Vom Wegehen, Auswandern, Rückkehren und Heimkommen

Tipps und Fragen von Auswanderungswilligen und Leuten, die es schon in Brasilien geschafft haben / Wirtschaftliche Unabhängigkeit

Vom Wegehen, Auswandern, Rückkehren und Heimkommen

Beitragvon dietmar » Do 28. Jun 2007, 15:07

Da ich heute morgen noch ein bisschen traurig bin über die Seleção und ich mich frage, ob dieses Land es bei einer solchen Nationalmannschaft wert ist, darin zu leben, und weil die Thematik gerade im Moment in 2 Threads diskutiert wird, habe ich mich entschlossen, einen eigenen aufzumachen. Aber wahrscheinlich nur, weil es noch nichts kostet! :D

Aber nach dieser nicht erst zu nehmenden Einleitung zum eigentlichen Thema:

Es gehört meines Erachtens mehr Mut dazu, seine Heimat zu verlassen als dorthin zurückzukehren. Manche gehen für ein paar Monate oder Jahre weg, andere wollen das prinzipiell für immer.

Manche machen es aus Liebe, andere aus Abenteuerlust, wieder andere aus beruflichen Chancen oder weil sie vor dem Gesetz das Weite suchen.

Woanders ist es zuerst immer "anders". Doch nicht immer entpuppt sich der Alltag so, wie man es sich gedacht hat. Selbst nach vielen Urlaubsjahren kann man so manche Überraschung erleben. Aber eines macht man mit Sicherheit: Erfahrung.

Wohl sollte man sich da fühlen, wo man lebt. Wo das ist, ist egal. Und man hat schliesslich - genauso wie als Baby laufen gelernt hat - mehrere Versuche. Nichts ist endgültig. Auch die "Rückkehr" ist nicht ausgeschlossen.

Der Terminus "geschafft haben" klingt für mich sehr leistungsbezogen. Wie nach einer Prüfung. Dann habe ich so manche Oper in meinem Leben "nicht geschafft", denn da bin ich in der Pause abgehauen. Oder so manche Karriere, denn bevor ich so richtig aufgestiegen bin, habe ich gekündigt.

Was ich aber immer "geschafft habe" - ich war dort wo es mir gefallen hat. Ich habe meiner Heimatstadt den Rücken gekehrt und habe 2 Jahre in einem anderen Teil Deutschlands gewohnt. Und bin irgendwann wieder zurück. Habe ich nun in Berlin "versagt", es nicht "geschafft"? Und in welchem Zusammenhang? Finanziell, Lebensqualität, Freundschaft?

Wenn ich die Wahl habe, noch frei zu entscheiden, was ich machen will und wohin ich gehen will, dann liege ich ganz vorne. Für mich hat ein "Rückkehrer" nicht versagt, er hat hoffentlich das getan, was er wollte.

Wenn man an einem anderen Ort ist, vermisst man auch manchmal das vorherige. Oder man überlegt, was dort vielleicht besser wäre. Daran ist nichts falsch. Und man darf "heimkehren" .... man sollte immer nur dort sein, wo man glücklich ist.

Ich in meinem Fall habe immer Angst, mich irgendwo niederzulassen. Ein Haus zu kaufen. Es engt mich ein. Ich habe Angst um die Flexibilität. Glücklicherweise fehlt mir immer auch das Geld, eines zu kaufen, daher schiebe ich die Entscheidung vor mir her. Wenn ich morgen in den Nordosten gehen will, dann gehe ich. Wenn ich mit meiner Familie nach Deutschland will, dann gehe ich. Wenn ich hierbleiben will, dann bleibe ich hier.

Es ist Freiheit. Und diese macht mir das natürlich viel leichter. Ich entscheide. Und durch diese "freie Willensäusserung" wird man auch nie zum "Versager". Und nur weil sich Träume und Vorstellungen nicht realisieren liessen, ist man nicht "gescheitert". Man hat Erfahrung gesammelt. Denn das Leben ist wie das Meer - immer in Bewegung. Die Zeiten, wo man auf dem Stück Erde, wo man geboren wurde, auch sterben muss, sind vorbei.

Und in meinem Fall bin ich glücklicherweise derzeit auch immer "zuhause". Denn meine Familie ist um mich herum. Mehr als Frau und Tochter brauche ich nicht zum glücklichsein. Egal wie oder wo auf der grossen weiten Welt. Denn wenn ich sie in die Arme schliesse, bin ich mal wieder "zuhause" angekommen.

