunktionierten ehemaligen Königsresidenz im Zentrum Rio de Janeiros, ist der Auftakt zum Niemeyer-Jahr. Brasilien feiert den Mann, der dem Land wie kein Zweiter eine architektonische Identität gab und dessen geschwungene Bauten vielerorts die geraden Linien und rechten Winkel städtischer Architektur durchbrechen.

Der Einfluss der Kurve
»Zehn von einhundert« ist der Titel der Ausstellung. Gezeigt werden vierzig Bauprojekte des Architekten aus den letzten zehn Jahren, in Skizzen, Fotos, Original-Modellen und Texten. Darunter das berühmte Museum für Zeitgenössische Kunst in Rios Nachbarstadt Niteroi und der dort noch im Bau befindliche »Caminho Niemeyer«, ein Komplex öffentlicher Gebäude und Plätze. Die vierzig Projekte sind nur ein kleiner Ausschnitt, der das gewaltige Ausmaß der Schaffenskraft Oscar Niemeyers vor Augen führt. Vierzig realisierte Projekte von mehr als 500, zehn Jahre von fast einhundert – zu feiern gibt es also einiges.
Noch bis Ende April läuft eine zweite Austellung im Paço Imperial: »Niemeyer über Niemeyer«. Der Enkel des Architekten, Carlos Eduardo Niemeyer, fotografierte die Werke seines Großvaters. Kadu, wie er von seinen Freunden genannt wird, sitzt hinter einem zu niedrigen Schreibtisch im obersten Stockwerk eines altgedienten Bürogebäudes in Rios Bohème-Bezirk Lapa. Die Planungen für das Niemeyer-Jahr laufen auf Hochtouren. »Wir arbeiten zurzeit an einer großen Retrospektive«, sagt der 52-Jährige. Ab Mitte des Jahres soll die monumentale Ausstellung in Rios Museum für Moderne Kunst zu sehen sein. Auch in São Paulo und im Niemeyer-Museum in Curitiba wird die Schau gastieren. Begleitprogramm ist unter anderem ein Dokumentarfilm, der zu diesem Anlass produziert wurde. Vier umfangreiche Bücher werden erscheinen, über Niemeyers Leben, über den Einfluss der Kurve auf seinen Stil und über seine Bauprojekte in aller Welt. Im Gespräch ist auch eine Miniaturform der Schau, die per Lastwagen durch das Hinterland touren soll, wohin hochkarätige Kulturereignisse sonst kaum gelangen.
Oscar Niemeyer überrascht gerne, nicht nur mit seiner Architektur. Die Familie, Brasilien und der Rest der Welt staunten nicht schlecht, als der Greis kurz vor seinem 99. Geburtstag im letzten Jahr unangekündigt seine 38 Jahre jüngere Sekretärin heiratete. Die erste Ehe hielt 76 Jahre, bis Annita 2004 verstarb. Sowohl privat als auch beruflich steht Niemeyer voll im Leben. »Die Hüftoperation im letzten Jahr hat er gut verkraftet, aber für die Treppen hoch zu seinem Büro wurde jetzt ein kleiner Fahrstuhl installiert«, erzählt sein Enkel. »Und der Arzt hat ihm verordnet, künftig im Sitzen zu arbeiten.«

