Ich lebe nicht in Brasilien, deshalb fallen mir zwar trotzdem solche Defizite wie der MĂŒll, die Armut, KriminalitĂ€t und Gewaltbereitschaft gerade in gröĂeren StĂ€dten, die teilweise schauderhafte Trinkwasserversorgung und Abwasserentsorgung auf, lassen sich aber leichter ausblenden...
... genauso, wie natĂŒrlich die klimatischen Bedingungen, Strand, Meer, Berge, WĂ€lder etc. zu den positiven "Randbedingungen" gehören.
WÀhrend meiner Aufenthalte waren die meisten Dinge, die mich störten, die, die ich auch gleichzeitig liebte- oder umgekehrt
Z.B. fand ich es anfĂ€nglich sehr anstrengend, mit dem permanenten GerĂ€uschpegel zu leben. Irgendwann ertappte ich mich dann dabei, morgens im Hotel vor dem Badezimmerspiegel "mitzuwippen" und dann hatte ich mich so daran gewöhnt, dass mir Deutschland nach meiner RĂŒckkehr unglaublich still vorkam. Vor allem abends, wenn sich sonst vor meinem Fenster in Brasilien ein buntes Völkchen zum Plaudern traf...
Oder die Tatsache, dass man auf der einen Seite zwar recht schnell Leute kennenlernt, nette Churasco-Abende mit ihnen verbringt und auf der anderen Seite trotzdem beim nĂ€chsten Mal ausgetestet wird, wieviel man der Gringa wohl fĂŒr eine Dienstleistung (Taxifahrt, Putzen, WĂ€sche waschen etc.) aus der Tasche leiern kann.
Obwohl der Gringa-Faktor auch Vorteile hat: wenn ich z.B. mal wieder in "meinem" Bus auf dem Weg nach Hause saĂ und nicht wusste, ob ich schon an dieser Ecke rausmusste, gab es ganz oft Menschen, die mich erkannten und die mir geholfen haben.
Ein wenig gewöhnungsbedĂŒrftig fand ich die Tatsache, dass kaum jemand zugibt, etwas nicht zu wissen- das hat mich viele unnötige Fahrtkilometer auf der Suche nach dem Ort xy gekostet.
"Tudo bem" fand ich eigentlich ganz angenehm, da man damit ungewĂŒnschten Fragen entgehen und jedes ungewollte GesprĂ€ch z.B. am Strand direkt im Keim ersticken konnte- hat ein bisschen gedauert, bis es ĂŒberzeugend rauskam aber danach hatte es oft den gewĂŒnschten Erfolg (gerade bei den fliegenden HĂ€ndlern) und ich meine Ruhe
Die Tatsache, dass das Anbaggern ein Volkssport unter brasilianischen MÀnnern zu sein scheint (und sich selbst der schmerbÀuchigste Mann sich noch unwiderstehlich findet), fand ich ziemlich anstrengend- ebenso das einzig wirksame Gegenmittel: komplettes ignorieren...
... aber auch daran habe ich mich gewöhnt.
Die MĂ€nner, die ich nĂ€her kennengelernt habe, haben erstaunlich schnell begriffen, dass ich keinen Bock auf sowas habe. Da war dann z.B. auch klar, dass ich mir zwar gerne ein Bier ausgeben lasse aber dafĂŒr die nĂ€chste Runde auf mich geht und ich nicht stattdessen anderweitig in "Naturalien" zahle
In meinem nÀheren Freundeskreis haben Absprachen Àhnlich gut funktioniert wie bei meinen deutschen FreundInnen. Verabredungen wurden eingehalten, Rechnungen/Kosten wurden immer geteilt und ich habe sehr viel Hilfe bekommen- egal ob beim Besuch bei der Policia Federal, beim Zoll, bei der Suche nach einem Hotel oder einfach bei der Freizeitgestaltung.
Alles in allem ĂŒberrumpeln mich die offene Art und die -zumindest vordergrĂŒndige- Lebensfreude immer wieder aufs Neue und lassen mich staunend durch dieses riesige und so unterschiedliche Land reisen.
GrĂŒĂe,
lb