Reihard Mey hat geschrieben:
Morgennebel schwebt in feinen Schleiern im Scheinwerferlicht,
Das sich in sprühenden Tröpfchen wie in Katzenaugen bricht.
Rauhreif überzieht das Gras am Straßenrand, die Nacht war kalt,
Reifenspuren von den Feldern, sand‘ge Muster im Asphalt.
Und im Morgenhauch die Ahnung, daß ein Erntefeuer schwelt -
Nichts mehr, das ich jetzt noch brauche, da ist nichts mehr, das mir fehlt.

Paradies!
Hier ist das Paradies!
Ich brauch nicht mehr weiterzugehn
Ich hab‘s mit eignen Augen gesehn,
Auf dem Ortsschild steht:
Hier ist das Paradies!

Alte Häuser tauchen aus der Dämmrung auf, geduckt und grau.
Was drängte mich von hier fortzugehn, ich weiß es nicht genau,
War‘s ein Kummer oder Schmerz, hat mich ein Mißerfolg gekränkt?
Haben mich Geborgenheit und Überschaubarkeit beengt?
Etwas bessres als den Tod - so sagt man - findst du allemal!
Und vielleicht war das Gras wirklich grüner - im nächsten Tal?

Paradies! ...

Ausgeblich‘ne Ziegeldächer, Fenster müde und verhärmt.
Frösteln bis ins Herz und zugleich dies Glücksgefühl, das mich wärmt.
Nur, um das zu finden, weiß ich heut, hab ich mich aufgemacht,
Hat mich eine tiefe, dunkle Sehnsucht doch ans Ziel gebracht,
Mußt‘ ich mein Kap Horn umsegeln und meine Wüsten durchquer‘n:
Ich bin den weiten Weg gegangen, nur um endlich heimzukehr‘n!

Paradies! ...



Aber vielleicht seid ihr ja anderer Meinung! :D
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Sprachkurs Portugiesisch (Brasilianisch)

Beitragvon Severino » Do 28. Jun 2007, 15:21

Wusste gar nicht das Reihard Mey auch bei den Brasilienfreunden ist... :roll:
Aber sonst ein schöner Beitrag. Dem gibt es eigentlich fast nichts mehr hinzuzufügen. Höchstens Eines: Eine Reise hat immer zwei Seiten: Einen Abschied und einen Neuanfang.
paz e amor
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Die Seleção

Beitragvon bruzundanga » Do 28. Jun 2007, 16:54

macht mir keine Sorgen.

Mit Ihren Stars und auch den anderen Spielern
wird sie sich immer wiederfinden.
(Zu frei nach Heinrich Heine)


zum Rest

Nachtgedanken
.
.
Gottlob! durch mein Fenster bricht
Brasilianisch heitres Tageslicht;
Es kommt mein Weib, schön wie der Morgen,
und lächelt fort die deutschen Sorgen.

Frei nach Heinrich Heine, der übrigens auch nicht bei den Brasilienfreunden ist.

Fernab vom Leistungsdenken
Br.
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Beitragvon Jacare » Fr 29. Jun 2007, 11:35

Oi, Gente!
Wäre interessant an dieser Stelle zu erfahren/diskutieren, was eure Motivation ist oder war hier wegzugehen und welche Hoffnung ihr habt/hattet dort zu finden bzw. warum ihr wieder zurückgegangen seid und wie ihr heute über diese Entscheidung denkt.

Gruss
Jacare
A maioria de erros acontecem entre as orelhas!
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Beitragvon Severino » Fr 29. Jun 2007, 11:54

Jacare hat geschrieben:Oi, Gente!
Wäre interessant an dieser Stelle zu erfahren/diskutieren, was eure Motivation ist oder war hier wegzugehen und welche Hoffnung ihr habt/hattet dort zu finden bzw. warum ihr wieder zurückgegangen seid und wie ihr heute über diese Entscheidung denkt.

Gruss
Jacare

Oi Jacare,
meine Wohnort/Staatenwechsel waren Ausbildungs-, Arbeitsplatztechnisch oder wegen dem weiblichen Geschlecht bedingt. Manchmal ergaben sich auch Kombinationen. Die Hauptmotivation liegt bei mir aber eindeutig auf DER Frau. Die ist eben nicht einfach so austauschbar, wie ein Arbeitsplatz - der ja im Wesentlichen den Lebensunterhalt sichern soll.
Meine Hoffnung dabei ist immer ein gutes (ACHTUNG: Nicht besseres) Leben zu haben und zufrieden zu sein. Angst haben muss man ja auch nicht. Als Deutscher/Schweizer kann man ja immer wieder zurück. "Durchkommen" und "Neu Anfangen" sind für mich Herausforderungen denen ich mich jederzeit gerne stelle. Ein Versager wäre jemand der resigniert und sich treiben lässt, in sein Schicksal ergibt. Das ist ein Rückkehrer nicht. Er unternimmt ja etwas um seine Situation zu verbessern. Einer der aber mit seiner Frau zusammen ist, nur weil er die vor x Jahren Mal geheiratet hat, einer der täglich grimmig zur Arbeit fährt und das Leben nicht mehr geniessen kann trotz der Millionen auf seinem Konto, einer der sich hängen lässt, sich keinen Job sucht und über Hartz4 klagt - DAS sind für mich ein VERSAGER.
paz e amor
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Beitragvon PoisonYvi » Mo 2. Jul 2007, 08:52