Mit den Ärmsten verbunden
Vor 67 Berufsjahren begann Niemeyers Aufstieg mit einem Projekt in Belo Horizonte. Der damalige Bürgermeister der Stadt, Juscelino Kubitschek, beauftragte ihn mit der Ausführung des Gebäudekomplexes Pampulha. Über Nacht hatte Niemeyer die Pläne fertig, Kubitschek war von dem modernen Stil begeistert, wurde Jahre später Präsident Brasiliens und vertraute Niemeyer die Leitung beim ehrgeizigen Bau Brasilias an. Innerhalb von nur vier Jahren wurde die gesamte Planstadt in der Mitte des Landes aus dem Boden gestampft und am 21. April 1960 eingeweiht. Brasilien hatte eine neue Hauptstadt aus strahlend weißem Beton. Die moderne Architektur Niemeyers, etwa die revolutionäre Kathedrale aus Glas und Beton, sollte Brasilien symbolisch vom kolonialen Erbe emanzipieren und eine neue Ära einläuten. Weitere prominente Beispiele für den großen Einfluss Niemeyers auf die brasilianische Architektur und Gesellschaft sind nicht zuletzt auch das in den achtziger Jahren erbaute Samba-Stadion »Sambodromo« und das Maracanã-Stadion in Rio mit seinen gut 100 000 Plätzen. Hier kehrt sich alljährlich zum Karneval und wöchentlich, wenn die Lokalmatadore Flamengo, Botafogo, Vasco oder Fluminense spielen, die brasilianische Seele nach außen.
Von seinem Arbeitsplatz an der Copacabana hat Niemeyer immer die Dinge im Blick und in der Nähe, die ihn bei seiner Arbeit inspirieren, die ihn Formen und Konstruktionen erfinden lassen und die ihm Heimweh bereiteten, als er sich im fernen Europa oder zum Bau des UN-Hauptgebäudes in New York befand – der Strand, die Rundungen der Frauen und der Hügel von Rio, die Freunde, die Familie. Manchmal, so bekennt er im Dokumentarfilm zur Ausstellung seines Enkels, sitze er an seinem Schreibtisch, höre einen alten Samba und denke an Freunde, die längst verstorben sind, und weine leise. Doch was ihn noch immer am meisten berühre, sei nicht das Auf und Ab des eigenen Lebens, sondern das Leid der Ärmsten »unter dem gleichgültigen Lächeln der Menschheit«. Es sind starke Worte, Oscar Niemeyer ist ein politischer Mensch. An den Flanken der runden Hügel Rios, die seine Formenschöpfung so stark beeinflusst haben, wuchert die Armut. Mehr als 600 Favelas zählt Rio heute. Davor hat Niemeyer nie die Augen verschlossen, die Schönheit der Formen ging bei ihm immer auch mit politischen Statements einher. 1945 trat er der Kommunistischen Partei Brasiliens (PCB) bei und wurde in der Basisarbeit aktiv. Er verkaufte das Parteiblatt »Tribuna Popular« auf der Straße, plakatierte und organisierte Zellentreffen. Auch den Bau der Hauptstadt verband er mit dem Anspruch, ein neues, egalitäres Brasilien zu erschaffen. Doch dieser Idealismus brach unter der Realität zusammen, während die Gebäude stehen blieben und gleichgültig die Jahre der Militärregierung ertrugen.

Unterstützer der Linken Lateinamerikas
Seine politischen Überzeugungen gereichten Oscar Niemeyer nach dem Putsch 1963 zum Nachteil. Unter dem Regime von General Humberto Castelo Branco wurde er drangsaliert und in seiner Arbeit zunehmend behindert. Der Architekt floh schließlich nach Paris, wo er an den Champs-Élysées ein neues Büro eröffnete. In der Pariser Zeit kreierte er unter anderem den Hauptsitz der Französischen Kommunistischen Partei. Bis heute beschreibt sich Niemeyer als glühenden Kommunisten. Mit seiner Architektur reiht er sich in die aktuelle politische Entwicklung in Lateinamerika ein und wendet sich offen gegen den vorherrschaftlichen Anspruch der USA. Als der venezolanische Staatspräsident Hugo Chávez im Januar dieses Jahres zum Mercosur-Treffen an die Copacabana kam, vereinbarte er den Bau eines großen Monuments zu Ehren Simon Bolivars. 110 Meter soll die Konstruktion in Form eines Pfeils aufragen und sich von Caracas’ Hausberg Ávila aus potent gegen die USA richten. Die linken Regierungen der Region applaudieren. Der Veteran der Moderne ist wieder zu Hause in Lateinamerika.
Die Idee eines Schulterschlusses der lateinamerikanischen Staaten gegen den Unilateralismus der USA begleitet Niemeyer aber nicht erst seit dem jüngsten Aufflammen des Bolivarismus und der neuen Linken in Lateinamerika. Zusammen mit dem Ethnologen und Politiker Darcy Ribeiro etwa entwarf er bereits 1989 in São Paulo das »Memorial da América Latina«, ein Denkmal für die Integration Lateinamerikas. Vor dem Gebäude mahnt eine große Betonhand mit blutenden Adern in der Symbolik Galeanos, innen werden lateinamerikanische Kultur und Geschichte gezeigt. Ab Ende März befasst sich eine Sonderausstellung mit der Idee, die für Niemeyer dahinter stand.
Auch mit dem knapp 20 Jahre jüngeren Fidel Castro verbindet Niemeyer eine enge Freundschaft. So stammt nicht nur die zukünftige brasilianische Botschaft in Kuba von seinem Reißbrett, sondern auch ein Volkstheater für die kubanischen Menschen. Anfang des Jahres ließ er Fidel Castro eine Skulptur als Geschenk übermitteln, die ein brasilianischer Bildhauer auf Kuba nach seinen Plänen geschaffen hatte. Sie zeigt einen Menschen, der die kubanische Flagge gegen eine Bestie mit weit aufgerissenem Maul richtet. Es ist eine Anklage gegen die Wirtschaftsblockade durch die USA.
Mit (fast) 100 Jahren ist bei Niemeyer von Altersmilde oder Müdigkeit keine Spur. Im Gegenteil, es sind noch viele Überraschungen zu erwarten. Die drei roten Punkte im Paço Imperial sagen tatsächlich fast alles.
http://www.nd-online.de/artikel.asp?AID=108700&IDC=2
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Beitragvon sambalover » Di 24. Apr 2007, 22:55

Respekt fuer ihn!
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