Oi!
Sehr schöner Beitrag, Brasilblog.

Meine Motivation auszuwandern war ganz klar die Liebe. Und das war auch der Grund, warum ich zurückgekommen bin.

Ob ich es in Brasilien geschafft habe? Hätte ich. Mit Sicherheit. Hätte ich die Ärmel hochgekrempelt, und die Sache angepackt, so würde ich mit Sicherheit jetzt noch in diesem wunderschönen (aber auch tükischen) Land sein, und dort das Leben anders leben, als ich es hier tue.

Was es nicht geschafft hat, war meine Beziehung. Die wäre in Brasilien kaputt gegangen. Der Grund, warum ich "rüber" gegangen bin, ist nach und nach an diesem Land zerbrochen. Und wurde so zu dem Grund, warum ich überlegen musste. Und ich habe mich dafür entschieden, und bin zurück gekehrt.

Habe ich es nun auch nicht "geschafft"? Was denn nicht geschafft? Dort eine glückliche Beziehung zu führen.
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Beitragvon Macumba » Mo 2. Jul 2007, 09:58

PoisonYvi hat geschrieben:(...)
Habe ich es nun auch nicht "geschafft"? (...)


Es nicht versucht zu haben, wäre ein Misserfolg gewesen. Es hätte Dich jahrelang gequält, diese Ungewissheit, wie es gewesen wäre, wenn...
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Beitragvon thomas » Mo 2. Jul 2007, 16:34

PoisonYvi hat geschrieben:Oi!
Sehr schöner Beitrag, Brasilblog.

Meine Motivation auszuwandern war ganz klar die Liebe. Und das war auch der Grund, warum ich zurückgekommen bin.

Ob ich es in Brasilien geschafft habe? Hätte ich. Mit Sicherheit. Hätte ich die Ärmel hochgekrempelt, und die Sache angepackt, so würde ich mit Sicherheit jetzt noch in diesem wunderschönen (aber auch tükischen) Land sein, und dort das Leben anders leben, als ich es hier tue.

Was es nicht geschafft hat, war meine Beziehung. Die wäre in Brasilien kaputt gegangen. Der Grund, warum ich "rüber" gegangen bin, ist nach und nach an diesem Land zerbrochen. Und wurde so zu dem Grund, warum ich überlegen musste. Und ich habe mich dafür entschieden, und bin zurück gekehrt.

Habe ich es nun auch nicht "geschafft"? Was denn nicht geschafft? Dort eine glückliche Beziehung zu führen.


Um Gottes Willen, Du bist zurück??
:(

Tut mir leid, das zu hören!
Sicherlich möchtest Du die Zeit trotzdem nicht missen...
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Beitragvon Takeo » Di 3. Jul 2007, 00:08

Ich bin das Erste mal mit 12 Jahren mit meinen Eltern nach Brasilien gekommen, vorher hatte ich schonmal in Honduras und in LA gelebt, später habe ich eine Zeit bei meinen Grosseltern in der Bundesrepublik verbracht und zum Studium... wenn man aber wie ich in Lateinamerika (und ein bisschen in Californien) gross geworden ist, kommt man nie wieder zurecht in der Bundesrepublik... ich war in Deutschland immer irgendwie ein Ausländer. Hier in Brasilien fühle ich mich komischerweise nicht als Ausländer.
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Beitragvon PoisonYvi » Di 3. Jul 2007, 07:05

thomas hat geschrieben:Um Gottes Willen, Du bist zurück??
:(

Tut mir leid, das zu hören!
Sicherlich möchtest Du die Zeit trotzdem nicht missen...


Ja, bin ich. Die Umstände waren einfach nicht auszuhalten. Lange Geschichte. Jedenfalls kann ich behaupten, ich habe Brasilien reell erleben dürfen. Mit vielen Facetten. Guten und schlechten. Wobei es eher persönliche Defizite waren, als die des Landes, die mich haben zurückkehren lassen.

Irgendwann schreibe ich es auch mal. Wohl eher aber erstmal per PN??
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